Da fallen einem die Würmer aus der Wand

Ich habs mit Altbauwohnungen ja ohnehin nicht so, ihr einziger Vorteil in meinen Augen ist die Kühle im Sommer. Da ich nicht allzu groß bin und von Prunk nicht viel halte, sind mir Decken, Stuck und die Optik von außen relativ egal. Hinzu kommt, daß alte Häuser konstruktionsbedingte Marotten haben, die von unerfreulich bis gesundheitsgefährdend reichen können. Zum einen ist die Isolationsbeschaffenheit – und das gilt für Schall, Temperatur, Zugluft und dergleichen – oft sehr dürftig, zum anderen ist selbst bei sanierten Bauten durch Einsparungen die Bausubstanz schimmelanfällig oder einfach instabil.

Letzteres ist bei uns auch der Fall, die SAGA hat der Verarbeitung nach zu urteilen vor ein paar Jahren die billigsten Pfuscher mit dem miesesten Material auf die Wohnung losgelassen und das dann Sarnierung genannt. Ende vom Lied ist, daß wir feuchtigkeitsaffine Wände haben, die einfach hingezimmert wurden ohne die Nutzbarkeit zu bedenken. Das Material scheint Porenbeton zu sein, aufgeschäumte Fertigwand aus mehlfein gemahlenem Kalk, Sand und Wasser. Das Zeug ist so hochporös, daß man einen Nagel mit bloßen Händen in die Wand drücken könnte und sie einem entgegenkommt, wenn man ein Stück Tesafilm von ihr abmachen will. Wenn man versucht ein Loch zu bohren, wird es allein durch die Vibration des Bohrers etwa drei Mal so breit und oft genug ist nur wenige Zentimeter nach Beginn der Operation ein unverhoffter Stahlträger plötzlich im Weg, und das immer nur an einer Seite.

Regelmäßig passiert es uns mit den Wänden, daß irgendwas einfach runterkracht. Sei es ein Bild in Postkartengröße an einem Nagel oder auch einfach mal ein Stück Wand, nachdem dort ein textilüberzogener Stuhlrücken ein Mal zu oft beim Aufstehen dagegengeschoben wurde. Das Loch übrigens mit Moltofill oder anderen Reparaturmitteln wieder zuzukitten hat nicht funktioniert: das Reparaturzeug hat sich beim trocknen um wenige Millimeter zusammengezogen und die es umgebenden Wandkörner einfach mit sich genommen. Es passte, ließ sich aber rausnehmen und saß fortan nur locker. Der Flächendeckende Einsatz von Zwei-Komponenten-Flüssigdübel wurde zur Pflicht, manchmal war aber sogar der Druck aus der Tube schon zu viel für die Wand, oder aber die anschließende Verschraubung, die mit einer Dehnung einherging, brach gleich ein faustgroßes Loch in die Verankerung.

Nur den Decken trau ich noch über den Weg, die haben aber auch eine Probe von 9 kg pro Haken bestehen müssen, bis ich die 12 kg Leinwand dort anbringen wollte. Vermutlich liegt es an einer Verkleidungsschicht aus Holz und dem Umstand, daß der Flüssigdübel dahinter besonders gut griff. Ich habe für die Konstruktion auch wirklich epische Dübel und Haken genommen, alles andere wär mir zu riskant. Aber warum eigentlich gerade dieser Rant?

Ich saß gestern gegen 18 Uhr in der Küche und programmierte mir den Wolf, da tat es einen gewaltigen Schlag und am anderen Ende des Raumes krachte das Gewürzregal mitsamt allem was da drin war nach zwei ruhigen Jahren auf den Kommodentisch darunter und begrub in einem Meer aus staub alles unter sich, was dort gestanden hatte. Die Wand hatte nachgegeben und unter entsprechenden Verlusten ihren Ballast abgeworfen, die Risse in der Farbschicht wurden deutlicher als je zuvor und in den Löchern schienen sie sich noch im innern der Wand fortzusetzen. Wenn das jetzt hinter jedem Riss in der Farbe steckt, ist es nur eine Frage der Zeit bis..

..ach Du Scheiße, die Hängeregale müssen runter. Sofort! Ich hab seit ich sie angebracht habe jedes Mal ein mulmiges Gefühl wenn ich den Geschirrspüler ausräume. Selbe Wand, etwas höher, kurze Zeit später: das letzte Glas und die letzte Tasse verschwand unter dem bedrohlichen Knacken von hinter dem Regal auf den Tisch. Schrauben wurden leicht gedreht und schon konnte ich die Dinger runternehmen. Dann alles wieder reinräumen und erstmal stehen lassen. Alterfalter!

Nachdem wir letztens den endgültigen Wunsch zum Umzug artikuliert haben, ja sogar fast eine Wohnung bekommen hätten die uns zusagte, steht die Entscheidung – wir müssen raus. Ich hab schon seit längerem den Verdacht, daß diese Bude, ihre guten Seiten in Ehren, uns übel zusetzt: Opas Elefantenohrgewächs, daß sonst sprießt wie Zunder ist bei uns kleiner geworden. Wenn man die Pflanzen nur ein Mal zu oft gießt, beginnt die Erde direkt zu schimmeln. Der Zimmerbrunnen verlor seine Pumpe an nicht näher identifizierbaren Schleim. Fünf Haustierchen fanden bereits ihr Ende, die meisten waren an ihrem Lebenslimit nicht angekommen, es geschah einfach, als wäre das Leben anstrengender hier. Die Lebensmittel die nicht im Kühlschrank lagern verfaulen so schnell, daß man fast zugucken könnte. Kopfschmerzen, Müdigkeit, Gereiztheit. Möglicherweise versucht uns diese Wohnung tatsächlich abzumurksen, wer weiß.

Ich bin jedenfalls froh, daß wir bald umziehen und der Prozess jetzt beginnt. Vielleicht haben wir dann auch endlich den Raum, wir selbst zu sein. Eng ist es hier. Wobei wir bei der letzten Umstellung schon einiges gewonnen haben, nur eine Dauerlösung ist das nicht. Aber dazu mehr zu einem anderen Zeitpunkt..

Now playing: Alice Cooper - House of Fire | Stimmung: genervt
  • Zille hatte wohl mal wieder recht? O.o

    „Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so töten wie mit einer Axt.“

    Alucard

    8. April 2015

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