Chicago ctOS blues(creen)

Nach meinem ersten Eindruck von Watch Dogs hab ich das Spiel nun (von der Hauptstory) durch. Alles in allem ist der riesige offene und technische Spielplatz durchaus unterhaltsam, vielseitig und die Stadtviertel abwechslungsreich – da kann man sich nicht beklagen. Spannend sind auch die kleinen Multiplayer-Einlagen, ob freiwillig oder weniger, die Rennen, die Shootouts und der fließende Übergang zwischen Single- und Multiplayer. Alles in allem sehr sympatisch. Was mir immer noch ein wenig quer im Magen liegt ist aber der ruchlose Protagonist. Der fährt eine Attitüde, die irgendwo zwischen familienorientierter Selbstjustiz und selbstgerechter Rücksichtslosigkeit liegt, die nur begrenzt nachvollziehbar ist. Bei einem Auftragsmörder oder Kopfgeldjäger, Söldner oder Mafiaschläger kann ich mir die Abgebrühtheit vorstellen, die der Charakter an den Tag legt, aber nicht bei einem Hacker, der seinen Unterhalt mit unbefugten Zugriffen verdient.

Der ziemlich entspannte Umgang mit Verletzung von Privatsphäre oder kritischen Systemexploits der ganzen Stadt mag durchaus bewusst als Stilmittel gewählt worden sein, um aufzuzeigen wie einfach ein Missbrauch von Daten bei allgegenwärtiger Vernetzung sein wird, jedoch ist die Ruchlosigkeit die man selbst an den Tag legt und in einigen Missionen sogar legen muss etwas zu „casual“ für mein persönliches Wohlempfinden. Das geht damit los, daß man einem Arbeitslosen armen Schlucker ein paar hundert Dollar abzwacken kann und hört nicht erst da auf, wo man mehrere Dutzend Menschen umbringt, um jemanden aus einem Gebäude rauszuholen. Einfach so. Man hätte sie ja nicht irgendwie in die Irre führen können oder die Polizei auf sie aufmerksam machen können, um für genug Ablenkung zu sorgen.

Ja, klar, das sind „bad guys“, selbst Söldner und bis an die Zähne bewaffnet – sie würden kurzen Prozess machen, aber eigentlich müsste man gerade als technisch versierter Spezialist auch andere Wege haben können als sich auf ihr Niveau zu begeben und ihre Eingeweide mit einem Granatwerfer auf diversen Autodächern zu verteilen. Oder auch sowas typisch GTA mäßiges: Man hijackt ein Auto, wirft den Fahrer raus und hört von ihm nur noch ein „Bitte nicht. Ich bin nicht versichert!“ – man kann den Vorgang dann nicht mehr abbrechen und dem jenigen sein Auto zurückgeben, er rennt im Kreis sobald er das Fahrzeug verlassen hat. Vielleicht hab ich mir das Spiel mit meinem Mitgefühl NPCs und Realismusansprüchen etwas vergällt, vielleicht bin ich aber auch einfach mittlerweile nicht mehr so abgewichst, daß ich meine persönlichen Interessen über alles und jeden um mich herum stellen will ohne sie zu hinterfragen. Der Protagonist hat zwar schon ein bis zwei Momente, wo er ob seines Tuns in Zweifel gerät, aber das kommt flach und nicht besonders helle rüber, wie ein ‚huch, war ich das etwa?‘ nach einem Gebäudeeinsturz. Naja, ich denke ihr habt die Idee verstanden, was ich mit diesem Game für einen Zwist hab, insofern verschone ich Euch für den Rest des Artikels damit. 😉

Ein weiterer Kritikpunkt: An einigen Ecken wirkt das Spiel nicht zu ende gedacht – Man hat mehrere Dutzend Fahrzeuge zur Auswahl, aber von den 5-6 verschiedenen Waffentypen gibt es nur jeweils fünf verschiedene, von einem bis zu fünf Sternen. Hat man in einem reichen Viertel mal eine halbe Stunde jeden digital abgezogen, der da rumläuft und sich vorher von den Skillpunkten das Geldradar gekauft, kann man direkt am Anfang die Fünf-Sterne-Waffen ins Arsenal packen und das wars für den Rest des Spiels – der Unterschied zwischen ihnen ist ohnehin kaum merklich, aber man hat bis zum Ende nichts anderes – langweilig. Das Waffenhändler denken ich will sie ausrauben wenn ich die frisch gekaufte Wumme aus der Tasche ziehe, ist auch so ein Ding. Ähnlich wie die Reaktion der Bürger auf einen Bewaffneten, vor allem wenn geschossen wird – würde ich zwei Pixel weiter im rot umrandeten Kampfgebiet sitzen, würde niemand die Bullen rufen – schieße ich von draußen rein, gibts sofort einen Notruf.

Genauso sinnfrei ist das „erkennen“ wo man steckt, ohne echte Versteckmöglichkeiten (wie man sie zB bei Assassins Creed gehabt hätte) – man kann nicht in der Masse untertauchen, auch wenn man sich so verhält als wäre man unbeteiligt. Ich ziehe irgendwo eine Waffe, schieße, renne los, wechsele zwei Mal das Auto außerhalb der Sicht, versteck mich hinter einem Container und trotzdem weiß die Chicago Police wo genau sie wen genau suchen soll. Bescheuert. Ähnlich bekloppt sind die Mechanismen bei einer Verfolgung im Auto – mein Auto wird beschossen, ich fahre nahe an ein Polizeifahrzeug ran, sie steigen erst aus, wenn ich es tue – bin ich nun schnell genug, kann ich in ihr Fahrzeug einsteigen und davonbrausen bevor sie irgendwas dagegen tun können.

Ein paar Positive und vielleicht sogar überraschende Features hat das Spiel aber natürlich auch. Ich mochte es, daß man keine anonyme Masse an Stadtbewohnern hat, das grundsätzliche Gefühl, daß jeder zumindest mal einen Namen und eine Beschäftigung, sei es Hobby oder Beruf, hat. Wenn man die falschen Leute ausnimmt, merken die, daß sie gehackt wurden und setzen ein Kopfgeld auf einen aus, was sich darin niederschlägt, daß andere versuchen Dich zu hacken und auf Dich im Multiplayer ein Preis ausgesetzt ist. Die kleinen Gadgets mit denen man mal mehr mal weniger Tumult anrichten kann, kann man basteln und sie sind ausreichend unterschiedlich, daß es Spaß macht damit ein wenig herumzuexperimentieren.

Von dem Storyverlauf muss ich sagen, hat mir das Ganze gefallen – es war zwar durchaus vorhersehbar und bekam keine großen Twists, war aber dennoch unterhaltsam genug um mich bei Laune zu halten, was natürlich nicht zuletzt dem Setting geschuldet ist. Die ganzen kleinen Nebenaufträge wie Gangs ausräumen, in Sicherheitsbereiche eindringen und das Netzwerk infiltrieren, Konvois abfangen und so weiter, das ist alles zwar auch kurzweilig aber eben eher ein Intermezzo als wirklich was besonderes. Ich hoffe die machen noch einen weiteren Teil und gehen ein paar Schritte weg von GTA und ein paar schritte hin zu DeusEx und Assassin’s Creed, wobei die Sammelwut von letzterem von Watchdogs ja bereits erreicht ist.


Now playing: Alkaline Trio - Private Eye | Stimmung: Unterhalten

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