Hirne, Knarren, Handgranaten

Die Zombieapokalypse hängt wie ein Damoklesschwert über der Zivilisation: Gelegentliche Berichte über Kannibalismus-Attacken nach dem Konsum von Bath Salts, schaurig schön in Szene gesetzter gesellschaftlicher Verfall mit the Walking Dead (von dem es übrigens eine sehr schöne PC-Umsetzung gibt), Literatur über Solanum und Kuro, etc.

Immer besser wird das Szenario zum Miterleben ausgestaltet, nicht nur in Form der mittlerweile immer weiter verbreiteten Zombie Walks, sondern auch zum zuhause-erleben in simulierten Welten der PC-Coop-Realitäten. Freunde des Gore und abstruser Gewaltschau werden dabei ähnlich auf ihre Kosten kommen wie Anhänger von Ausweglosigkeits-Survival-Horror, die statt Gesplatter lieber die Atmosphäre auf sich wirken lassen.

Die Rede ist von Left 4 Dead 2 und Dead Island. Während ersteres ganz klar dem Shooter-Genre zugeordnet werden kann, ist letzteres ein aufwändig produziertes Fusionsding aus RPG, FPS und Storytelling/Railroad-Adventure (das Spielprinzip erinnert in seiner Mechanik dezent an Borderlands). Und da wir eine gewisse Zombieaffinität haben, wird beides im Wechsel co-op ausgiebig gezockt. Dead Island mussten wir uns übrigens über Österreich besorgen, da es in Deutschland nicht verkauft wird. Kaum den Code (wir haben sicherheitshalber die CD-Version geordert) bei Steam eingetragen, bekommt man aber die Freischaltung, schnell und unkompliziert.

Eines vorneweg – ich kann Shooter nicht ausstehen, die man landläufig im Highspeed und in Tournament-Gesinnung spielt – das nimmt mir den Spirit und beginnt mich als Geschicklichkeitsspiel binnen kürzester Zeit extrem zu langweilen. Counter Strike und Konsorten sind da ein schönes Beispiel, das find ich genauso öde wie ständige HP- und Aggro-Berechnung, Tank-Taktiken usw. bei den ganzen MMOs. Ich hab am liebsten Zeit und Ruhe, seh mir alles an, was es zu entdecken gibt, probier hier und da ulkige Sachen aus und versuche mich immer weiter in die Figur und Welt hinein zu versetzen, mich darauf einzulassen. Und natürlich außergewöhnliche oder für unmöglich gehaltene Ansätze auszutesten, etc.

Das setzt natürlich voraus, daß ich beides ernst nehme und das Spiel eher als Simulation betrachte als nur ein oberflächliches Gezocke. Vielleicht bin ich da manchmal sogar etwas zu verbissen, das lässt mich aber eine Spielintensität mitnehmen, die man anders dem Spiel kaum abgewinnen könnte und ohne die ich daran wenig Freude hätte. So spielte ich damals das erste Resident Evil, so spielte ich damals Rainbow Six, Deus Ex, Gabriel Knight 3, Phantasmagoria, Neverwinter Nights, später Metro 2033, Dragon Age, Assassin’s Creed und Mass Effect.

Ich finde ohne einen Draht zu der Story und dem Char verkommt das Meiste zu einem Pac-Man-Abklatsch (Danke an Cheeno für diese Metapher), selbst wenn es noch so epikdurchzogen ist. Da diese eher oberflächliche Art zu spielen aber sehr im Trend liegt, bekommen nun auch schöne Singleplayer-Spiele aus irgendwelchen Gründen einen Multimodus, meist Geballer ohne Story. Das letzte Splinter Cell oder ME3 als Beispiel. Oder man macht das sogar zum Komplettprogramm: KotoR vgl. mit Force unleashed skizziert den Unterschied ganz gut. Aber genug von den Wirren der Spieleindustrie, zurück zu unseren herzallerliebsten untoten Kannibalen, die hinter den „Braaaains“ ihrer einstigen Mitmenschen her sind.

Meistens trete ich bei L4D2 in Form von Bill oder Nick in Erscheinung. Mit Bill, als alten Armeebären, die Sniper und Pistolen in Gebrauch, eine Rohrbombe am Gürtel – mit Nick, dem etwas abgefuckten schmierigen Vorstadtyuppie, die Uzi, Autoflinte oder den Golfschläger (oder gar Pfanne) in der Hand, sowie ein Glas Boomergalle zum Werfen. Kiki spielt in aller Regel Zoey oder Rochelle, meist mit Autoshotgun/M-16, Katana und Molotows.

Normalerweise rückt sie vor und ich halt ihr mit einer Tüte Blei die Standardzombies vom Hals und Rücken, während sie sich durchhackt und die Truppe vor schlimmerem beschützt wie Spitter, Hunter, Jockey oder Boomer. Wenn sie nicht zu sehen sind drehen wir es um, dann köder ich die Mistviecher und sie ballert sie von mir runter während sie beschäftigt sind.Nebenbei fackeln wir allerhand Zeug ab, retten uns gegenseitig den Hintern und spielen mit Sprengmunition, Granatwerfer und dem Soundboard.

Da wir die Standardlevel schon zu Genüge kennen, haben wir uns bei L4D-Maps und im Steam Workshop mittlerweile 7 Gig an Zusatzmaterial heruntergeladen, mal mehr mal weniger gut ausprogrammierte Kampagnen. Zu den Favoriten zählen Diescraper Redux, 25 to life und Dead before Dawn, sowie Blood Tracks. Üblicherweise zocken wir auf normal, nur bei sehr schwer gemachten Endetappen schalten wir einen Gang runter, wenn wir nach dem dritten Anlauf keine Lust auf das Level mehr haben. Von Saferoom zu Saferoom, und bloß nicht zu langsam, weil der Timer die Meute auf uns hetzt. Schade nur, daß die Bots so blöd sind und uns mit ihrer lausigen AI ständig umnötig das Leben schwer machen – aber auch daran gewöhnt man sich.

Bei Dead Island hab ich mir den gefallenen Sportler mit dem kaputten Knie vorgenommen, der mit Sachen wirft. Logan. Kiki spielt am liebsten die toughe Ex-Politesse aus Australien, die mit Knarren umgehen kann. Purna. So schleichen wir uns durch die malerischen Landschaften von Banoi Island: vom schicken Strand über den Leuchtturm, in die verkommene Stadt Moresby und durch den Dschungel. Bis zum Knast und wieder raus.

Was am Spiel um das Royal Palms Holiday Resort so schön ist – die Zombies sind wirklich gefährlich, weniger Massenware als in den üblichen Games. Die Waffen brauchen Pflege, sonst fallen sie auseinander und es ist viel mehr auf Survival und Bedrohung ausgerichtet als gewohnt. Man kann natürlich schöne Upgrades wie Strom oder Gift auf die Klingen packen, aber für den unbedarften Heimwerker tuts auch erstmal ein Tonfa mit Stacheldraht drum. Besonders nett sind die verschiedenen ausgearbeiteten Skill Trees, so bekommt jeder Char seinen eigenen Einsatzschwerpunkt. Generell sind die Charaktere tiefer gehalten als in vergleichbaren Games, das kommt auch und vor allem im Add-On, der Ryder White Kampagne, schön durch.

Das ist das beste Zombie-Game, daß ich je gespielt hab – so viel steht fest. Und deshalb freu ich mich auch auf Dead Island: Riptide, die Fortsetzung – kommt bereits diese Woche raus. Hohen Standard haben die gesetzt, ich hoffe die bauen noch ein paar Story Choices ein, und halten den (nicht so wie einige andere „Marken“). Kultig und markant sind jedenfalls sowohl die Sprüche als auch das Setting – und wenn ich so an diese ganzen Rügen- und Sylt-Sticker denke, die die Leute hinten am Auto haben, bekomme ich immer mehr Bock auf einen von Banoi.

Now playing: Sam B - Who do you voodoo | Stimmung: Gegruselt

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