Was mach ich hier eigentlich?

Diese Frage ist eine berechtigte. Was tu ich den ganzen Tag im Office, vor den beiden großen Bildschirmen an denen mein Lappy angeschlossen ist? Was kommt dabei raus, wenn wir im Mob-Programming einen halben Tag Zeit hatten, Dinge anzupacken? Die Antwort: Jede Menge Code!

In den letzten Wochen und Monaten war ich hauptsächlich mit technischen Evaluierungen beschäftigt, dabei ging es unter anderem darum, eine Testumgebung für unser Angular-System aufzusetzen und es modular zu strukturieren. Zu den bevorzugten Mitteln der Wahl standen Mocha, Jasmine, Cucumber für die eine und RequireJS für die andere Aufgabe. Leider hat sich das alles irgendwie gebissen und vor allem mit der asynchronen Natur von Angular kamen die meisten Tools nicht ohne weiteres zurecht. Manchmal half ein Plugin aber dann scheiterte es an einer anderen Ecke, der Code wurde entweder zu unübersichtlich. Sehr unbefriedigend, irgendwie.

Letzten Endes funktionieren all die Tools, in begrenztem Umfang auch miteinander, aber es war so wie es leider viel zu oft ist – für genau meinen Use Case würde es in einem Debakel enden, wenn ich das irgendwie lose zusammentackere, in ein Unterverzeichnis schiebe und dann vergesse. Ich hab jetzt mal meinen Teamchef angehauen, daß der mir einen Tester besorgen soll, der CucumberJS und PhantomJS/Zombie verdrahtet und startklar macht – so kann ich lernen wie das geht, was ich übersehen habe und wir bekommen vernünftige automatisierte Tests auf Browserebene.

Von der Arbeit mal ganz abgesehen, gibts hier noch einen schönen kleinen Park in der Nähe mit Gänsen, ein paar nette Möglichkeiten essen zu gehen – unter anderem das New Saigon und das Di Liberto (beide sehr empfehlenswert) – und die üblichen Office-Schießereien natürlich.


Now playing: Hadouken - House is falling down | Stimmung: Entspannt

Das Phantom und der Opa

Im September hatten wir hier im Norden seltenen Besuch: Meine Mam hat die Großeltern mit eingesammelt und fuhr sie hier vorbei. Wir haben eine kleine Stadtrundfahrt vorgehabt und natürlich die Gunst der Stunde genutzt, das Phantom der Oper zu besichtigen. Ich habe die Darbietung bis dahin noch nie gesehen gehabt, kannte aber natürlich den einen oder anderen Song von diversen Schwermetall-Covern, der Plot war natürlich bekannt. Anders ging es meinen Großeltern, die natürlich weder die Iron-Maiden-Version noch irgendwas anderes in der Richtung vernommen hatten. Für sie war es vermutlich ein erstaunliches Erlebnis, so zum ersten Mal ein Musical zu besichtigen. Dazu noch ein so legendäres, grusliges und auch noch in der Original-Location (zumindest was die deutsche Fassung angeht). Es war ein grandioses Schauspiel, sehr einnehmend und ich habe es sehr genossen. Hin und wieder mussten wir natürlich Oma und Opa übersetzen warum jetzt genau was wer da gemacht und gesagt hat, aber im großen und ganzen konnten Sie dem Plot folgen und waren auch von der Performance beeindruckt.

Abgesehen von dem Spektakel gehört natürlich ein kleiner Trip durch den Hafen zur vollen Stadttour dazu, und so nahmen wir im Innern eines der Touristenboote Platz und ließen und herumführen. Unser Reiseleiter, komplett mit hamburger Mundart und kleinem Hund (of Rettungsweste) erzählte uns Geschichte und Geschichten vom Hafen, seinen Kränen, der Elbphilarmonie und allem drumherum. Etwas Seeluft, leckeres italienisches Essen und eine weitere kleine Rundfahrt im Auto später landeten wir dann auch bei uns zuhause, wo es ersteinmal Tee und Eiskrem gab. Für meine Mam natürlich ausschließlich in der im Topf heiß gemachten Form, so wie sie mir als ich klein war welche serviert hat aus Angst, ich könnte mich an dem kalten Original erkälten. *evilgrin* Sie trugs mit Fassung.

Now playing: Das Phantom der Oper - Das Phantom der Oper | Stimmung: Freudig

Play us a Symfony

Unsere kleine Delegation besuchte im Januar eine würzburger Softwareschmiede, um mehr über Scrum, Git, Symfony und agilen Workflow direkt aus der Praxis zu erfahren. Hintergrund war die Entscheidung, ob wir bei der neuen Joomla 3 Version weitermachen oder uns auf eine komplette Eigenentwicklung in Symfony stützen würden, was weitere Webprojekte anging – jetzt nachdem wir uns für den Moment gegen Typo3 Neos/Flow und auf Java basierenden Frameworks entschieden haben.

Untergebracht waren wir im durchnittlich komfortablen Hotel Amberger, fast mit wundervollem Blick aufs Theater.. parkhaus. Die Zimmer waren sauber und würden für die zwei Nächte ausreichen, wenngleich die anderen etwas auszusetzen hatten – mal wars nicht dunkel genug, mal war es zu kalt um vernünftig schlafen zu können, mal die Betten zu kurz – konnt ich nicht nachvollziehn, aber jeder hat halt seine Sicht.

Für den spätabendlichen Snack ließen wir uns eine Chinabox empfehlen mit der Ausweichoption auf einen texikanischen Imbiss, sollte uns das nicht zusagen. Der Chinaladen war bereits geschlossen als wir dort ankamen (immerhin war es Montag und nach 22 Uhr) aber das Habañeros hatte noch auf. Zu einem überschaubaren Preis gab es in dem ambientigen Laden gescheite Burger und vor Käse und Jalapeños nur so strotzende Nachos, kross gebacken. Muy bien. Me gusta!

Am morgen gings zu fuß die Straße runter und durch den angrenzenden Park, über die Brücke und direkt in die Zentrale von Mayflower. Wir wurden herzlich empfangen und es begann die obligatorische Vorstellungsrunde. Die Mitarbeiter waren durch die Bank Experten auf ihrem Gebiet und für mich zeichnete sich deutlich ab, wie groß der Unterschied zwischen uns als Gemischtwarenhändler auf dem Codingmarkt und eingefleischten Vollblutentwicklern aus einer Softwareklitsche war. Da gigs um mehr als nur ein paar Tools und Standards, das hatte etwas mit dem Approach zu tun und natürlich mit dem Modus Operandi.

Wir bastelten uns einen Themenfahrplan für die zwei Tage zurecht und legten mit dem Austausch los. Die Themen erstreckten sich von Scrum, PHPStorm, Git und Node.js über Pair Programming, Release Management bis zu Symfony-Aufbau, Bundles, Composer, etc. Eine ganze Menge Stoff, viele Beispiele und Begriffe, die Köpfe qualmten ganz ordentlich. Etwa acht Stunden später waren wir durch, in mehreren Hinsichten. Zeit für ein Festmahl!

Der Ratskeller bot die entsprechende Gelegenheit und während wir die Riesenhocker aus Massivkork bewunderten und uns bewirten ließen, kam es zum Meta-Austausch über Firmenalltag, gemeinsame und individuelle Erlebnisse, sowie Anekdoten aus prädigitaler Zeit. Nach reichlich Speis und Trank verabschiedeten sich unsere Gastgeber und wir machten noch eine kleine Abendwanderung zur Marienbrücke, wo wir mit bestem Glühwein in fast klirrender Kälte den Ausblick auf die Burg und andere beleuchtete Gebäude genossen, bevor es zurück ins Hotel ging.

Am nächsten Morgen klingelte der Wecker bereits um sieben und wir fanden uns erneut bei unseren Gastgebern ein, diesmal um Virtualisierung zu vertiefen und einen genaueren Blick in ein Projekt zu werfen. Datenbankmigration, Fallback-Vorrichtungen, Softwarearchitektur, vieles stand auf dem Plan und wir kamen gut durch, auch wenn die kurze Nacht ihren Tribut forderte. Doch irgendwann waren wir mit dem Programm durch und machten uns auf den erstaunlich schnellen Weg zurück in den Norden.

Der ICE von München nach Lübeck ist ein Geschwindigkeitsmonster, teils mit 200 Sachen. Es dauerte tatsächlich nur 3,5 Stunden und wir waren wieder nerdlich der Elbe und somit nicht mehr in Bayern.

Now playing: Shadowrun Returns OST | Stimmung: Hirnüberladen

Retrospecflection

Im Novembernebel durch die Nacht, ab durch den Tunnel und in die hügelige Finsternis zwischen Nord und Süd. Vor mir rote Lichter, hinter mir grelle weiße – ich schalte den Spiegel auf stumm und drehe Deadbolt mit „Buy a gun, get a free guitar“ etwas weiter auf. Links neben mir springen massig entgegenkommende Autos gefühlt in den Hyperraum und sind auf nimmerwiedersehen verschwunden. Irgendwo bei Hannover springt mein Chip um auf die Leningrad Cowboys und ich mache einen kurzen Break für Speis, Trank und Tank.

Nach dem zweiten Glockenschlag komme ich im frankfurter Stadtkern an, biege irgendwann links ab und male ein U auf den Straßenbelag vor den Friedhofstoren. Memories. Ich parke mein Gefährt und schnappe mir den Krimskrams, der sich mittlerweile im Innenraum verteilt hat. Die letzten Akkorde von Malukah’s Reignite kriechen mir noch durch den Kopf und alte Bilder aus den Welten von Mass Effect ziehen vor mein geistiges Auge als ich die Treppen hochstapfe.

Haarloses Sofamonster awaits! Hab sie vermisst, meine kleine wuselige vierbeinige Schwester. Sie mich offenbar auch, so aufgedreht wie sie war. Ich mache mir das Lager fertig und falle in einen tiefen und traumlosen Schlafmodus. Ich kenne diese Stadt besser als jede andere, ich lebte hier länger als irgendwo sonst und doch fremdel ich mit ihr wie mit einem Kleidungsstück von dem ich weiß, daß es mir einst passte. Ich kenne den Stoff, weiß wie er sich auf meiner Haut anfühlt und erinnere mich daran, wie ich ihn trug – aber nichts davon hat mit dem jetzt zu tun – nicht mehr. Allerdings nicht auf eine distanzierte Weise, es ist alles noch immer Teil von mir, Teil meiner Vergangenheit, meiner Selbst und meiner Erinnerung – bestimmt es dennoch nicht mein Leben. Not anymore.

Ich komme mir ein wenig vor, als würde ich nach Drehschluss die gigantische Kulisse eines Films an dem ich Jahre mitgearbeitet habe betreten, Realitäten und Erinnerungen ziehen in einem unbeschreiblichen Tempo an mir vorbei, Spuren und Reste von Gefühlen und Gedanken die ich das letzte Mal hatte als ich dort war, wo ich gerade entlanggehe. Hier eine eigenartige Situation erlebt, dort einen Anruf bekommen, da drüben diese leckeren Pistazien gekauft, nebenan von einem Münzhändler fast übers Ohr gehauen worden, dort geparkt und Strafzettel kassiert, da entlang besoffen nach Hause gewankt, hier Wohnung besichtigt, gegenüber zum ersten Mal eine Schawarma probiert, unweit einer Schlägerei aus dem Weg gegangen, dahinter ein Neujahrsfrühstück im Freien genossen bei Schnee und Sonnenschein. Mir ist in dieser Stadt unendlich viel passiert, in nahezu jedem Winkel gibt es irgendwas spezielles was ich damit verbinde – und dennoch wirkt es auf mich nicht mehr wie ein Zuhause. Vielleicht liegt das daran, daß ich nicht in meinem alten Leben lebe, mich nicht durch meine Vergangenheit definiere oder gar definieren möchte, mir Teile meines damaligen Daseins unbewusst nie gepasst haben aber die ich nur hinter mir lassen konnte, indem ich ging.

Es heißt, wenn man vor irgendwas davonläuft, holen einen die Sachen früher oder später ein. Man nimmt Probleme mit, egal wohin man auch geht, denn sie sind das erste was im Koffer landet. Allem Anschein nach bin ich nicht geflohen – alles was ich nicht wollte ist hier geblieben, genau so wie ich es hinter mir gelassen habe. Es ist mehr mit dem Ort und seinen Eigenheiten verbunden als mit mir – genau wie ich es von Anfang an gesagt habe. Doch nicht alles was ich zurück ließ fehlt mir nie, genauso wenig wie bei weitem nicht alles was da geblieben ist schlecht oder in meinem Leben unerwünscht war. Aber je öfter ich wieder in die ehemalige Heimat fahre, desto öfter merke ich – eine Rückkehr wird es nicht geben. Nicht in diese Stadt. Nicht in diese Region. Und auch irgendwie nicht in diese Epoche. Dieses Gefühl hat manchmal etwas davon, einen Teil von sich zu begraben – andererseits hat das gefühlt auch was mit dem Druck im Schädel und dem abgeworfenen Ballast zu tun. Paradox? Nicht wirklich.

Ich nahm mir die Zeit mit Phillip, Flo und Marlene zu frühstücken, mit Liz irgendwann Nachmittags auf einen Kaffee im Plazz einzufallen und ansonsten Jochen und Göhrk einen Besuch abzustatten. Diese hatten mittlerweile einen Konsolen-Tempel ins Leben gerufen, der Kühlschrank produzierte nach wie vor Eiswürfel und eine relativ unbespielte Dartscheibe hing an der Wand. Ich hab den Jochen kaum gesehen oder gesprochen seit er Vater geworden ist und es gab beiderseits eine ganze Menge zu erzählen, Göhrk war indes an einem Jobwechsel dran weil ihm seine aktuelle Arbeit nicht mehr die Erfüllung bot die er sich von ihr versprach – also war alles wie immer, nichts blieb wie es war. Die Clique (oder was man davon noch als solches Konstrukt bezeichnen konnte) war weitestgehend unverändert geblieben und jeder ging so seinem Leben nach.

Ich traf mich mit Jan zur Whisky-Messe, schaute in der Zapp vorbei und besuchte Kosta, Vio und Tharros, fuhr mit Opa für ein paar Tage an den Mittelrhein und schaute mir die neuen Praxisräumlichkeiten von meiner Mutter an – kein Vergleich mit den alten in die Jahre gekommenen Räumen von davor. Die Großeltern besuchen, ein Spaziergang auf der Leipziger, zum ersten Mal in dem Gebäudemonstrum der MyZeil (die mich entfernt an die Malls von Dubai erinnerte – nur ohne die Ninjas) – viel zu tun und viel zu sehen.

Immer wieder beschleicht mich in Frankfurt dieses Museums-Gefühl, das Herumgeführt werden und das Abklappern der Ausstellung. Eine kleine Welt für sich als Miniatur. Ein Bißchen wie Legoland. Nur ohne Lego.

Now playing: Malukah - Reignite | Stimmung: Bleeding

From Banoi to Palanai..

..oder von Praslin nach LaDigue. Die Seychellen sind auf der Karte östlich von Tansania, direkt oberhalb von Madagaskar – ziemlich genau am Äquator. Sie sind berühmt für traumhafte Strände, die größte Kokosnuss der Welt, wild lebende Flughunde, Piratenübergriffe und riesige Schildkröten. Bis auf die Piraten haben wir auch alles zu Gesicht bekommen, aber ich fange wohl am besten chronologisch an. Als wir gelandet sind, habe ich eigentlich eine ähnlich feucht-drückende Luft erwartet wie auf Mauritius, aber die blieb irgendwie aus. Vielleicht war ich an die klimatischen Verhältnisse bereits gewöhnt, vielleicht aber waren die Inselgrößen ausschlaggebend und der Meereswind sorgte für alles Übrige. Wir warteten an dem süßen kleinen Flughafen auf den Bus zu unserer Fähre und nahmen zahlreiche bunte Vogel- und Pflanzenarten näher in Augenschein. Da wir einen frühen Morgenflug genommen hatten und ich im Flugzeug noch einige Momente schlafen konnte, war ich noch entsprechend Deliriös und kam noch nicht auf die Idee zu viel berichtenswerten Unfug anzustellen. An dem Fährhafen angekommen, schnappten wir uns die dicken Plastiktickets und gingen an Bord – unser Zielhafen Praslin war etwa eine Dreiviertelstd von Mahé, der Hauptinsel, entfernt.

Dort angekommen schnappten wir uns ein Taxi und ließen uns an Grande Anse (einer der zwei Siedlungen auf der Insel) vorbei zu unserem kleinen gemieteten Häuschen bringen, wo man uns schon erwartete. Mit Kokosnüssen aus denen Strohhalme ragten nahm man uns in Empfang und führte uns hinauf zum höchsten Haus des Seaview-Lodge-Hügels, vorbei an dem Schildkrötengehege (offensichtlich Haustiere) und einigen Eidechsen. Wir machten es uns erstmal gemütlich und genossen ein wenig den Ausblick vom Balkon, während uns unser Hauswirt in die Details der Räumlichkeiten einwies und uns Hinweise gab, wo wir Nahrung, Getränke und Souvenirs kaufen konnten. Wir fackelten nicht lange und packten ein paar Strandsachen zusammen, ab ins Auto und ab in den Sand. Es gab diese eine wunderschöne Stelle, an der leider vor ein paar Jahren ein Hai eine frischvermählte Braut in eine Witwe verwandelt hat, dort hat man dann ein Unterseenetz aufgespannt (von dem wir hinterher erfahren haben, daß es nicht mehr intakt ist weil für Wartungsarbeiten schon bald die Mittel gefehlt haben) – malerisch und sehr einladend, also ab ins Wasser allen Gefahren zum Trotz.

Müde von der Reise und dem Strandtrip kehrten wir aber auch bald schon heim, immerhin wurde es auf den Seychellen jeden Tag um ziemlich genau 18 Uhr dunkel und die Welt schaltete in den Nachtmodus. Die kurze Dämmerung machte den Effekt noch dramatischer, innerhalb von nicht einmal zwanzig Minuten konnte sie von „fast taghell“ auf „stockfinster“ schalten, während die heimischen Flughunde den Abendhimmel bekreisten. Einen leckeren Fisch zu Abend, noch ein paar Kokosnüsse von unserem sehr herzlichen und stets lächelndem nepalesischen Haushelfer und wir warfen die Klimaanlage an, damit wir in der Nacht wenigstens eine angenehme Schlaftemperatur hatten.

Am nächsten Tag zog es uns in ein Naturschutzgebiet, dem Vallée de Mai (UNESCO) – von hier stammte die größte Nuss der Welt, die Coco de Mer – eine Frucht von einer Palmenart, die männliche und weibliche Bäume hat und so wie die Auswüchse aussehen, geben die Pflanzen ein grandioses Fruchtbarkeitssymbol ab. Die Ausfuhr einer Coco de Mer ist übrigens nur mit Zertifikat legal, sagte man uns, es stehen hohe Strafzölle für diejenigen an, die kein solches vorweisen können. Wir ließen uns viel über die einheimischen Pflanzen und Tiere erzählen, während wir durch die Dschungelanlage staksten, lasen viele Schilder und bewunderten die Ähnlichkeit mit Banoi und Palanai. Den seltenen grauen Papagai haben wir auch ein paar Mal gesehen, genauso wie einige Süßwasserkrebse und Pilze. Ein erstaunliches Areal, dieses Valley!

Wir nutzten die Gelegenheit schon halb um die Insel rumgefahren zu sein, um die andere Seite von Praslin zu erkunden – mit der anderen Siedlung. Seltsamerweise führt um die Insel eine Straße, die an einem Punkt in ihrer Durchgängigkeit unterbrochen ist, hinter dem kleinen Flugplatz kommt man nicht mehr rum und muss den ganzen Weg zurück um wieder zu uns zurück zu kommen. Im Dunkeln im Dschungel übrigens nur sehr bedingt empfehlenswert, diese Straßen. Mangels Beleuchtung und wegen rasenden Einheimischen ist es, sagen wir, etwas tricky. Wir hätten auch eine Abkürzung nehmen können gemäß Karte, aber irgendwie hat der Wagen von der anderen Seite schon den Anstieg nicht verkraftet gehabt, also sparten wir uns den zweiten Versuch und fuhren nochmal von außen an Grande Anse vorbei. Olga hatte am Abend Kartoffeln mit Knoblauch gemikrowellt und ich hab den Käse und die Nudeln zu irgendwas ansatzweise essbarem verarbeitet und wir verkrochen uns in Zimmern und Büchern. Ich hatte das im Deus Ex Universum spielende „Icarus Effect“ zu meiner Reiselektüre erwählt und war damit auch schon gut unterwegs. Das Buch bringt einen zu bekannten Gesichtern und Schauplätzen, skizziert die abgebildete Welt noch etwas feiner und macht Spaß, so wie es ein guter Cyberpunkroman sollte. Abends leisteten uns übrigens anstatt befürchteten Mosquitos kleine grüne und braune Geckos Gesellschaft: im Haus, an den Lampen, im Dachgebälk der Terasse, einfach überall. Putzige Viechers, wenn auch sehr scheu.

Am nächsten Morgen ging es für uns bereits weiter auf die Nachbarinsel – LaDigue. Eine der schönsten Inseln der ganzen Gruppe, hieß es. Wir nahmen die guten-Morgen-Fähre und machten es uns auf dem Oberdeck mittig bequem. Nah genug an der Plastikplane an der sich einige spanische Yuppietouristen vorbeigeschmuggelt hatten, um auf den noch komplett unbesetzten Plätzen mit gutem Ausblick und ordentlich Wind im Haar Platz zu nehmen. Das Boot nahm Fahrt auf und es dauerte nicht lange, bis wir miterleben durften warum die Plätze dort abgesperrt waren: Der Seegang spuckte bei fast jeder Welle einen ordentlichen Eimer Wasser frontal auf diese Sitzgelegenheiten und nach wenigen dieser Ergüsse waren die Spanier völlig durchnässt, hatten ihre Kopfbedeckungen verloren und versuchten verzweifelt ihre iPhones zu retten, während das gesamte obere Deck sich vor Lachen um diese Show hinter dem durchsichtigen Plastikvorhang kaum halten konnte. Durchgefroren vom Fahrtwind und klatschnass kamen sie nach der kurzen Fahrt leise fluchend wieder heraus, sehr zum Amusement des Personals, was die beiseitegezogene Absperrung jetzt erst entdeckte. Reinster Slapstik. Versüßt einem den Tag.

Und tatsächlich, die Insel auf der wir ankamen war unbeschreiblich hübsch – überall kleine Häuschen, die mich an kubanische Touristenviertel erinnerten – abgeranzt aber herzlich, ebensolche Schilder, Fahrräder und entspannt wirkende Leute. Wir brauchten keine zwei Minuten zu unseren Kämmerlein, die Blick auf den Hafen hatten. Die Fahrräder hier werden übrigens nicht abgeschlossen, man lässt sie einfach stehen und fertig. Naja, wohin sollen sie auch schon verschwinden – hier kennt jeder jeden seit Jahren, weiß wer was hat und woher, insofern ist das entwenden selbiger sinnlos. Da Alla und Olga sich ausruhen wollten bevor sie loszogen die Insel zu erkunden, machten wir uns alleine auf den Weg. Im Visier war der meistfotografierte Strand der Welt und die Anlage drumherum. Zugegeben, diese Insel war weit mehr auf Touristen ausgelegt als die vorherige, aber das tat weder der Natur noch dem Erlebnis einen Abbruch. Wir spazierten südwärts und betraten nach einigem Suchen und Finden das Strandareal, wo es vor Felsen, Buchten, Kokosdrinkhändlern und Krabben nur so wimmelte. Die Algen in denen die Sandmücken brüteten waren erfreulicherweise dieses Halbjahr auf der anderen Seite der Insel, wo es raus zum indischen Ozean ging und das Schwimmen wegen dem Sog ohnehin gefährlich war.

Wir streiften ein wenig umher, sahen uns die schönen Strände und Klippen an, suchten nach einem nicht von Touristen übervölkerten Teil und wurden schließlich fündig. Dort hockten wir uns in den Schatten und genossen die Szenerie, den Wind und das Geräusch der Wellen. Auf dem Rückweg begegneten wir Olga und Alla, die wohl gerade ihre Fahrräder geparkt hatten und hielten auf einen Drink in irgendeiner kleinen Strandbar, bevor wir mit müden Füßen wieder nach Hause gehen wollten. Die Abkürzung für die wir uns aber entschieden hatten war jedoch keine. Irgendwo sind wir zu früh westwärts abgebogen und weil man auf den Seychellen die Straßen nicht zuende baut standen wir schlussendlich irgendwo im Nirgendwo und gingen einen ähnlichen Weg zurück wie den auf dem wir gekommen waren. In der Zwischenzeit hatten wir jedoch das Vergnügen wild lebende Flughunde an so manchem Baum klettern und hängen zu sehen. Fluffig-orange mit schwarzen Schnauzen baumelten sie leicht im Wind und schauten uns an oder kletterten zu komischen Früchten, die oben im Geäst verborgen waren.

Als wir die uns bekannte Weggabelung erreicht hatten, passierten wir ein paar nahezu ausgehungerte Pferde (ein trauriger Anblick) und kamen dann an ein recht großes Schildkrötengehege, wo ein einheimischer Wärter gerade selbige fütterte und daraus eine ziemliche Show machte. Einige Fußschmerzen später waren wir aber bereits zuhause und konnten duschen und uns etwas ausruhen. Ich hatte mir unterwegs ein paar übertrieben teuere Urlauberhemden zugelegt und so zog ich mich um und wirkte nun endgültig wie der letzte Tourist. Am Abend wollten wir die Empfehlung von unserem Hauswirt Ben annehmen und in einem kleinen Restaurant in der Nähe speisen, welches von seinen Verwandten betrieben wird. Dort sollte es das beste Chicken Creole der Insel geben. Leider befand es sich direkt gegenüber eines frisch gedüngten Feldes und bot dem Besucher eine Geruchspalette, die mit frischem Essen nicht viel gemein hatte. Also sind wir von diesem Vorhaben wieder abgerückt und haben uns entlang der Hauptstraße eine Speisegelegenheit gesucht. Was sich seltsamerweise durch unseren ganzen Besuch zog war das seltsame Verhalten der Einheimischen. In dem Moment, wo sie uns Essen verkauften (egal ob fertige Gerichte oder nur Zutaten) wirkten sie unfreundlich, kalt und irgendwie unwillig. Es gab nur zwei Ausnahmen – die eine sollten wir am folgenden Tag erleben, die andere waren eingewanderte Inder, die eher indisch als einheimisch wirkten.

Die kreolische Küche war faszinierend aber recht schnell erkundet. Natürlich gab es Fisch und Schalentiere in allerhand Variationen, aber vor allem Geflügel oder auch Rind fand man auf der Karte. Schweinefleisch war eher eine Seltenheit – ich vermute das hängt mit den beschränkten Kühlmöglichkeiten und der leichten Verderblichkeit zusammen. Seit ich den Jackfruit-Tree in dem Reservoir gesehen habe, habe ich es mir aber in den Kopf gesetzt unbedingt die Jackfrucht zu probieren, diese Gelegenheit sollte ich aber erst auf Mahé bekommen. Reis und Kartoffeln, sowie importierte Pasta stellten hier einen Großteil der Beilagen, vieles war scharf oder das was wir Touris dafür halten. Wir zogen uns nach dem Essen wieder auf unsere Zimmer zurück und planten für den nächsten Tag eine kleine Radtour in die andere Richtung als heute.

Nach dem Frühstück packten wir unsere Strandsachen aufs Fahrrad und bewegten uns nordwärts, vorbei am schicken Friedhof in weiß und auf zum nahezu verlassenen Strand, wo wir Muscheln sammelten und ein wenig im Wasser umherschwammen. Der Boden war Korallen- und Steinhaltig, so mussten die Wasserschuhe herhalten, aber es war schön anzusehen und gefunden haben wir auch viel Kleinod. Wir ließen die betagteren und weniger sportlichen Damen zurück und radelten nach einiger Zeit alleine weiter, immer die Straße entlang, Hügel um Hügel. Am Wegesrand begrüßten uns einheimische Tiere (zB eine riesige aber gemütliche Schildkröte, ein Hahn und eine Kuh), links ging es steil die Klippen runter – dorthin, wo die Wellen einschlugen und der weiße Schaum in die Luft sprudelte. In Europa hätte es vermutlich Absperrungen gehagelt, hier war am Ende der Straße eine Handbreit Platz bis zum Abgrund.

Aber auch auf dieser Insel baute man die Straßen nicht zuende ringsherum und so kamen wir nach einiger Zeit an das Ende. Sie hörte einfach auf. Dahinter sah man nur noch Felsen emporragen und den Ozean auf selbige einpeitschen. Wir machten kehrt und genossen die Strecke ein zweites Mal, hielten hier und da kurz an, badeten unsere Füße und sammelten Gaben des Meeres ein. Als wir wieder zuhause angekommen waren, war es nicht lange hin bis wir zu unserem Abendmahl in ein ansässiges Lokal mit einem (seltsamerweise) russischen Namen aufbrechen mussten. In Ermangelung einer Straßenbeleuchtung improvisierten wir mit Taschenlampen und Rufen eine Menschenkette auf Fahrrädern und trafen so relativ bald dort ein wo wir hin wollten. Die Gaststätte war charmant angelegt, mit kleinem Garten in dessen Mitte einige Stühle und Tische Platz boten. Ein Stück dahinter befand sich die Terasse unweit der Bar. Wir suchten uns ein schönes Eckchen und schauten durch die Karte. In der Zwischenzeit brachte man uns Getränke und Eiswürfel – wir haben eine große Freude am einheimisch produzierten Ginger Ale gehabt. Da wir nicht sicher sein konnten ob die Würfel aus abgekochtem Wasser gemacht waren, ließen wir der Höflichkeit halber einige verschwinden und den Rest zurückgehen. Kiki hatte mit ihrer spontanen Eis-hinfort-Technik Olga in der Zwischenzeit so zum Gackern gebracht, daß die arme fast die ganze Zubereitungszeit gebraucht hat, sich wieder zu beruhigen.

Das Essen war köstlich, scharf, knoblauchig und reichhaltig. Zum Nachtisch gab es noch einige Portionen Speiseeis. Oder das was die Bewohner dieser Inselgruppe dafür halten. Es schien offensichtlich aus einer Instant-Pulver-Variante gewonnen zu sein, man schmeckte den mehligen Geschmack – zusätzlich zu dem synthetischer Aromen. Aber auch mal interessant, was Einheimische so aus ihren logistischen Möglichkeiten machen.

Wir hätten gerne noch einen oder zwei Tage mehr auf der Insel gehabt, um sie bis in ihre bergig wirkende Mitte zu erkunden, aber am nächsten Morgen gings für uns schon wieder weiter zurück auf Mahé. Dort haben wir dann ein paar Sachen geplant zu denen wir bisher noch nicht gekommen sind – Schnorcheln gehen am Korallenriff und die Schildkröteninsel besuchen. Und natürlich wollten wir noch in Victoria, der kleinsten Hauptstadt der Welt, ein wenig Sightseeing betreiben. Damit begannen wir auch ziemlich direkt, nachdem wir uns in unser wunderschönen Villa im Süden der Insel niedergelassen hatten und die Koffer ein letztes Mal auseinandernahmen.

Victoria erinnerte mich stark an eine Mischung aus Henderson (Palanai Island) und Port Louis (Mauritius) – abgeranzt und doch lebendig, vielseitig und doch nicht ungefährlich. Wir versorgten uns im Supermarkt mit den Sachen, die wir später brauchen würden und suchten uns zu Fuß den Weg zum städtischen Marktplatz, der erschreckende Ähnlichkeit mit dem Sea Market auf Palanai hatte. Allerdings gab es da keine Zombies und die Souvenirs waren ganz nett anzusehen. Dort hab ich auch ein Päckchen bereits geschälte und geschnittene Jackfruit ergattert, die ich später zuhause auch probiert habe. Eine sehr faszinierende Frucht war das – von der Konsistenz und dem ersten Geschmack erinnerte sie ein wenig an eine faserig-weiche Art Ananas, doch dann kamen Aromen auf, die eher nach Honigmelone und Apfel und zum Schluss zitrusartig schmeckten. Ich habe noch nie etwas derartig kurioses gegessen, muss ich sagen. Wir wuschen und trockneten die Kerne, nahmen sie mit nach Deutschland und mittlerweile sind vier von sechs kleinen Jackfruchtbäumen gekeimt und stehen bei uns auf dem Fensterbrett.

Aber zurück zum Markt – Olga schaute sich noch ein paar Kleider an, Kiki machte einen Ausflug in die Welt der Gewürze und ich stahl mich davon um ein paar Blumen zu kaufen. Alla hatte Geburtstag und obwohl es überall wo wir gefragt haben hieß „Keine Blumenläden auf den Tropeninseln“, wurde ich am Markt fündig in einem kleinen eher nach Metzgerei aussehenden Geschäft in dem es so kalt war wie in einem Kühlschrank. Bei den Außentemperaturen, verständlich – das würden die Blumen nicht mitmachen. Da Kiki die Alla lang genug ablenken konnte, daß mein Verschwinden zunächst unbemerkt blieb, war die Überraschung später um so größer. 😀 Well played.

Mit Speis und Trank gings dann wieder zurück nach Hause, zumindest nachdem wir über Umwege für den nächsten Tag einen kleinen Trip um die Insel gebucht hatten. Man gewöhnt sich irgendwie ein anderes Tempo an, wenn die Tage so kurz sind und die Abende lang, hab ich das Gefühl. Da ist 16 Uhr schon reichlich spät, wenn das Licht gegen 18 Uhr fast komplett verschwunden ist. Seltsames Gefühl das, immer wieder surreal. Wie dem auch sei, am nächsten Tag waren wir morgens an der Pier und ließen uns von unserem leicht bekifft wirkenden Erique in seinem Glasbodenboot zum Schnorcheln an die Korallen bringen. Die Fische waren zum Greifen nah, sprangen fast aus dem Wasser als wir sie unterwegs fütterten. Das Wasser war perfekt, die Korallen und ihre Bewohner ein Augenschmauß und diese Ruhe, weit und breit nichts – einfach herrlich.

Nach einer ganzen Weile des Auf- und Untertauchens, Schnorchelns und Fotografierens waren wir wieder ins Boot geklettert und los in Richtung Schildkröteninsel, wo ein kleiner Rundgang auf uns wartete. Und mehrere Dutzend Schildkröten! :O Die Insel selbst war vom Schmugglernest über Mission über Naturreservat schon so ziemlich alles gewesen und überall fand man kleine Gebäude, ihre Ruinen oder Geschichten und Legenden aus der Region auf netten Schildchen angebracht. An einigen Passagen mussten wir ganz schön klettern, manchmal auch echt vorsichtig runter um uns nicht zu maulen, aber alles in allem hatte das ganze ein Bißchen was vom Monkey Island Feeling für mich. Es hätten echt nur noch ein paar Äffchen gefehlt und einige Zettel in denen „Die Monkey Island Kannibalen“ und „LeChuck und die Geisterpiraten“ einander schreiben. Sehr sehr hübsch.

Bevor es zurück auf die Hauptinsel ging, gab es noch einen Zwischenstop bei einem BBQ am Strand und so kehrten wir wohl gesättigt, nass und noch immer etwas von Eindrücken überwältigt zurück. Kurze Zeit später plünderten wir den Inder unseres Vertrauens (Kumar & Kumar) und krallten uns ein paar dekadente Fertiggerichte aus der Region, sowie Reis, Nachtisch und allerhand anderes Zeug, was man für eine Geburtstagsparty im kleinen Kreis so brauchen kann. Wir genossen die letzten Abende in unserem Domizil sehr, es war ein großräumiges zweistöckiges Gebäude mit Terrasse an einem Hang, mit einem Garten drumherum und Meerblick.

Und so neigte sich die schöne Zeit leider unausweichlich dem Ende zu, wir packten die Koffer ein letztes Mal, fuhren noch einmal zum Strand in der Nähe, doch am Abend ging es bereits in den Flieger und für ein paar Stunden nach Dubai, wo wir uns soweit möglich im Flughafen lang machten. Zwischen Klunkern und plattem Kitsch ein letztes Auftauchen von Ninjas, Schneemännern und pompösen Shops – dieser Airport war wirklich mehr eine Mall als alles andere. Nach so vielen Tagen in unbeschreiblich schöner Natur ist das was einem auf den zweiten Blick in Dubai geboten wird doch eher bedenklich und ein kleines bißchen mitleidserregend als beeindruckend. Trotz allem.

Alles in allem: ein sehr vielschichtiger und abenteuerlicher Urlaub war das! Seltsamerweise weder Sonnenbrand noch Mückenstiche, dafür aber jede Menge bleibende Eindrücke und Erinnerungen.

Now playing: Sam B. - No Room in Hell | Stimmung: Beeindruckt

United Arab Emirates – Dubai

Viel wusste ich nicht über Dubai, nur daß da übertrieben pompös experimentiert wurde, was man mit Geld in einer Wüste alles machen kann. Das ging mit den künstlichen Inseln in Palmenform los und endete mit einer Indoor-Skianlage von beachtlicher Länge bei ca 50° Außentemperatur. Und ich wusste, daß dort „schwarze Magie“ – wie auch immer man in dieser Variante „schwarz“ definieren wollte – illegal war und von Gesetzes wegen mit mehrjähriger Haft und Geldbußen geahndet wurde. Ganz sicher hatte ich keinerlei Bestreben, mich mit dem okkult wohl kaum gebildeten und bestenfalls vom Islam indoktrinierten Grenzpöbel über die farbliche Auslegung von praktizierter Seelenkunst zu debattieren. Aber auf unserem kleinen Trip in Richtung Seychellen würden wir wohl oder übel das Einkaufsemirat für einen ganzen Tag besichtigen, also Zähne zusammengebissen und gucken, was man dem abgewinnen konnte.

Der erste Quatsch begann schon an der Grenze – mein Gepäck beinhaltete diverse Pfeifentabake (unter anderem Jans ganz hervorragende Eigenkreation), Schnupftabak, Knaster (rauchbare Wiesenkräuter) und andere Konsumgüter und das versetzte die ahnungslosen und offensichtlich paranoiden Zollbeamten dieser wunderbaren kleinen Diktatur in hehre Panik. Nicht nur, daß meine Habseligkeiten komplett auseinandergenommen und immer und immer wieder von einem schmierigen und unhöflichen Kerl ohne Handschuhe (kann sich in Dubai der Staat keine leisten?), Englischkenntnisse und nennenswerten Horizont geschüttelt, bewegt und begrabbelt wurden, man erwies mir noch nicht einmal die Höflichkeit, jemanden heranzukarren der eine Sprache sprechen konnte die über das Arabische hinausging. Es hätte echt noch gefehlt, daß der Zollbeamte an den CDs geleckt hätte wie ein Schimpanse – eine ähnliche Mimik legte er verwirrt wie er war ja bereits an den Tag. Mit Erstaunen stellte er fest, daß ich mehrere Bündel aneinandergeheftetes buntes Papier mit Zeichen die er nicht kannte in meinem Koffer hatte. Bücher. Warum um alles in der Welt sollte jemand sowas mitnehmen? Reicht nicht, daß einer immer morgens aus so einem Ding vorsingt? Mittelalter.

Nachdem also ich wegen vermuteten Drogenbesitzes – ohja, es ist grün, war früher mal eine Pflanze, muss also illegal sein – beiseitezitiert wurde, kamen irgendwann immer mehr gleichrangige Kollegen von ihm und versuchten – wenn ich das jetzt richtig deute – auf mich durch ihre Anwesenheit Druck zu machen. Aber letzten Endes schauten sie nur ratlos drein und riefen irgendwann den Vorgesetzten, der mich auf einen Wagen verfrachtete und zu anderen Mit-Vorgesetzten karrte, die dann mit ihm zusammen genau das selbe gemacht haben wie die Jungs zuvor, nur offenbar auf Offiziersebene. Ratlos gucken und warten, ob ich nervös werde oder irgendwas anderes komisches mache. Ein Hoch auf meine Geduld (sie ist ja nicht meine Stärke, aber wenn man die Wahl hat zwischen einem Knast auf der arabischen Halbinsel oder einem Urlaub auf den Seychellen, nehm ich letzteres) – und ich hab ja nichts illegales dabei gehabt. Nicht, daß es willkürhalber irgendwas geändert hätte – die dürfen in so Regimes ja ohnehin mehr oder weniger alles, das Rechtssystem ist für unsere Verhältnisse bestenfalls als Atrappe einzustufen. Sie imitieren etwas, von dem sie keine Ahnung haben, warum es da ist – da es aber zum guten Ton gehört, tun sie es. Das ganze ist übrigens exemplarisch für den Prunk, Pomp und das Gehabe, was mir die folgenden Stunden darauf zu Gesicht kam. Nichts gegen fremde Kulturen – aber Kulturimitat? Danke.. -.- Klingt jetzt fies wertend, ich weiß, aber letzten Endes ist das alles künstlich an einen Standard angepasst worden, um Geschäfte zu machen, alles andere ist hier ohnehin nur Deko.

Aber zurück zur Stadt in der Wüste. Dubai besteht gefühlt zu 3/4 aus Hotels, der Rest sind Malls und Einkaufspassagen, Bürogebäude und Firmensitze. Wir sind am Abend gelandet und fuhren durch eine – zugegeben saubere und ordentliche – aber leergefegte Stadt in Richtung unseres Hotels. Die großartig ausgeleuchteten Gebäude, die breiten Straßen und großflächigen Baustellen zeugten von einem unglaublichen Zaster, der dahinter lag. Aber Leben war hier mit der Richtschnur gezogen, jede Palme, jeder Brunnen und jeder Stein schien angelegt, vermessen und genormt zu sein. Kein Wunder, schließlich waren es zu großen Teilen deutsche Architekturbüros, die das Emirat maßgeblich mitgestaltet haben. Die Bauten selbst waren natürlich beeindruckend und gaben eine schöne Skyline her, auch wenn man eher den Eindruck hatte in einem Legoland-Modell-Universum spazierenzufahren, nirgendwo in den Gebäuden gab es Licht, dafür waren sie von außen um so ausgestrahlter und verzierter.

Wir kamen in unserem echt luxuriösen Hotel an und ließen die Reiseermüdung sacken. Schließlich hatten wir am darauffolgenden Tag noch viel vor und wollten bald weiterfliegen. Und so begab es sich, daß wir am Morgen eingesammelt und zur Palmeninsel gebracht wurden. Leider sieht sie nur von oben aus wie eine Palme, wenn man ersteinmal dort ist, nunja – dann sieht man einen Strand und im Hintergrund die pastellfarbene Skyline von Dubai-Stadt. Für eine künstliche Insel, nicht schlecht – aber alles in allem leider nicht ganz so überwältigend wie aus der Luft und wie erhofft. Interessant war es trotzdem – wobei meine Fähigkeit, mich bei den Temperaturen für Sehenswürdigkeiten zu erwärmen sich echt in Grenzen hält. Immerhin sind ausnahmslos alle Gebäude vollklimatisiert, das selbe gilt für Fahrzeuge.

Als nächstes stand das 6-Sterne-Hotel Burj Al-Arab auf dem Programm, wir hatten einen Tisch reserviert und sollten dort fürstlich speisen. Das Buffet ließ in der Tat keine Wünsche offen und so viel Rosengetränke, -Süßigkeiten und -Dekoration ließ einen fast schon glauben nach Rosen duften zu müssen, wenn man das Gebäude wieder verlassen würde. Es gab Nachtisch aus Kamelmilch, alle erdenklichen Arten von Schalentieren und Champagner in dem Blattgold schwamm. Dekadent. Einfach nur dekadent. Das Essen bot eine bunte Palette – von der indischen und persischen Küche über arabische Spezialitäten und Klassiker der westlichen gehobenen Küche. Sehr beeindruckend und mehr als füllend. Wen es dort mal hinverschlägt, der sollte sich das nicht entgehen lassen.

Wir besichtigten nach unserem kulinarischen Exzess die beiden größten Malls des Landes, in dem einen war eine ca 1,5 km lange Skipiste mit Lift und Pinguinen aufgebaut, in der anderen ein begehbares (untertunneltes) Aquarium mit Haien und Rochen und anderen Fischen von mehreren Metern Höhe. Je länger ich darüber nachdenke, desto eher komme ich zu dem Schluss, daß ich bis an mein Lebensende nur noch im Dunkeln sitzen könnte – ohne Strom zu verbrauchen – und die dort pro Minute dennoch mehr Kilowatt durch den Schornstein jagen als ich je einsparen könnte. Alles ist goldverziert, vermarmort.. oder beides.

Hinter der letzteren Mall befand sich das Burj Khalifa, das höchste Gebäude der Welt – also nix wie hoch. Wir erklommen nach kurzer Warteschlange die 124 Etage und begaben uns raus auf die Aussichtsplattform (just dort gab meine Kamera akkuhalber den Geist auf und ich musste auf Tante Olgas Sekundärmodell umsteigen). Der Ausblick war erstaunlich, alles so urban aber gleichzeitig auch so weit weg, daß man sich fast fühlt als hätte man damit überhaupt nichts zu tun und es wäre nur Spielzeug. Kurz nachdem wir uns umgesehen haben, begann die Sonne unterzugehen und die Stadt erwachte in ein elektrisches Lichtermeer aus Straßen, Brunnen und ausgeleuchteten Gebäuden. Ein schöner Wandel, den wir mitgenommen haben.

Als wir wieder unten waren, zog es uns zu den Springbrunnen am Fuße des Gebäudes. Selbige schossen bis zu 200m in die Höhe, wurden ebenfalls mit Licht untermalt und auch mit Musik. Wir beobachteten das Schauspiel von einem nahegelegenen Café aus einige Male und staunten nicht schlecht über die Wasserchoreographie. Doch letzten Endes zog etwas Müdigkeit in unsere Glieder und wir bewegten uns zurück zum Hotel, wo wir uns den Spaß erlaubten gegen ein paar lokale Gesetze zu verstoßen. Am nächsten Morgen, noch bevor der erste Muezzin krähte, waren wir bereits auf halbem Wege zum Flughafen. Die Seychellen waren nur noch wenige Flugstunden entfernt und wir verabschiedeten uns von Dubai fürs erste.

Now playing: Kamelot - Nights of Arabia | Stimmung: Beeinbedruckbuchstabt

Highspeed memories..

..rushing trough my mind. Als ich nach einem halben Jhar Hamburg zum ersten Mal wieder einen Fuß auf frankfurter Boden setzte, ging mir als erstes durch den Kopf wie winzig, beinahe niedlich dieses kleine Städtchen doch war. Von der Autobahn fast direkt in den Stadtkern gefallen, zack und am andere Ende der Stadt. Alles wirkte klein, kurz vor beengt, und spielzeughaft. Orte, die ich über Jharzehnte hinweg als Lebensmittelpunkt besuchte schienen gefühlt ein Modell dessen zu sein was sie zuvor waren, ein wenig wie Legoland-Nachbauten, alles eher flach gebaut und ohne Spielraum sich kognitiv auszudehnen. Selbst die „größeren“ Straßen und Häuser.

Mit diesem durchgehend präsenten Gefühl begann ich meine Agenda abzuarbeiten, deren Ziel es war möglichst so viele vertraute Orte und Gesichter zu sehen, wie die Zeit es zuließ. Als erstes fiel ich bei Flo und Marlene ein, wo auch Philipp zugegen war. Wir quatschten und tauschten Neuigkeiten aus, wie früher schon so manchen Abend vor oder nach dem Samstags-Vampire. Eine mehr oder minder erholsame Nacht später schlug ich bei Liz und Flo auf, lernte ihr flauschiges Siamtierchen Lilly kennen und bestaunte die deutlich größer gewordenen Vielbeiner. Etwas später gings mit Jan auf ein Pint in den Bornheimer Irish Pub und direkt danach zum Geburtstag meiner Großmutter, wo sich nach und nach der Rest der verfügbaren Verwandtschaft einfand.

Wir speisten fürstlich und ich genoss die Zeit mit der ob meines Besuches sehr aufgedrehten Choko. Das kleine Sofamonster entkam auch meiner neuen Kamera nicht und so zogen die Stunden bei Plausch und Essen recht schnell vorüber. Auf dem Heimweg machte ich auf ein Pint in der Zapp halt und nahm einige tiefe Atemzüge der Atmo meines alten „Wohnzimmers“. Zuhause angekommen galt es den Keller von einigen Umzugskisten zu befreien in denen sich allerhand Küchengerät befand und die Technik ein wenig auf Fordermann zu bringen. Am nächsten Morgen war schon wieder die Abreise geplant, aber nicht ohne zuvor bei Kosta auf ein Frühstück vorbeizuschauen. Vio war währenddessen mit dem Kleinen in Griechenland und Matze ist leider auch ausgefallen, aber ein Vergnügen war es dennoch. Als letzten Stop hatte ich einen Halt bei Eugen und Caro geplant, die mittlerweile in Oberursel wohnten – in einer Bude, die um längen schöner als ihre vorherige angelegt war. Wir hatten uns eine ganze Weile schon nicht gesehen und hatten beiderseits eine Menge zu erzählen. Nach einer üppigen und ausgiebig langgezogenen Tasse Kaffee allerdings, war es für mich jedoch wieder an der Zeit gen Heimat aufzubrechen, bevor der Stau mich ereilte.

Von Stau keine Spur. Leider haben sich Jokey und Arthur nicht mehr gemeldet, wie es ihnen nach dem Avantasia-Gig in Fulda ergangen war, sonst hätte ich – wenn die Zeit und Geographie sich überschnitten hätte – mit den beiden noch 35 km vor Kassel einen Kaffee getrunken. Mit gemütlichen 160 (mehr gaben die Winterreifen nicht her und die Sommerreifen hatte ich nur „dabei“ und nicht „drauf“) war ich kurze Zeit später wieder im Norden. Ein sehr dicht gepacktes Wochenende mit von allem ein Bißchen, allerdings fürchte ich fast, daß meine nächste Anreise mit dem Flieger stattfinden wird – mein Rücken sträubt sich gegen die stundenlange Fahrerei und Kostentechnisch kommt dabei das selbe raus.

Now playing: Black Hawk Down OST - Mogadishu Blues | Stimmung: Geschwindigkeitsüberschreitend

Ein Hauch von Schottland..

..wehte mir durch die Haare, als wir zu Ostern drüben auf den Inseln waren. Der Plan war, die paar Feiertage zusammen mit Opa und Mam oben in Caledonia zu verbringen. Mit dem Auto von Edinburgh bis zum Loch Ness, danach runter nach Glasgow und tags drauf wieder in die Hauptstadt und zurück. Schöne Strecke, aber viel zu kurz gerechnet um wirklich was davon zu haben. Kiki hat sich uns angeschlossen und – zu meiner Überraschung, dachte ich doch bis dahin fahren wir zu viert – Lena aus Moskau auch. Wir reisten von drei verschiedenen Airports an, Lena mit dem Zug aus London über Manchester nach Edinburgh, Mam und Opa aus Frankfurt und wir aus Hamburg. Die anderen waren schon ein Weilchen vor Ort, als unsere Maschine landete und haben auf uns gewartet. Wir sammelten unser Zeug ein und schlenderten in Opas Fußtakt in Richtung Mietwagenbucht.

Bei dem Fahrzeug, welches uns der Autovermieter unter der Prämisse aufgeschwatzt hatte, es würden bequem fünf Personen hineinpassen, handelte es sich um einen Opel Insignia, hierzulande Vauxhall genannt. Dieser geräumige Wagen ließ vier Personen genug Platz, um längere Zeit einigermaßen bequem zu fahren. Von fünf und bequem konnte nicht die Rede sein. Der insgesamt schwerste strategische Fehler den wir machten, war dieses Auto zu behalten. Wir wollten fast durch ganz Schottland, mit fünf Personen und Gepäck – eigentlich hätte man das wissen und einen Siebensitzer nehmen müssen. Und so quetschen wir uns – drei von uns durchaus beleibt – in die Karre und fuhren ein wenig durch die Hauptstadt der Kiltträger.

Nach einem kleinen Rundgang durch die Gassen setzten wir unseren Weg fort – nordwärts Richtung Highlands und Loch Ness. Es dauerte eine ganze Weile bis wir an unserer Herberge angekommen waren, einem gemütlichen und altcharmant eingerichteten B&B mit erhöhtem Blick auf das Südufer des Ness-Sees. Wir mwchen es uns bequem und verbrachten den Rest des Abends mit Dinnieren und Ausruhen von der Fahrt. Am nächsten Morgen ging es nach Inverness, der Hauptstadt der Highlands – mit einem kleinen Zwischenhalt an der Ostspitze des großen Sees, wo in einer Hütte ein seltsamer Kerl sitzt, der seit Jahren nach dem Ungeheuer Nessie ausschau hält. Und das tut er schon so außergewöhnlich lange, daß er sogar ins Guinness Buch der Rekorde gekommen ist. An der Stadt vorbei nach links, ging es für uns erstmal in die Glen Ord Destillerie, wo wir einen kleinen Rundgang samt Verkostung hatten. Dort konnte ich Opa auch das erste Mal den Whisky auf die Art nahebringen, wie man ihn trinken sollte und er war von der geschmacklichen Komplexität durchaus begeistert. Lena nutzte die Gelegenheit, um ihrem Vater und ihrem Schwiegersohn den passenden Whisky zu ergattern, unter meiner beratenden Einflussnahme natürlich.

Nach der Destille haben wir uns auf die Black Isle begeben, eine Halbinsel im Norden von Inverness. An einer ihrer Küsten sollte es Delfine geben und die Uferstrecke wäre schön, hat man uns gesagt. Leider wurde Opa bereits etwas müde und die 10° draußen setzten ihm zu, so daß wir uns nicht lange dort aufhielten, wo wir langfuhren. Die Strecke war dennoch schön und auch wenn wir uns im Auto sehr quetschen mussten, war es ein interessanter kleiner Ausflug. Wir fuhren nach und verfuhren uns in Inverness, so daß es schon langsam dunkel wurde, als wir in der Herberge ankamen.

Am nächsten Tag sollte es nach Glasgow gehen, ein Mal quer durch die westlichen Highlands. Die schönste Strecke Schottlands lag vor uns und ich ließ es mir nicht nehmen, mich ans Steuer zu setzen. Zum Entsetzen oder zur Überraschung von 3/5 unserer Besatzung erlaubte ich mir die Dreistigkeit, an schönen Stellen entlang der Strecke einfach mal Halt zu machen und auszusteigen, die frische Luft der Highlands in mir aufzunehmen und Fotos zu machen. Nach anfänglichem Zögern haben sich die Meisten aber auch dazu anstiften lassen, zu eng war das Auto, zu schön die Landschaft und zu angenehm die kühle Aprilluft.

So ging es für uns westwärts, bis über die Berge, dann um sie herum in den Süden, weiter nach Loch Lomond, bis wir irgendwann in den frühen Abendstunden in Glasgow eintrafen. Die Stadt hatte sich in den letzten Jahren gemacht und war von einer verlassenen Industrie- und Kriminalitätshochburg zu einer Art hiesiger Mode- und Kunstmetropole avanciert. Zumindest war das aus dem Reiseführer zu entnehmen, ließ sich aber auch auf der Straße in Plakaten, an Schaufenstern und Menschen nachvollziehen.

Wir checkten in unser Hotel ein, erholten uns ein wenig und überfielen das indische Lokal nebenan. Opa war ein wenig überwältigt von den kulinarischen Wundern und blieb wie so oft in solchen Fällen bei einem schlichten Gericht. Der Rest stellte einen kurios gedeckten Tisch zusammen in allen möglichen Farben und Schärfegraden. Meiner Vorliebe fürs Butter Chicken, Knoblauch-Naan und Paneer konnte ich also mal wieder nachgeben, lecker das. Nach einer geraumen Weile endete der Abend auch und wir zogen uns auf unsere luxuriösen Zimmer zurück. Die Stadt war trotz ihrem rauhen Charme noch nicht ganz von ihrem Sud losgekommen, innerhaob von nur einer Zigarette fragten mich zwei verschiedene Passanten nach Kleingeld und sie sahen gemessen am Blick, ihrer Ausmergelung und Unruhe nicht aus, als ginge es ihnen um eine Parkuhr oder den nächsten Schnaps, da standen andere Substanzen auf dem Programm.

Vom nächsten Morgen in der Stadt hatten wir nicht mehr viel, da wir um unseren Flieger zu erwischen noch ca 170 km zurücklegen mussten. Also gingen wir nochmal um den Block, die Kamera in der Hand, und nahmen Eindrücke mit wie wir konnten, bevor es wieder ins Auto ging und wir den Weg nach Edinburgh antraten. Am Flughen angekommen verabschiedeten wir die restliche Meute und ich sammelte für meine Kollegen noch ein kleines Mitbringsel ein, nebst ein paar Mini-Whiskys. Ein anstrengender Trip war das, aber dennoch schön.

Now playing: Grave Digger - The Battle of Bannockburn | Stimmung: Aufgerieben

Skandal im Fleischbezirk..

..oder warum es frisch aus Rumänien den McFury gibt. Kaum eine Woche ohne irgend ein Aufschwappen und Hochkochen von Lebensmittelpfusch. Mal sind es ausrangierte, medikamentös zugedröhnte Ex-Rennpferde, ein anderes mal Schweinchen in koscherem oder halalem Essen, dann wieder 26 mal überdosierte Geflügelte, verpestete Tonnen jugoslawischen Futtermittels, danach jeder vierte mit Wasser aufgedunsene Fisch – Betrug am laufenden Band und es nimmt kein Ende.

Gut, daß Lebensmittel heutzutage eher Sterbensmittel heißen sollten, das ist beileibe nicht neu. Und das mittlerweile selbst bei Bioprodukten das Regionalitäts- und Zuverlässigkeitsproblem existiert ist spätestens seit dem Wehklagen deutscher Biobauern bekannt, die auf ihren Kartoffeln sitzenbleiben, weil in Afrika ein Haufen Gewächshäuser aus dem Boden gesprießt sind, die zwar Bio herstellen, aber ihre Arbeiter ausbeuten und lange Frachtwege in Kauf nehmen und dennoch den Markt hier preislich ruinieren.

Und da wundern sich die Menschen über gesundheitliche Schäden, die sich quer durch alle Gesellschafts- und Altersschichten ziehen. Was die Hormonzusätze im Essen alles anrichten können (und gemessen an den seltsamen Wirrungen einiger Menschen im Gehirn wohl auch tun) ist auch schon über Spekulation himaus. Aber wie immer gibts jemanden, der gut daran verdient – in dem Fall sogar auf der Verursacher- als auch Helferseite. Denn der Alptraum eines jeden Pharmakonzerns sind gesunde Menschen. Und so gehen Chemie, Pharma und Lebensmittelimdustrie Hand in Hand. Bei uns natürlich weit weniger offensichtlich als man es zB von den USA her kennt, wie sich u.a. in der FDA (Food and Drug Administration) äußert. Aber wie es ja früher schon hieß: Mundus vult decipi.

Aber genug gemosert – meckern kann schließlich jeder. Die Frage ist viel eher – was tun wir? Ich habe in letzter Zeit – mal ganz unabhängig von den ganzen Ereignisse – mein eigenes Nahrungsverhalten näher ins Auge gefasst und dabei ist mir aufgefallen, daß ich weit weniger Fleisch esse als noch vor zwei Jahren. Man könnte das natürlich darauf schieben, daß ich mit einer Vegetarierin zusammenlebe und keine Lust hab doppelt zu kochen, aber es hat einen anderen Grund. Ich habe mich, vor allem in den letzten Monaten, mit dem Normalfleisch aus dem Supermarkt befasst mit dem Ergebnis, daß der Müll, den man uns da andreht, den wir für Fleisch halten, geschmacklich sowie qualitativ nicht an die Alternativprodukte rankommt. Vor allem, was Gehacktes angeht oder Würstchen.

Hier meine Fleischalternative-Favoriten mit den Geschichten wie ich dazu kam:

Die vermutlich überraschendste Entdeckung waren die Weizenproteinbällchen, die gebraten nicht nur geschmacklich als Hackbällchen durchgehen, sondern den direkten Vergleich mit Köttbullar-Frikadellen, fertigen Bälchen aus der Kühlabteilung oder welchen aus Standard-Hack problemlos gewonnen haben. Ich habe immer wieder gesplittet gekocht, doch von beidem probiert – egal mit welcher Soße, gebraten oder aus dem Ofen, wieder warm gemacht oder zum ersten Mal erhitzt, die Dinger ohne Fleisch waren besser. Und man hat nicht das Gefühl über den Tisch gezogen zu werden, weil die Bällchen überschüssiges Wasser ausschwitzen und kleiner werden.

Was mich immer schon interessierte war, wie man denn nun die Faserigkeit von Fleisch bei Imitatprodukten erreichen konnte. Dafür hat Valess wohl eine Lösung gefunden – und mit dieser kommen wir zu meinem nächsten Favoriten: Das Cordon bleu aus Milch. Wie bereits in der Story zuvor, war ich getrennt am Kochen, leckeren Basmati- und Wildreis, dazu Cordon bleu – das tiefgekühlte normale für mich, entsprechendes Pendant von Valess für Kiki. Nun hatte sie, wie der Zufall es wollte, nicht so viel Hunger und ich machte mich über den Rest ihrer Portion her. Mit Erstaunen musste ich feststellen, daß – abgesehen vom fehlenden Schinken – sich die Produkte weit mehr glichen als ich vermutet hatte. Vom Schnittverhalten, vom Geschmack, vom Aussehen.. ich war wirklich überrascht. Ich habe es erneut und immer wieder probiert und muss sagen, gelungen.

Die nächste generic food Komponente, die bei mir auf Gegenliebe traf, waren die fleischfreien Nuggets. Die sind auch aus Weizenprotein, vom selben Hersteller wie die Bällchen, schmecken aber genauso gut wie ganz normale Chicken Nugets. Im Gegensatz zu den fertigen aus dem Kühlregal ist bei denen die Panierung sogar noch ansprechender und sie schrumpfen nicht so wie die aus der TK-Box. Auch hier war der direkte Vergleich ausschlaggebend, ich hatte wieder getrennt gekocht (Huhn und Unhuhn Nuggets) und allerhand Dips dazu gereicht.

Ein weiteres Produkt aus unserem Kühlschrank sind Würstchen aus Satan Saitan, heißen Knackies und sind in der mE besten Quali bei Alnatura erhältlich. Sie sind zwar ein bißchen teuerer als ihr Äquivalent aus der Fleischfabrik, aber dafür kann man sich sicher sein, daß da weder pürierte Schlachtabfälle, Gammelfleisch, noch irgendwelche verschwiegenen Medikamente oder Streckmittel drin sind.

Ich habe meinen Fleischkonsum mittlerweile auf einen Bruchteil reduziert, fühl mich gesünder, leichter und vitaler seitdem. Ich bin der Letzte, der ein gutes Stück Fleisch von sich weist, aber es muss eben ein solch gutes sein und von denen gibts nicht so viele und schon garnicht überall. Und dafür nehme ich dann auch gern Geld in die Hand. Es gibt nunmal für günstig kein ungestrecktes, hochwertiges und unbelastetes Fleisch, schon garnicht viel davon. Bevor ich mir also bei einem Supermarktmetzger eine mit Paniermehl überstreckte Frikadelle hole oder mir mit bis unter die Kragenkrause mit Salzwasser aufgeblähte Schnitzel reinziehe, von Viechern, die Tageslicht nur auf dem Weg von Transporter zum Gebäude oder umgekehrt erlebt haben, nehm ich eine der Alternativen wahr und gut ist.

Keine Gewissens- und Überzeugungsillusionen hier, daß ich etwas daran ändern würde, was in der Lebensmittelindustrie alles schiefläuft oder wegen mir weniger Tiere in der Verwahrlosung der Mastbetriebe landen. Auf diese Weise aber erspar ich mir einen Großteil der Scherereien als Mündiger Verbraucher jedes Mal aufs neue und halbwegs blind entscheiden zu müssen was ich mir in den Organismus baller. Daraus baut er immerhin Zellen. Mich. Und aus minderwertigem Schrott kann man keine guten Ersatzteile zimmern, ganz zu schweigen von der Qi-Balanz. Das ist aber bei Gemüse und Pasta nichts anderes. Letztere mach ich am liebsten sowieso selbst.

Man findet immer noch haufenweise Leute, die aus dem reinen Fleischkonsum alleine, ungeachtet der miesen Qualität, versuchen eine Art Lebensart und Pseudo-Genusskultur zu propagieren – hauptsache viel und Fleisch. Meist mit einem ebenso billigen Bier in der Hand, laut „Fleisch ist mein Gemüse“ gröhlend, einen Schweinenacken auf den Rost knallen bei dem sie noch nicht mal merken würden, wenn die Zellstruktur kollabiert wäre, weil es längst in einem Essigmarinade-Derivat ertrunken ist. Man merkt, daß bei solchen Menschen irgendwas im Selbstbild nicht ganz stimmt, versuchen sie sich doch als besonders betonte urmännliche Jäger hinzustellen – und merken nicht, daß sie mit den zugekniffenen Schweinsäuglein ihrem Essen zu Lebzeiten ähnlicher sehen als es ihnen vermutlich lieb wäre. Sowas widert mich mittlerweile an – kein Respekt vor der eigenen Nahrung, der eigenen Macht über sich selbst und sein Kaufverhalten als mündiger, entschlossener Verbraucher, keine Anerkennung den Lebewesen, die dafür ihre Existenz geben – nur Ignoranz im banalsten geiz-ist-geil Flair – find ich peinlich. Und genau diese Haltung begünstigt auch den Gesamtzustand, den wir haben, womit wir wieder beim Einstiegsthema wären. Und so schließt sich der Kreislauf.

Doch nun genug davon, probiert dan Kram beim nächsten Mal doch einfach und lasst mich wissen, wie Euch das gemundet hat – bin da mal gespannt.

Now playing: Damh the Bard - Only Human | Stimmung: Neugierig

Von Silden bis Trelis..

..oder genauer, von Eriwan bis Tiflis. Wann kommt man schon nach Armenien und Georgien? Diesen September war es für mich so weit – ich hatte Legenden über die kaukasische Gastfreundschaft gehört, gerade in diesen beiden Ländern, aber die Reise übertraf meine Erwartungen bei Weitem. Wie kams dazu? Ein alter Verehrer meiner Mutter wurde von ihr ausgegraben, nach fast 30 Jahren Funkstille – und lud uns ein, vorbeizukommen wenn wir in der Gegend sein würden. Grund genug, in die Gegend zu kommen, denn gerade wir Reisewütigen neigen oft dazu Umwege ohne Nachdenken in Kauf zu nehmen, weil es sich fast immer lohnt. Der mittlerweile nicht mehr allzu junge Mann lebt gegenwärtig in der schönen Hauptstadt Armeniens – Eriwan, oder Yeriwan. Und da zu viele Eindrücke noch lange nicht genug sind, haben wir uns gleich 3 Tage Tbilisi drangehängt, denn bis Georgien ist es von dort aus ein Katzensprung.

Der Trip begann mit einer neuen Fluglinie – nun, neu war sie zumindest für mich, ich war bis dato noch nie mit Austrian Airlines geflogen und war angenehm überrascht, sowohl von der Freundlichkeit und Lockerheit des Personals als auch vom Service an Bord und dem Platzangebot in den Sitzreihen. Bin ich von den anderen Linien heutzutage anders gewohnt, auch wenn ich verwöhnte Sau bevorzugt mit Fliegern und Chartern der ersten Welt unterwegs bin – die hatten nachgelassen in den letzten Jahren. Top Transport, muss ich schon sagen – war nicht mein letzter Flug mit denen! Also gings vom Fraport erstmal nach Wien, von dort aus weiter, alles in allem ca. 1 + 3 Stunden Flugzeit.

Dank der Zeitverschiebung und dem Abendflug landeten wir mitten in der Nacht und wurden auch sogleich von Samwil und seiner Frau empfangen, holten das Auto und schon begann das Abenteuer – in diesem Fall in Form des Straßenverkehrs. Es ist nicht so, daß die Armenier keine Verkehrsregeln kennen, sie betrachten sie nur eher als „Richtlinien“. Gefahren wird mittig auf der Fahrspurmarkierung, das vereinfacht das Geradeausfahren wohl und wer in den Kreisverkehr reinfährt und/oder lauter hupt als der andere hat Vorfahrt. Ich war ja schon einiges von Mauritius gewöhnt, aber hier traf angewandtes Chaos/Selbstorganisation auf postsowjetische Gleichgültigkeit, also musste ich mich auf einiges gefasst machen bzw. mich an einiges gewöhnen. Aber alles halb so wild, es war eher ein Abenteuer als ein Desaster und nachdem ich die ersten paar Kilometer hinter mich gebracht hatte, waren die ungewohnt niedrige Grundgeschwindigkeit und der vorrausschauende Fahrstil vgl. mit den Einheimischen wirklich Gold wert. Was mich immer wieder entzückte war, wie viel das Armenien von heute mit dem Russland von „damals“ gemein hatte – das ging bei den weiten Schirmmützen und Uniformen der Polizei los und ging weiter mit dem Straßenbild, was von Zhiguli, Volgas und Ladas gezeichnet war. Alles an Fahrzeugen, was nach den vor ein paar Jahren erlassenen Tech-Inspekt-Richtlinien nicht mehr auf russischen Straßen fahren durfte, wurde wohl hierher verkauft. Aber auch deutsche Autos, noch komplett mit dem Schriftaufdruck diverser mittelständischer Betriebe, fanden hier wohl einen neuen Herrn – größtenteils Sprinter oder Vergleichbares.

Die Stadt selbst war eine obskure Mischung aus sowjetischem Baugrößenwahn, also pompösen Plätzen und Gebäudemonstern, und irgendwie mediteran und lokal anmutender Architektur. Der Tuffstein, den sie für viele der Gebäude benutzt haben, scheint eine regionale Spezialität zu sein. Aufgrund der riesigen Platten und Flächen wirkt die Stadt leer und ausladend, aber bei genauerem Hinsehen, sind die Gässchen gut gefüllt und es ist sehr lebendig. Dieser Twist aus südlichem Charme und russischen Einflüssen erinnerte mich entfernt an Tel Aviv, auch wenn vereinzelt der postkoloniale afrikanische Wellblechhüttencharme durchbrach, der in Ländern eines ähnlichen Wohlstandes typisch ist.

Die Landschaft um die Hauptstadt ist sehr biblisch, viel karger Fels, Sträucher und Berge – wenig Land, was tatsächlich ertragreich ist. Wie man uns auch später erzählte, lohne sich der Import von so ziemlich allem, auch den einheimisch erzeugbaren Waren, weil das Land zu großen Teilen aufgrund der Bergigkeit nur sehr schwer wirtlich zu machen sei. Doch ein wenig Export scheint es noch zu geben, der Iran – ein direkter Nachbar – scheint ein guter Abnehmer für allerhand Dinge zu sein, die er sonst nur schwer bekommen kann und davon lebt ein Teil der Bevölkerung wohl. Bis Teheran sind es mit dem Bus wohl 2 Tage, meinte unser Gastgeber. Wie in vielen Binnenstaaten ist die Arbeitslosigkeit hoch und die meisten halten sich mit Nebenjobs jenseits ihrer Fachrichtung über Wasser, viele Armenier verlassen das Land und nehmen am russischen „gemeinsame Heimat“ Programm Teil, welches den Bewohnern der ehemaligen CCCP ermöglicht eine russische Staatsbürgerschaft im Eilverfahren zu bekommen, auszuwandern und in Mother Russia ein neues Leben anzufangen. Gerade die hoch qualifizierte aber hoffnungslos unterbezahlte und unfreiwillig arbeitslose Jugend scheint davon sehr angetan zu sein. Hinzu kommt, daß die Armenier mit den meisten Nachbarn nicht allzu gut können – mit den Türken haben sie schon seit mehr als nur Jahrzehnten heftige Probleme, die Aserbaidschaner sind von ihnen nicht besonders begeistert, die Georgier sind ihnen gegenüber eher kritisch eingestellt. Einzig der Iran kommt auf der Business-Ebene mit ihnen klar, hinzu kommt, daß wohl sehr viele Iraner nach Armenien kommen, um sich auszutoben – ein Effekt, den wir schon von den Saudis und Bahrain kennen – kaum über die Grenze, ist der Gottesstaat vergessen und die Party kann steigen.

So weit wie ich die Armenier erlebt habe, sind sie ein stolzes, gastfreundliches und gebildetes Völkchen, mit einem leichten Hang zu historischer Gesamtbetrachtung und einer pragmatischen Einstellung zu ihrer Umgebung. Und es gab da ohne Ende Autowerkstätten – hätte ich raten müssen, würde ich schätzen fast schon mehr als Autos. Wir machten viele kleine Ausflüge in die Umgebung, besichtigten Klöster, Monumente, Ruinen und Märkte – und wie bereits beschrieben, tat die Szenerie ihr übriges – Felsen und Geröll mag sich nicht nach viel anhören, aber ein Sonnenuntergang in den Bergen, ein Glas frisch gepressten Granatapfelsaft und ein Kaffee aus einer Jazzve – das hat durchaus was! Das große Archiv thronte über der Stadt – ein Zuhause für Bücher und Dokumente, die Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende alt sind, verfasst in Sprachen und Dialekten die heute nur noch wenige Gelehrte flüssig beherrschen. Wahre Schätze an Manuskripten, Erstdrucken, Büchern und Skizzen findet man dort, alles vergleichsweise selten, aber gut erhalten. Ein Tempel des Wissens, könnte man sagen. Wir nahmen uns Zeit für einen ausgiebigen Rundgang und bestaunten Schriftstücke auf altem Arabisch, Persisch, Latein und Griechisch, sahen uns handgezeichnete Sternenskizzen auf Pergament an und nahmen kunstvoll verzierte Lederfolianten unter die Lupe. Sehr sehr spannend!

Für die Überfahrt nach Georgien waren einige Stunden vorgesehen, hätten wir uns nicht verfahren, wäre es auch schneller gegangen. Doch leider ist sowohl die Beschilderung der Straßen als auch die Kenntnisse Ortsansässiger nur bedingt vertrauenswürdig. So kam es auch, daß man uns auf die Frage wie weit es bis zur Grenze sei innerhalb von wenigen Metern drei verschiedene Antworten gegeben hat – 15 km, 30 km und einfach „weit“. Irgendwann trafen wir aber auf einen Unteroffizier, der recht unnüchtern an einer Busstation wartete, von ihm bekamen wir die genauste Angabe – kein Wunder, immerhin war er ja an der Grenze stationiert. Die Landschaft hatte sich übrigens je näher wir dem Norden des Landes kamen vergrünt. Insbesondere nach einem der Tunnel kamen wir in gut bewaldete Gegenden, für die Region. Während also die erste Hälfte der Fahrt von den Farben Gelb, Braun und Grau dominiert wurde, gab die zweite ein interessantes Spektakel in Grün und Dunkelbraun her.

Nach Stunden durchs Gebirge kamen wir zum Grenzposten. Die Armenier waren freundlich und entspannt, machten Klickmich-Bilder mit ihren Webcams und ließen uns raus. Die Georgier, mit ernsterem Blick, aber dennoch sehr herzlich und ein wenig zeremoniell, nahmen uns mit einer ähnlichen Prozedur in Empfang. Während in Putin’s Russland weiter Stimmung gegen georgische Güter und die Reisen in das Gebiet gemacht wird, somit natürlich gegen die heimatverbundenen Georgier selbst, durften wir das Gegenteil dieser Gerüchte und Propaganda erleben. Während auf den Straßen Moskaus gemunkelt wird, daß russische Reisende zurückgeschickt werden wann auch immer an der Grenze möglich sieht die Realität anders aus – und das sogar so sehr, daß es bis vor kurzem eine Direktive gab jedem Russen der in die kaukasische Republik einreist, ob als Tourist oder als Geschäftsreisender, eine Flasche georgischen Weines zu schenken. Das erzählte uns Zaza, unser wackerer Reiseführer für die kommenden Tage, als er uns auf der Straße nach Tbilisi in Empfang nahm. Das und noch anderes kurioses. Jedenfalls deckte sich das schön mit der Statue, die die Stadt überblickte und die Schutzpatronin von Tbilisi darstellte – in der einen Hand ein Kelch, in der anderen ein Schwert. „Mit dem einen empfangen wir die Freunde, mit dem anderen die Feinde“, erklärte uns Zaza.

Die Stimmung der Stadt hinterließ einen interessanten Eindruck: Einige Ecken erinnerten mich an Tel Aviv, andere wiederum an Budapest, Valetta oder Strasbourg. Die moderne Architektur der frisch aus dem Ei gepellten Theater und Opern traf auf uralte Sakralbauten und Befestigungsanlagen, Verwaltungsgebäude aus der Sowjetzeit reihten sich aneinander, breite Straßen, Brücken und verwinkelte enge Gässchen, alles wunderschön ausgeleuchtet und dicht geballt in einem Abenteuer von Stadt. Zaza führte uns herum und erzählte uns von seiner Zeit im Amt für Bauwesen, zeigte uns einen der unter seiner Leitung errichteten Brunnen und gewährte uns einen Einblick in die Strukturen des täglichen Lebens in georgiens Hauptstadt. Er führte uns an Aussichtspunkte, in historische Kloster und zu Gräbern überregional berühmter Persönlichkeiten. Die Geheimtips der ansässigen Gastronomie, insbesondere die allseits begehrten Chinkali, Chatschapuri und das Lobio wurden von uns natürlich auch eifrig erkundet. Vom kleinen Markt in der Stadt bis zu verwinkelt gelegenen Lokalen an denen es die wohl besten Chinkali der Welt gab und die nur Einheimische kannten.

Wir besuchten Kirchenbauten, Parks, altertümliche Wehranlagen und Ruinen, kosteten vom georgischen Wein und genossen das gute Wetter. Währenddessen erzählte uns Zaza von den aktuellen politischen Wirren um die anstehende Wahl, all den Zirkus den es mit der Ossetien-Krise auf sich hatte, zeigte uns das von der EU für die Flüchtlinge errichtete Dorf außerhalb der Stadt, wo eine lokale Firma sofort nach Eröffnung eine Fabrik drangesetzt hatte, um der Armut durch mangelnde Arbeit der Leute die alles verloren haben per win/win zumindest irgendeine Linderung zu stiften. Schade, daß wir es nicht an die Küste geschafft haben, ich habe gehört es soll dort außergewöhnlich schön sein. Aber vielleicht nächstes Mal. Zaza haben wir jedenfalls sehr ins Herz geschlossen und verabschiedeten uns auch sehr herzlich von ihm, als er uns bei unserer Rückreise auf die richtige Straße ortsauswärts begleitet hat. Und von dort aus ging es ab durch die Dämmerung ins Gebirge, weiter und weiter, bis die Dunkelheit uns fast vollständig umschlungen hatte auf der armenischen Seite der Berge. Wir erreichten Yeriwan mitten in der Nacht und fuhren zu unserem Hotel zurück, wo wir die Koffer umpackten und uns abreisebereit machten, denn nach dem nächsten Tag sollte es wieder zurück gehen.

Ein erstaunlicher Trip ans andere Ende der Welt war das, mit Granatapfel-Grillmarinade, heiligen Quellen und Gemüse, daß nicht nach Wasser sondern nach Gemüse schmeckte (das EU-Genormte gibt überhaupt nichts her, verglichen damit!) – ein Reiseerlebnis, was ich nicht so schnell vergessen werde, so viel ist sicher. Wir wurden überall so unbeschreiblich gastfreundlich empfangen, daß ich langsam beginne zu verstehen warum es unter Russen schon immer hieß, daß Armenier und Georgier freundschaftlich darum wetteifern, wer der bessere Gastgeber ist.

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