Religiöse Gefühle gibt es nicht

Man liest es immer wieder, ob wegen Mohammed-Karikaturen, Vatikankritik oder irgendwas anderem – immer wieder behaupten Menschen, ihre religiösen Gefühle verletzt zu sehen. Doch was soll das sein, ein religiöses Gefühl? Erstmal zum Terminus per se – Religionen haben keine Gefühle. Gefühle sind nicht religiös. Menschen sind Religiös. Und diese Menschen haben Gefühle, wie alle anderen Menschen auch. Und ja, es ist richtig, beißender Spott, Sarkasmus der Religion gegenüber und Karikaturen können ihre Gefühle verletzen. Aber wir leben in einer Welt mit vielen verschiedenen Ideen, die lang und ausgiebig diskutiert und debattiert werden, da muss man sich wenn man eine Position fest vertreten will eben einiges gefallen lassen oder man zieht sich zurück.

Was die Menschen mit „verletzung religiöser Gefühle“ aber eigentlich sagen wollen ist, daß sie sich betroffen/verletzt fühlen weil man sich über die von ihnen gelebte Religion lustig macht. So weit, so offensichtlich. Und hier beginnt die Ignoranz und Arroganz von religiösen Gruppen sich vollends zu entfalten:

Weil in ihrer Welt die Religion absolut ist, etwas heiliges und erstrebenswertes und zu großen Teilen ihr Dasein und Leben diktiert, hat sie einen Anspruch auf Respekt in ihren Augen. Diesen Anspruch aber auf andere Menschen auszuweiten und zu fordern, daß sie ihm gerecht werden ist vermessen und selbstgerecht. Ein Berufen auf „religiöse Gefühle“ ist ein Schlag ins Gesicht eines jeden, der nicht der Religion angehört, weil es mit der Forderung einhergeht, den heiligen und ehrwürdigen Teil der Religion anzuerkennen die für einen anderen Menschen möglicherweise primitiv, manipulativ, sexistisch, homophob, verlogen oder einfach nur spirituell Irrtumsbehaftet ist.

Die Menschen, die sich auf religiöse Gefühle berufen stellen sich über andere ohne dabei die gesellschaftliche Ächtung zu bekommen, die ein solcher Akt der Selbstherrlichkeit und Wichtigtuerei nach sich ziehen müsste. Durch das stets gepredigte „Respektiert die Gefühle Eurer Mitmenschen“ entsteht eine gesellschaftlich oft stillschweigend angenommene ethische „Gesetzeslücke“, die durch diese Formulierung ausgenutzt wird. Indirekt fordern diese Menschen die Anerkennung ihres Lebensduktus von unbeteiligten Dritten. Ein Komplexbehaftetes Denken und ein gefährliches noch dazu, zumal sie – ihr Anliegen zugelassen – unter dem Deckmäntelchen alles mögliche rechtfertigen könnten. Schnell verstecken orthodoxe Gläubige auch ihre gelebten menschenverachtenden Ansichten des Alltags auch hinter solcherlei Fassaden.

Und wenn man ihnen irgendwas entgegnet, beginnt das Gemecker um Religionsfreiheit – ähnlich kennen wir es aus dem rechten Sektor mit der Meinungsfreiheit. Die Religions- und Meinungsfreiheit wird hier aber falsch verstanden – xkcd erklärt es mal wieder ganz ausgezeichnet. Die Ironie mal ganz außen vor gelassen, daß wenn religiöse Fanatiker in einem Staat am Drücker wären die Religionsfreiheit auf die sie sich jetzt gerade berufen abgeschafft werden würde (deswegen muss ich auch immer schmunzeln, wenn ich die Salafisten eine Kundgebung abhalten höre). Die gleiche Ironie findet sich übrigens auch bei den Rechten, die Meinungsfreiheit wäre im Nu dahin, wenn die das sagen hätten. Es wäre zum schreien komisch, wenn es nicht so deprimierend wäre, daß es noch Leute mit so primitiven und menschenverachtenden Ansichten gibt.

Hinzu kommt die Ignoranz, mit der die meisten Anhänger einer Religion gesegnet sind, die das Ganze ad absurdum führt. Die meisten selbsternannten gläubigen Menschen (das nannte man doch Bekenntnis, oder?) beschränken sich in der Auseinandersetzung mit ihrer Religion auf das ihnen vorgekaute, ausgelegte und vorverdaute Zeug, was man ihnen vorsetzt. Nur wenige, erst recht von den in den Theologie-Hierarchien verfangenen, dieser „Gläubigen“ befassen sich mit der Religion, ihrer spirituellen Komponente, den „Seelenwissenschaften“ (aka entsprechender Mystizismus) und anderen sie potenziell zu einem tieferen Verständnis führenden Dingen. So ist den meisten Christen überhaupt nicht klar, was sich aus ihren rituellen Handlungen auf der seelischen Ebene tut, was es mit ihnen im Geist macht und wie die nichtweltlichen Dinge verdrahtet sind, das interessiert sie aber auch nicht. Selbst den eingefleischtesten katholischen Priestern, die allerhand Heilige runterbeten können und die Sakramente aus dem FF hinbekommen bleibt ein essenzieller Ursprung, eine elementare Mechanik ihres religiösen Daseins verborgen. Ich will hier nicht behaupten, ich hätte die Weisheit und Wahrheit mit Löffeln gefressen, jedoch ist mir einiges aufgegangen beim Lesen entsprechender (innerhalb dieser Religionen umstrittener, wenn nicht gar verbotener) Werke über die Zusammenhänge und Handlungen der drei großen monotheistischen Glaubensrichtungen. Aber das führt hier etwas zu weit, also zurück zum Wesentlichen.

Wäre ein Mensch wahrhaft gläubig und nicht nur gerade eben mal oder automatisch „auf den Zug aufgesprungen“, wäre es ihm egal was andere über seine Religion und seinen Propheten sagen, er würde für sich „wissen“, daß er richtig liegt und könnte – von dieser gesetzten Position aus auch suverän sich in andere Versetzen, verstehen warum sie irgendwas lustig finden und sogar mitlachen, ohne daß es ihm seiner eigenen Religion gegenüber respektlos vorkäme. Aber diese ganzen Anhänger von Religionen und Ideologien, die am lautesten schreien, weil sie meinen es machen zu müssen um zu einer Gemeinschaft gezählt zu werden, die machen das nur weil sie das in ihnen sitzende Gefühl der Unzulänglichkeit ihrer selbst überdecken wollen. Und vor allem im Islam scheint es eine generelle Tendenz unter den Durchschnittsgläubigen zu geben, daß sie jeden Tag mit dem Gefühl leben, für ihre Gottheit nicht gegnug getan zu haben [Quelle]. Würde mich nicht wundern, wenn es in den anderen „Wir sind alle Sünder“ Religionen ähnlich bestellt ist.

If religion were true, their followers would not try to bludgeon their young into an artificial conformity; but would merely insist of their unbending quest for truth, irrespective of artificial backgrounds or practical consequences.

— H. P. Lovecraft

Fazit: Menschen, die Eure Anerkennung ihrer religiöser Gefühle verlangen sollte man nicht anders behandeln als jemanden, der versucht einen durch die Hintertür zu missionieren.
Fun Fact: Im Gegensatz zu einer Nationalität (und der damit verbundenen Rechte als Bürger eines Staates) hat ein Mensch gemäß der UN Menschenrechtscharta auch keinen Anspruch darauf eine Religion zu haben – Religionszugehörigkeit entsteht nämlich durch Bekenntnis und somit ist so ein künstliches Konstrukt wie „religiöse Gefühle“ eigentlich völlig widersinnig.

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Die Flugzeugentführung der Germanwings 4U9525

Es ist bereits viel gesagt und geschrieben worden über das abgestürzte Flugzeug mit den 150 Menschen an Bord, einiges davon sogar sinnvoll. Viel zu viele private Details über den Co-Piloten wurden ausgegraben und ans Tageslicht gebracht, viele geheuchelte Tränen vergossen und pathetische Sätze gesagt. Tragödie, Todespilot, Massenmörder. Suizidgefährdet, depressiv, krankgeschrieben. Unter Druck gesetzt, Fluggesellschaft versagt, Gesellschaft versagt. Ich könnte jetzt ewig die Fetzen aneinanderreihen, die selbst die etwas besseren Medien zu Geiermanieren und Ausschlachtung von sich gegeben haben.

Drama, Baby! That’s what makes the press world go round!

Irgendwie erinnert mich die Reaktion ein wenig an das was durch die Presse ging beim Amoklauf in Winnenden. Krampfartig sucht die Gesellschaft nach einem Schuldigen – und ist er schon tot, müssen eben die für ihn verantwortlichen herhalten. Wie die Fluggesellschaften mit Piloten, Kapitäne mit ihren Co-Piloten umgehen – in Angesicht der Billigflieger-Konkurrenz und dem steigenden Druck nicht überraschend – ist eine Schweinerei, ja – mag sein. Aber das ist nicht der Grund dafür, daß diese 150 Menschen sterben mussten. Der Grund dafür ist die unüberwindbare Sicherheitstür. Der Co-Pilot hätte auch einfach einen Schlaganfall oder Herzinfarkt haben können. Haluzinationen wegen einer Lebensmittelvergiftung oder gestolpert, den Kopf gestoßen, bewusstlos. Die Tür war das Hindernis – Kind eines paranoiden Geistes, der seit dem 11. September 2001 die Welt nicht mehr aus seinem Griff lässt. Allen Studien, Widerlegungen, Praxistests, etc. zum Trotz.

Das zum tatsächlichen Versagen von Fluggesellschaften, Entwicklern von Sicherheitskonzepten und unseren paranoiden Politikern.

Was mich aber grenzenlos angewidert hat, war nicht, daß 150 Menschen sterben mussten weil jemand bei der Sicherheitstür die Szenarien nicht zuendegedacht hat. Was mich angewidert hat, war die Reaktion von weiten Teilen der Presse und Gesellschaft auf Menschen mit Depressionen. Was hat man da nicht alles lesen müssen, Forderungen nach Gefahreinstufungen für diese Menschen, offene Anfeindungen, Fassungslosigkeit wie man denn „unglücklich“ sein könnte bei einem „erfolgreichen“ Leben. Und noch immer versteht die Gesellschaft das Konzept der geistigen Erkrankung der Depression nicht. Dieser Mensch, der sich (und 149 andere) umgebracht hat, war nicht bloß unglücklich. Er hatte nicht nur eine Reihe mieser Tage/Monate/Jahre. Er sah sein Leben nicht als erfolgreich an, zumindest offensichtlich nicht in einem Maße, daß ein Weiterleben ihm irgendwas bieten könnte an dem er glauben würde Freude haben zu können. Das ganze ist um LÄNGEN komplexer, als es abgefrühstückt wird und es ist scheinheilig, daß sich eine Nation aus 80+ Mio Autoexperten, alle paar Jahre auch Fußballexperten, vor 15 Jahren für ein paar Monate Terrorismusexperten sich aufschwingt allesamt Psychologieexperten zu sein.

Das lächerlichste daran war noch die Darstellung von Depressiven als potenzielle gewaltbereite Amokläufer. Leute, wenn jemand depressiv ist, richtet sich seine Agression in der Regel gegen ihn selbst. Komorbiditäten sind dann groß im Programm, Suchtgefahr, selbstverletzendes Verhalten, alles mögliche – aber EBEN NICHT die Kanalisierung von Wut gegen jemand anderen. Oft sind depressive Menschen von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt, von Ängsten, von Perspektivlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Lethargie. Eine alles fressende Ohnmacht hat sich in ihrem Leben breitgemacht und frisst sich wie ein Krebsgeschwür durch alle Facetten ihres Daseins bis sie die Gedanken beherrscht. Der Gedanke an den eigenen Tod kommt bei den Meisten depressiven Menschen übrigens eher früher als später, aus einem Gedanken werden leicht mehrere – oder eben auch nicht, das kann über Jahre wieder in den Hintergrund treten, jedoch plötzlich durch irgendwas befeuert wieder auftauchen. Das Töten anderer steht dann aber nach wie vor nicht auf dem Programm.

Bei einer Depression spielen so endlos viele Faktoren eine Rolle, daß es bis heute schwierig ist zu sagen, was da läuft. Von der Hirnchemie, die dem Körper bestimmte Botenstoffe versagt bis zu Traumata aus einer Kindheit an die sich nur noch der Körper erinnert, weil der Geist noch nicht in seiner jetzigen Form existiert hat und zwischen sich und der Außenwelt nicht unterscheiden konnte (siehe kognitive Entwicklung von Kindern). Da sind Prozesse im Spiel, die so individuell sind wie die persönliche Geschichte. Bei dem einen Menschen verursacht ein Klaps auf den Hinterkopf ein Trauma, bei dem anderen nichts. Bei dem einen Menschen wird aus einem gestörten Verhältnis mit einem Elternteil ein von einer Neurose überdeckter und getarnter psychotischer Prozess, ein anderer streift das ab als wäre nichts gewesen. Hinzu kommt noch eventuelle Hochsensibilität (ca 20% der Lebewesen auf unserem Planeten sind „übertaktet“ was ihre Nervenbahnen angeht), alltägliche Faktoren, Erschöpfung (Lebensmüdigkeit?) und alle möglichen anderen Facetten. Man kann Depressionen in der Regel nicht „heilen“, man kann nur dafür sorgen, daß der Patient sie bestmöglich „überlebt“ und sich ihnen nicht hingibt, sich nicht aufgibt und immer einen Weg findet sich nicht zu sehr von ihnen am Leben hindern zu lassen.

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Depressive Menschen – und von ihnen gibt es erstaunlich viele, vermutlich ist die Dunkelziffer unvorstellbar hoch – sind krank. Eine schöne Umschreibung, die ich mal gehört habe war, daß sich alles was die Seele schlucken muss an ihrem Boden sammelt und wenn es zu viel wird, wird sie schwer und fällt ins Bodenlose. Und das ist in unserer Welt nicht besonders überraschend, lernen wir von klein auf doch unsere Gefühle zu verstecken. Wenn jemand stirbt, sagen uns die Eltern „du musst jetzt ganz stark sein“ und vergleichbaren Mist, anstatt daß sie einem beibringen wie man richtig trauert. Naja, sie haben es wohl selbst nie gelernt.

Gefühle zu zeigen macht angreifbar und schwach, nein liebe Mitmenschen – Fresst Euch um den Verstand, setzt Kinder in die Welt, seid fleißig und zufrieden mit dem was für Euch abfällt und haltet ansonsten Eure Schnauze. Das ist doch der Bullshit, der als Subroutine jedem in seine Programmierung graviert wird. Alice Miller hat in „Am Anfang war Erziehung“ und „Du sollst nicht merken“ ein paar echt gute Punkte auf den Tisch gebracht, die einem zu denken geben sollten. Und in einer kranken Gesellschaft, die wir zweifelsohne haben, als „gesund“ zu gelten ist in meinen Augen kein besonders gutes Zeichen.

Hinzu kommt – und das ist eher eine persönliche Einschätzung meinerseits – das immer noch vorhandene Tabu um den Tod. Man verbannt ihn immer weiter aus der Welt in der wir sind. Kinderkult ist ein Symptom der möchtegern-Unsterblichen, genauso wie diese selbstdarstellende Spuren-im-Netz Hinterlasserei, wir klammern uns so heftig an Lebensimitat, daß wir ganz sorglos den Tod ignorieren können, weil es eh keinen Unterschied macht ob wir heute oder morgen draufgehen, so belanglos ist diese Farce, die wir anderen und uns selbst als unser Leben präsentieren.

Und da schließt sich der Kreis zur Presse-Reaktion vom Anfang dieses Posts – Es gab 150 Tote bei dem Flugzeugabsturz – darunter auch Kinder einer Schule mit ihrem Lehrer. Muss mich das interessieren? Was ist mit den alten Menschen an Bord – bloß weil die es ohnehin nicht mehr lange gemacht hätten, sind die jetzt nicht so wichtig? Wären meine Großeltern an Bord gewesen und ich müsste mir Tagelang in der Presse Schulkameradeninterviews und Elterntränen angucken, was würde das wohl mit mir machen? Wenn meine Freundin Flugbegleiterin gewesen wäre und ich höre ständig nur über tote Passagiere, wie angemessen fühlt man seinen eigenen Verlust von außen wahrgenommen? Die Medien könnten ruhig mal weniger geiern und mal ein wenig menschlicher werden, das würde ihnen gut zu Gesicht stehen.

Kinder werden sowieso wieder besonders von der Presse hervorgehoben, um betroffen zu machen – potenziell viele Jahre vor sich, größtenteils schutzlos und unbekümmert – werden sie zu kleinen Heiligen hochstilisiert, im Namen des Optimismus um die menschliche Zukunft. Wie viele von ihnen später als Erwachsene rassistische und sexistische Hohlbratzen werden und wie viele im selben Flug draufgegangen Erwachsenen möglicherweise Dinge für unsere Gesellschaft geleistet haben für die ihnen noch künftige Generationen dankbar sein werden – das alles interessiert die Schlagzeile im Schockmoment kein Stück. Hauptsache: Drama, Baby!

Aber gut, daß es noch jemanden gibt, den das alles nicht interessiert. Sie bekommt ihren Anteil immer. Wenn ihre Zeit gekommen ist, macht sie alle Menschen gleich.

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Bruderkriege vor der Tür

Es gab nur wenige geopolitische Ereignisse die mich so traurig gemacht haben wie der ukrainische Bürgerkrieg. Als Russe bin ich damit aufgewachsen, daß es zwischen Russen und Ukrainern nur den Unterschied gibt, daß letztere auch noch ukrainisch sprechen. Sie waren „wie wir“ nur halt „von da“. Auch immer vor Augen, daß Russland staatsgeschichtlich von der Kiew-Rus abstammt und somit beide einander auch entsprechend eng und freundschaftlich miteinander verbunden sind. Und dann lese ich in den Medien, wie sich Menschen in den Heimatorten von Freunden und Bekannten gegenseitig umbringen. Artillerie auf Eltern, Schüsse auf Geschwister, Kampfhubschrauber bei Großneffen und brennende Häuser bei Tanten. Ich glaube das ist der erste Krieg, dessen Wahnsinn ich nicht von mir schütteln kann, von dem ich nicht gut geschützt wie ich hier bin kühl Abstand nehmen und ihn der Gesellschaft zynisch gegenüber kommentieren kann, ihr ihr eigenes Versagen vorhaltend, wie ich das gerne mache.

Ja, mittlerweile ist genug Blut geflossen um das Ganze in den Medien surreal und mit einer gewissen Derealisierung zu betrachten, vielleicht sogar mit einer gewissen auf die Globalpolitik reduzierten Sicht. Aber jedes Mal wenn ich wieder Schlagzeilen aus der Region lese, kann ich nur stumm den Kopf schütteln während mir die Kehle zugeschnürt ist. Und immer wieder hallt es in meinem Kopf: „Ihr seid doch vollkommen irre! Was zum Henker tut ihr da eigentlich?! Seid ihr noch bei Trost?“

Politisch ist für mich der Fall einfach, es handelt sich um den ersten richtigen Stellvertreterkrieg in Europa zwischen USA und Russland, die einen mit Söldnern und Finanzierung (wie immer) und die anderen mit false flag Operationen/hybrider Kriegsführung. So weit, so bescheuert (weil sowas IMMER bescheuert ist). Das Instrumentarium ist Stoff für Thriller und Strategiespiele, geheime Propaganda, gegenseitige Anschuldigungen schwerster Art und Volksteile die meinen zu wissen wo es langgeht und die Revoluzzer-Tabletten geschluckt haben. Dann große Gelder. Waffen. Jeder gegen jeden. Nationalisten, Marodeure die rumreisen und mit vorgehaltener Waffe Geld und Wertsachen zusammenrauben – wer sich weigert die Postsendung am Schalter adressiert in die Westukraine zu verschicken, dem wird gesagt „Wenn Du das nicht machst, schießen wir Dir eine Kugel in den Kopf und der nächste macht es.“ So mir angetragen von einer Schwester besagter Postperson in der Ostukraine.

Und jetzt auch noch die Kulturzensur mit reißerischer Rhetorik. Ich muss als nicht-Völkerrechtler mir keine Gedanken darüber machen, ob die Annexion der Krim (die ja vor einigen Jahrzehnten noch „russisch“ war) richtig ist oder falsch, ob sie geopolisitsch Strategisch nachvollzieh- und vorhersehbar war – alles was geschieht, bei dem Menschen für die Einflussgier anderer Menschen leiden ist i.d.R. gefährlicher Unfug – Tatsache ist, daß die Eskalation der Ukraine-Krise von den USA befeuert wurde wie nur irgendwas. Der „Fuck the EU“ Vorfall war dafür genauso exemplarisch wie das Rumzetern diverser US-Senatoren. Mal wieder sieht man, daß Krieg für die USA immer irgendwo anders stattfindet und es ihnen deshalb auch egal sein kann. Die müssen ja weder als Nachbarn noch als Betroffene mit den Folgen leben, es ist abstrakt genug um daraus ein kleines globales Spielchen zu machen. Und währenddessen sterben Menschen, die mit irgendwem verwandt oder befreundet sind, den ich kenne. Widerlich.

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Wir sind der europäische Kredithai

Machen wir uns nichts vor: Wir – sofern man von einem „wir“ hier überhaupt reden kann – haben die Griechen nicht gerettet, wir haben sie in den Ruin getrieben. Wir haben sie vergiftet mit unserem Geld. Kleines Beispiel? Wir haben ihnen vor der großen Kriese regelmäßig Geld geliehen, damit sie sich bei uns Waffen kaufen können, so als tolle NATO-Partner die wir sind. Ist sowas nicht eigentlich Umverteilung von Geldern an die Rüstungsindustrie, gewaschen durch eine andere Regierung?

Als die griechischen Banken alarmiert waren, da sich ihre Kredite im Zuge der Finanzkrise als immer unbedienbarer erweisen würden, haben wir da nicht der Regierung in Athen das Geld geliehen ihre Bankenrettung durchzuführen? Ja, das haben wir. Und wir waren mehr als froh, daß sie darauf reingefallen sind, denn durch die Jahre voller typischer Misswirtschaft von OTCs bis CDSs sind die griechischen Banken zu einem Großteil von unseren „deutschen“ Banken über Besitzpapiere gehalten worden. Und damit wir nicht auf den Schulden sitzen bleiben, die auch auf die schlechten Ideen unserer Geldinstitute zurückzuführen sind, haben wir die griechische Regierung und andere Mechanismen genutzt, um unseren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Viel mehr ist nicht passiert. Damit haben wir den Griechen übrigens die Gelegenheit genommen, ihre Banken in eine ordentliche Insolvenz zu schicken, so wie die Isländer das dankenswerterweise getan haben.

Und jetzt stellen wir uns hin und behaupten, wir hätten die Griechen „gerettet“ und sie wären zu „luxussüchtig“ um zu sparen? Geht’s noch?! Ohne diese für uns überaus lukrative Kapitalrettungsaktion zuvor hätten sie überhaupt nicht das Problem, daß sie jetzt horrende Zinsen bedienen müssen und daß gleichzeitig ihre Infrastruktur sich selbst kannibalisiert. Ohne unser Eingreifen, gäbe es vielleicht ein paar Banken weniger, aber eben auch ein paar Schulden weniger und die Banken sind jetzt nichts, was einen Staat derartig erodieren lassen darf. Aber das ist wieder typisch Deutschland – Bankenlobby voraus, jeder schnappt sich was vom Kuchen und wenn wir alle was haben, giften wir gegen den Gastgeber, was der sich erdreistet zur Party einzuladen ohne genug für alle aufzutischen. Und dann leihen wir ihm was, damit er Kuchen für uns kaufen kann. Daß er selbst dabei schon lange kein Brot gesehen hat, erübrigt sich zu erwähnen.

Liebe Leute, „die Griechen“, die „wir gerettet“ haben gibt es nicht. Gab es nie. Wir haben unser Geld abgezogen und die Schulden jemand anderem aufgehalst. Und da Schulden und Schuld in Deutschland eine lange verflochtene giftige Tradition haben, zeigen unsere Massenmedien für Hirnreduzierte und Schnappatmer jetzt mit dem Finger auf „die Griechen“, die „wir gerettet“ haben und sagen, sie seien Schuld. Und wenn schon nicht Schuld, dann uns was schuldig. Gib Deutschland Geld, dann machst Du alles richtig, immerhin sind wir der selbsternannte moralische Zeigefinger Europas. Der homophobe, kleinbürgerliche, rückständige, waffenexportierende Zeigefinger – aber immerhin der moralische.

Und unser peinlicher Haufen von Politikern setzt sich hin und übt sich belehrend einem Finanzminister gegenüber, der an den besten Wirtschaftsuniversitäten der Welt doziert hat und im Gegensatz zu unseren selbsternannten Wirtschaftsexperten (von denen keiner ein so solides Resumé vorweisen kann) seit Jahren mit Experten aus anderen Ländern verschiedene Lösungsansätze für die Eurokrise erarbeitet hat. Und die Medien berichten über sein Hemd aus der Hose und sein Motorrad, anstatt sich mal eins seiner Bücher genauer anzugucken – kein Wunder, daß wir im Ausland so gesehen werden, wie wir es verdient haben. Neue deutsche Selbstgerechtigkeit. Passt ja gut zum Zeitgeist, am deutschen Wesen soll die Welt verwesen genesen.

Am Ende opfert diese wirre Tante, die die letzten Jahre erfolgreich den Deutschen Stillstand als Stabilität verkauft hat noch die EU für das „recht haben“. Und die Menschen hier kaufen und lesen hier weiter die Bild, vergiften ihren Geist mit zweitklassiger Information aus dritter Hand, alles nur um glauben zu können ihr Fleiß und Schweiß ist der Motor Europas und was sie jeden Tag auf der Arbeit tun habe irgend eine Bedeutung. Da will man spontan vor lauter Übermut in anderen Ländern als bundesdeutscher Bürger mitregieren. Oder sie zumindest so sehr in die Pleite treiben, daß sie auf Knien rutschen vor Dankbarkeit, wenn man bei ihnen Urlaub macht. Während Menschen dort aus Not, Armut und Verzweiflung Selbstmord begehen. Und ihre Jobs verlieren, keinen Strom und kein Essen haben. Schäbig nenn ich sowas.

Bevor hier übrigens jemand wieder ankommt mit „Aber die Griechen..“ – ja, ich weiß, die haben Steuer- und Transparenz- und Korruptionsprobleme. Die haben wir auch. Mit dem Unterschied, daß wir sie institutionalisiert haben und sie aus unseren Bilanzen gemogelt bekamen. Mit einem Wirtschaftsminister, der wegen Schwarzgeld damals fast seine politische Karriere hätte beenden müssen, sollten wir aber tunlichst nicht mit dem Finger auf andere Zeigen. Leute, lest doch mal lieber ein paar Bücher zu dem Thema als Zeitungen. Beschäftigt Euch doch mal lieber mit ein paar – wenn auch nicht schönen – Fakten anstatt zu spekulieren. Schaut Euch die Vorträge mal an, die im Netz geboten werden von den Unis und Think Tanks, lest mal was Piketty oder meinetwegen Yanis Varoufakis geschrieben hat und bildet Euch eine Meinung zu den Themen anstatt nachzulullen was die Medien Euch jetzt wieder für eine Wurst verkaufen.

Das kanns doch echt nicht sein. Manchmal hab ich das Gefühl, die Deutschen sammeln „den Euro“ und wenn sie alle haben, machen sie den Laden dicht, die anderen müssen dann zurück zu ihrer Drachme, ihrem Franc und ihrem Gulden und wir sind dann ganz allein Europa und keiner darf mitspielen. Wie ein fettes, gieriges enfant terrible. L’État, c’est moi! – Der Etat gehört mir! 😛

Now playing: Sentenced - We are but falling leaves | Stimmung: Enttäuscht

The next move

Da meine Meinung und Position zur internationalen NSA- und GCHQ-Affäre und ihrer gesellschaftlichen Folgen hinreichend bekannt sein dürfte und sich sowohl Sascha Lobo als auch Jakob Augstein so dazu geäußert haben, daß dem nur wenig hinzuzufügen ist, gehe ich das jetzt mal anders an. Welche Konsequenzen hat die Geschichte für mich persönlich? Wie verfahre ich nun mit der Gewissheit der Überwachungsmaschine im Gegensatz zu den vorherigen Vermutungen und Verschwörungstheorien? Was sind meine Konsequenzen aus der flächendeckenden Bürgerbespitzelung?

Der erste und nächste Schritt beginnt genau hier, genau heute. Hier auf diesem Blog und seinen (in meinem Kopf und Webaccount) verwandten Seiten. Ich hostete ihn vor kurzem noch bei Dreamhost (Serverstandort Silicon Valley), mittlerweile bin ich mit dem ganzen Netzkrempel nach Deutschland umgezogen, zu Domainfactory. Abgesehen davon, daß Dreamhost sich in letzter Zeit leistungshalber nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, ist mir sowohl das Signal an die US-IT-Wirtschaft wichtig als auch die Sicherheit meiner Daten, Dateien und Nutzer. Denn was nützt es, wenn ich auf meiner Seite nicht speichere und beobachte wer hinkommt und was er vorher und danach besucht (könnten mir Cookies ja verraten), wenn theoretisch der ganze Server auf dem meine Parzelle geparkt ist jederzeit vollüberwacht sein könnte? Was kann ich meinen Usern und mir selbst für eine Diskretion bieten, wenn der gesicherte Bereich und die Passwörter von der Datenkrake direkt aus der Datenbank ausgelesen werden könnten? Nichts.

Im selben Atemzug wie der Umzug kommt eine komplette Neustrukturierung meiner eMail-Postfächer auf den Plan. Mittlerweile laufen die vier Kategorien Shops, Games, Networking, Services auf unterschiedliche eMailadressen hinaus, nicht mehr nur eine oder zwei zur Spamreduktion und Abrechnung meiner digitalen Käufe. Jetzt sind auch endlich die verschiedenen Bereiche voneinander getrennt, die nichts in einer Kiste verloren haben: Die Dinge die meine weltliche Identität betreffen und zum Abschluss von Käufen, Buchungen und offizieller Post abgehandelt werden und die der digitalen Sphäre mit den entsprechenden Personas. Und ich muss mir nicht für jeden Scheiß alles anschwemmen lassen, am besten noch aus 2-3 anderen Postfächern, nur um irgendwelche Bestätigungslinks oder Passwörter zu suchen – wenn ich sie brauche, weiß ich wo ich suchen muss. Meine alten Adressen bleiben für eine gewisse Übergangszeit noch in Kraft und irgendwann ziehe ich die Reißleine, so wie bei den meisten Services, die ich ausschleichen lasse.

Mittel und langfristig ist der Plan ja offensichtlich: Raus aus dem fremdgehosteten Scheiß, erst USA und dann hier – alles selbst hosten. Und da das Cloud-Zeitalter gerade erst anbricht, sind die ersten paar Eigenlösungen auch schon am Horizont – als Alternative zu Google Drive, Amazon Cloud oder der in selbigere eingelagerten Dropbox. Was Dropbox angeht, gibts übrigens einen netten kleinen Verschlüsselungstrick: Dropbox speichert jeweils die Delta des Uploads beim aufspielen einer Datei. Wenn man also ein Truecrypt-Volume hochlädt ist das Ding bis zu dreifach verschlüsselt und man muss nach der Änderung dann nur noch die selbe Datei nochmal hochjagen – Datenminimalismus bei maximaler Verschlüsselungssicherheit. Wenn man sich dann auch noch dazu überwinden kann nur die AES-Krypto zu benutzen, kann man ein Image hochjagen, daß mit dem Android-App EDS auf dem Tab oder Phone benutzbar ist. Wenig aufwand, viel Effekt.

Aber zurück zu meiner Cloudlösung: OwnCloud bietet eine bereits gut gediehene Umgebung die sich problemlos auf dem eigenen Webspace installieren und in Betrieb nehmen lässt. Noch hab ich es nicht ganz raus wie, aber man kann den Amarok (den es mittlerweile sogar für Windows gibt) da direkt andocken, um Musik zu streamen. Aus der eigenen Cloud. Genau das worauf ich mit meinen zahllosen Endgeräten schon ewig gewartet habe! Kalender, Adressbuch (mit .vcs Import) und andere Apps gibts für OwnCloud mittlerweile auch, bleibt also spannend was noch alles möglich sein wird in Zukunft. Jetzt fehlt mir eigentlich nur noch die Möglichkeit Ubuntu for Smartphones bei mir aufzuspielen und ich kann aus der Google-Geschichte in dem Maß aussteigen wie ich es für erforderlich halte – nämlich nahezu vollständig.

Now playing: Alice Cooper - Give the Radio back | Stimmung: Angestrengt

Radikale Eltern, verzogene Kinder

Hört man in den letzten Jahren den Politikern und Medien zu, sterben die Menschen in Deutschland aus. Überall heißt es „zu wenige Kinder“ oder „kinderfeindliches Deutschland“, „zu niedrige Geburtenrate“ oder Vergleichbares. Dabei werden die Interessen der Beteiligten unverhohlen vermischt und der unterschwellige Grundtenor heißt in etwa „Jeder, der es auch nur wagt, etwas gegen Kinder, das Kinderkriegen, Eltern und Zeugungsmotivation zu denken ist ein Feind der Gesellschaft, abartig unnatürlich und verdient es nicht, die selbe Luft zu atmen wie alle anderen.“ Gut, das ist natürlich etwas überspitzt formuliert, aber gefühlt kommt es manchmal echt so rüber. In dem Moment, wo man in diesem Feld Kritik welcher Art auch immer in den Mund nimmt, hat der mediale Mob schon die ersten Steine schmeißbereit, schaut man sich diverse Antworten von Lesern in digitalen Magazinen genauer an.

Dabei sind die Interessen ganz offenkundig egoistisch:

Seitens Staat bedeuten mehr Kinder potenziell mehr Steuerzahler, mehr Wähler des Establishments, einen Konsumbooster für alle möglichen Waren – was wiederum Arbeitsplätze in der herstellenden Industrie und im Handel bedeutet, also noch mehr Steuern. Zusätzlich wird die Rente besser gestützt, weil ja jemand da ist, der später die Zeche zahlt, wenn die amtierende Generation immer älter werdender Berufstätiger aus ihrem Dienst ausscheidet. Für den Staat ist jedes in die Welt gesetzte und auf seinem Territorium großgewordene Kind ein Goldesel-Puzzlestück von vor seiner Geburt an. Es liegt für ihn (im Gegensatz zu weniger konsumorientierten Gesellschaften) eine riesige Menge Geld darin, einigermaßen kinderfreundlich zu sein. Und jedes doch nicht geborene ist ein einschnitt in diese genannten potenziellen Ressourcen, die ja damit dagewesen wären. Kein Wunder also, daß die Kritiker voll eingeschenkt bekommen, sobald sie unbequeme Fragen stellen. Wie z.B. warum sich noch nicht einmal genug um die gekümmert wird, die bereits da sind?

Denn das ist die Kehrseite der Medallie: Sobald ein Kind erstmal hier ist, gehts vermutlich erstmal nirgendwohin: seit den 60ern ist die Kindersterblichkeitsrate nämlich gesunken (von ca 30 auf 4 Promill). Dann kann man auch erstmal die Unterstützung auf ein Minimum zurückfahren, die Kitas und Kindergärten vernachlässigen, das Personal in dem Bereich unterbezahlen, die Grundschulen, später die weiterführenden unterfinanzieren, das zieht sich bis zu den Hochschulen. Für Förderungen gibt es ja Stiftungen, NGOs, Vereine und Verbände, warum sollte der Staat da mehr investieren als gerade mal genug, das niemand merkt, in was für einer Legebatterie er gerade herangezüchtet wird?

„If you’re pre-born, you’re fine. If you’re pre-school, you’re fucked.“
— George Carlin, Pro-Life vs Pro-Choice

Die Medien und die Industrie bekommen natürlich auch ihr Stück vom Kuchen: Ein künftiger Käufer mehr für ihre Produkte, ein konditionierbarer Konsumgeist mehr, der willens ist im Laufe seines Lebens regelmäßig seine Taschen zu leeren um das zu tun, was er am besten können soll und beigebracht bekommen hat: kaufen. Und mehr wollen als er kaufen kann. Denn damit wird er ein fügsamer Diener seines Brötchengebers, immer fleißig dran der Karotte hinterherzurennen wie der Esel. Anstatt darüber nachzudenken, ob er nicht selbst eine Karotte in einem Blumenbeet anpflanzen möchte. Und wenn wir uns draußen umschauen, haben wir doch bereits ein paar Generationen, die so ticken. Wohin das führt, sehen wir doch. Brauchen wir wirklich mehr davon? Achja, ich vergaß: Ewiges Wachstum, man darf den Hals nicht voll kriegen. Von nichts. Und nur Menschen kriegen einen so bunten Strauß verschiedenster Güter und Leistungen zusammen, den sie ver- und gebrauchen. Also, mehr Menschen!

„Schon Ihre Urenkel werden sich alle zwei Monate ein neues Auto kaufen müssen, bei Handys sind wir doch bereits so weit..“
— Volker Pispers, Bis neulich

Die Kehrseite hat die Industrie zumindest hierzulande längst begriffen und kommt Eltern entgegen, indem sie flexiblere Arbeitszeiten anbietet, Betriebskindergärten, Priorisierung bei Urlaubsanfragen und alles andere, was man unter Familienfreundlichkeit zusammenfassen kann. Denn ein Arbeitnehmer arbeitet dann am besten, wenn er sich keine großen Sorgen um seinen Nachwuchs machen muss, sei es auch nur für den Tag.

Was die Eltern angeht, sind die Motive zwar vielschichtig, aber im Grunde genauso egozentrisch wie bei Politik, Medien und Industrie. Es ist hier nur mehr eine Frage des Status und Luxus, eine gespielte Selbstverständlichkeit, die man – egal wie unbewusst – benutzt, sich ein Sozialupgrade zu verpassen. Man trägt mit Kindern mehr Verantwortung – und das wird nur zu gerne (bevorzugt in jungbürgerlichen Vierteln) aggressiv zur Schau gestellt á la „Ich bin Mutter, ich bin wichtig!“ oder „Aus dem Weg, sehr ihr nicht daß ich mit dem Doppelkinderwagen mehr Platz brauche? Mir doch egal ob ihr runter müsst vom Bürgersteig – ICH habe Kinder, ICH habe Vorrang.“ Wie mit den blöden Heckscheibenstickern, wo der Name draufsteht. Die Eltern als Bessermenschen – und wehe jemand sagt was dagegen. Die spielen sich im Straßenverkehr, an der Kasse und im Park so auf, als wären die Kinder die neuen Götter und die Eltern ihre Hohepriester. Und ja, bevor ihr fragt, Altona ist voll davon. -.-

Dabei sind die Gründe der meisten Menschen, ein Kind in die Welt zu setzen irgendwo in diesem Pool oder seiner beliebigen Erweiterung/Variation zu finden:

– Äußerer Druck / Zeit / familiäre und gesellschaftliche Erwartungen
– Eingeimpfte Ängste vor dem Nichts was man hinterlässt wenn man stirbt
– Nachlässigkeit / Dummheit / Verantwortungslosigkeit
– Kompensation der eigenen Unzulänglichkeit
– Erfüllung eigener Erwartungen an seinen Lebenslauf
– Als Aufopferungswunsch getarnte Sehnsucht nach Anerkennung
– Egoschmeicheleien folgend aus dem Ruf ein „guter“ Elternteil zu sein

Versteht mich nicht falsch, ich habe weder etwas dagegen, daß der Staat Steuern bekommt, noch Firmen ihre Waren verkaufen, noch Eltern ihre Kinder in die Welt setzen. Ich halte mich für kinderlieb und empfinde sie als eine Bereicherung der Gesellschaft – wie ja durch „alle haben was davon“ oben auch herausgestellt ist, und darüber hinaus.

Aber hört auf, mir das als altruistische, erhabene und ehrwürdige Selbstaufopferung zu verkaufen, sondern steht dazu was es ist: Ein Egotrip. Wäre dem anders, ginge es tatsächlich darum einem Menschen ein schönes Leben und Fürsorge zu ermöglichen, wären die Adoptivheime leer.

Und einem Menschen direkt oder subtil, bewusst oder ausversehen DANN auch noch vorzuhalten, er sei ein herz- und rücksichtsloser Egoist weil er zunächst keine Kinder will und jedem dazu rät, zuerst die Leichen im eigenen Keller aufzuräumen bevor man Nachwuchs in die Welt setzt – das ist einfach nur schäbig und verlogen.

So viel kann ich gar nicht essen, wie ich vor dieser Scheinheiligkeit kotzen möchte!

Aber räumen wir doch mal kurz die Thematik auf: Ein Kind ist zunächst mal per se nicht gut oder schlecht, genausowenig wie ein erwachsener Mensch.

Stimmt das eigentlich? Sind es nicht wir Menschen, die jeden Tag Abscheulichkeiten begehen? Ganze Landstriche unbewohnbar machen? Mit „Entschuldigungen“ Greultaten verüben? Jeden Tag. Überall. Im Großen und im Kleinen. Seit Jahrhunderten und Jahrtausenden?

Ohja, das sind wir Menschen. Nicht irgendwelche Monster, von denen wir uns abgrenzen könnten, so gern wir das würden. Menschen. Also seht es mir bitte nach, wenn ich diesen euphorischen Optimismus in unsere Species nicht ganz zu teilen bereit bin. Das erstmal vorneweg.

Und vor allem sind wir in der sog. ersten Welt in dem Glauben erzogen worden, wir sind die Guten und nichts von dem was auf der Welt schreckliches passiert hat seine Ursprünge hier bei uns im netten, freundlichen, friedlichen und offenen Westen. Aber auch das ist gelogen, wie so ziemlich alles andere auch. All das, was wir zu glauben gewohnt sind, weil es sich damit einfach ruhiger schlafen lässt.

„Sie fragen sich, warum wir Bomben unter den Arsch gepflanzt kriegen? Wann fangen Sie sich an zu fragen, warum es nur so wenige sind?“
— Volker Pispers, The History of USA and Terrorism

Prinzipiell sind Menschen zunächst mal, und das wird bei Kindern besonders deutlich, vor allem eines: Potenzial. Aber ob dieses Potenzial genutzt wird und wie, ob daraus was gescheites wird oder nur ein Schuss in den Ofen, das ist am Anfang der Reise – da wo die Weichen gestellt werden – überhaupt noch nicht zu sagen. Und wenn ich mir die meisten Menschen, ihr fehlgeleitetes Weltbild, die vererbten Familienflüche und die Spirale der Gewalt (vor allem hinter verschlossenen Türen) so ansehe, dann befällt mich so einiges.. nur kein Optimismus.

Zwar sind dank der besseren außerfachlichen Verfügbarkeit mittlerweile sehr hilfreiche Bücher zu paradoxer Kommunikation und Gewaltvererbung einem breiteren Publikum zugänglich, doch die motivierte und die bedürftige Leserschaft haben leider nur eine verschwindend geringe Schnittmenge. Also bleibt das nüchterne Fazit: Menschen könnten viel Positives erreichen, neigen dazu aber nicht.

Und so kommen wir zum nächsten Punkt: Wenn die meisten Menschen nicht in der Lage sind, sich positiv zu entwickeln (unsere Gesellschaft neigt dazu Andersartige an sich anzupassen und Überfliegern die Flügel zu stutzen), kommt bei hoher Bevölkerungsdichte eine erschreckende Anzahl an Menschen zusammen, die sich auf ihre Umgebung eher wenig bis garnicht gut auswirken. Jeder Mensch mehr ist für unsere Welt eher eine Belastung als ein Beitrag. Die Ethikfachleute tun sich mit solchen Aussagen schwer, weil sie viel zu weit denken á la „Stellt das den Wert eines Menschen in Frage?“, „Wer entscheidet was gut ist?“, etc. – ich bin da eher für das eins-nach-dem-anderen-Prinzip. Viele Menschen tun weder der (Um)Welt gut, noch der Gesellschaft. Wenn man sich in Europa umguckt, wo die Leute am glücklichsten sind, dann sind immer die selben Länder an der Spitze: die Skandinavier.

In ganz Skandinavien inklusive Grönland leben gerade mal so viele Menschen wie in Bayern und Baden-Württemberg zusammengenommen. Und denen gehts gut! Sie haben genug von allem, können untereinander teilen, bekommen Nachwuchs und leben in bescheidener Höflichkeit und ohne große existenzielle Sorgen – verglichen mit dem Durchschnitt hierzulande. Sie sind kreativ, pragmatisch und entspannt – eine Kombination die man in Deutschland nur selten antrifft. Und sie sind weitsichtig genug, all die nötigen gesellschaftlichen Veränderungen im sozialen Sicherungs- und Bildungssystem durchzuführen. Da wo unsere Politiker den Beißreflex bekommen und kalten Kaffee rezitieren, gehen die mit gutem Beispiel voran. Aber gut, das selbe Problem haben wir mit China – wir können ihnen unser System nicht verkaufen weil sie zu viele sind – es würde nicht ohne Weiteres funktionieren. Und wir sind zu viele um hier gescheit zu Potte zu kommen – und das beheben wir nicht durch die Anhebung der Geburtenrate.

Und wo wir gerade bei kulturell errungenem Wohlstand und Glück sind – und den Menschenrechten: Ein makaberer Volkswirt könnte auf die Idee kommen das Ganze so zu formulieren, daß durch die Verknappung des Gutes „Mensch“ der Einzelwert steigt. Anders ausgedrückt, wo viele Menschen sind, ist das Leben eines Einzelnen nicht viel wert – zu beobachten in China, Indien, diversen zentralafrikanischen Staaten – wo wenige hingegen sind, wird jeder einzelne mehr geschätzt und geachtet. Somit führt uns der Staat und die Industrie mit dem Slogan „Wir sind Familienfreundlich“ und „Mehr Konsumenten braucht der Markt“ in den ethischen Abgrund, anstatt dafür zu sorgen, daß wir das was wir haben dorthin verteilen können wo es gebraucht wird, weil immer mehr Punkte erschaffen werden, die Bedarf haben. Klingt vielleicht nicht besonders humanistisch, ist aber dummerweise populationsdynamische Praxis.

Aber zurück zu den radikalen Eltern mit ihren überzogenen Erwartungen an die heutige Welt. In ihrem Selbstbild weitgehend von anderen Eltern, dem Staat und der Industrie bestätigt, gehen sie in ihrer Rolle der vermeintlichen Priorität auf. Neulich hat ein Kollege (er selbst hat 4 Kinder) moniert, daß es in einer Stadt wie Hamburg nahezu unmöglich sei, als so große Familie eine Wohnung zu bekommen. Was ich mich frage: Warum sollte es das auch? Wenn ich einen großen Garten mit Schaukel haben will, ziehe ich doch nicht in den städtischen Dschungel. Wenn ich so viele Kinder habe, daß ich mich potenziell mit Nachbarn und sonstigen Mitmenschen nur schwer koordinieren und arrangieren kann, dann merke ich doch, daß der moderne urbane Lebensstil nichts mehr für mich ist. Ich fahre ja auch nicht mit einem Wohnwagen den Grand Prix.. es sollte offensichtlich sein!

Die Wohnungen werden immer kleiner in den Städten, die Bevölkerung tendiert immer mehr in eine bestimmte Richtung und wer mehr Familie will, der braucht eben Platz und muss dann dorthin gehen, wo es welchen gibt – Deurbanisierung. Ansprüche stellen die Leute heutzutage.. da kann ich nur noch den Kopf schütteln. Gut, Altona ist einer der kinderreichsten Stadtteile Hamburgs – da ist an jeder Straßenecke eine Kita oder ein Laden für Babyzeug. Dementsprechend hoch ist der Alltagslärm auf der Straße, der gegen die Brandschutzordnung verstoßene Kinderwagenparkplatz in jedem Treppenhaus, die „Lasst mich durch, ich bin Mutter“-Fregatten auf den Gehwegen – aber was präsenter ist als alles andere ist die gluckenartige Fokussierung der jungen Eltern auf ihren und nur ihren Nachwuchs, den sie damit mehr als verziehen. Sie stehen da, fordern Rücksicht und Respekt und sind die letzten, die auch nur einen Hauch dieser Eigenschaften anderen entgegenbringen wollen. Sie sind ja Eltern 2.0 – die Wiege der Bundesrepublik von morgen! Deswegen dürfen sie. Stolz kann man auf seine Kinder sein, nein – man sollte es sogar, wenn sie einem den Anlass dazu geben. Aber nicht in der Form, daß man auf sie den Eigenstolz der Reproduktionsfähigkeit projeziert, wie es fast immer der Fall ist. Freuds Anale Phase: „Guck mal, hab ich selba gemacht!“ Denn das bekommt jeder Idiot hin und leider haben es auch zu viele in den vergangenen Jahrzehnten, deswegen ist diese Welt so am Arsch wie sie ist.

Sicher, die Kinder sind nicht daran schuld. Und sollten dafür auch nicht büßen müssen. Bei den meisten heutigen Eltern und den Gesamtfolgen für die Gesellschaft ist das aber kaum zu vermeiden. Und sie werden genauso wie ihre Eltern, denn von ihnen lernen sie. Ihr wollt Eure Kinder heutzutage zu guten Menschen erziehen? Bonne chance!

Now playing: Grave Digger - Warchild | Stimmung: Dezent genervt

Verwertungskonflikte und Zensur durch Audience-Cutoff

Ich möchte mit diesem Artikel auf zwei Dinge aufmerksam machen, die mich schon länger stören – und das ganze ist ein etwas massenmedienfremder Blickwinkel auf die ach so totgeredeten Themen, die landläufig unter „Urheberrechtsverletzung“ und „Three Strikes Modell“ laufen. Ich verzichte mal darauf, ein weiteres Mal den Sermon anzustimmen für „Fair Use“, daß die Industrie gepennt hat und sogenannte „Raubkopierer“ hochgradig kriminalisiert werden. Das will sicherlich keiner ein weiteres Mal lesen und jeder den es interessiert hat sich schon Gedanken dazu gemacht.

Was ich machen möchte ist, das ganze anders zu beleuchten. Beginnen wir doch mit dem „Raubkopierer“ – ein Raub in seiner eigentlichen Form ist das gewaltsame Aneignen von anderer Leute Gütern. Wenn jemand eine Datei im Internet kopiert, kann nicht von „wegnehmen“ die Rede sein, da das „Original“ ja geblieben ist wo es war. Das einzige, was hier seitens der Verwerterkonzerne angebracht wird ist das einbüßen von „potenziellem“ Gewinn. Also einer Chance, daß sie für die Verwertung fremden Eigentums Geld bekommen könnten. Und selbst diese „Wegnahme“ ist durch zahllose Beispiele widerlegt, wo Musik- und Filmfreunde sich die Originale nachkauften. Dieses Wort ist ein perfektes Beispiel für die restlos überzogene und verzerrende Wahl der Sprache.

Daran angeknüpft, schauen wir uns doch die sogenannten „Urheberrechtsverletzungen“ mal an: Das Urheberrecht garantiert gewissermaßen, daß das Werk eines Künstlers nicht von einem anderen als sein eigenes ausgegeben werden kann. Darüber hinaus kann der Künstler selbst entscheiden auf welche Weise er sein Werk verbreiten möchte, wenn dem denn so ist. Das war der eigentliche Sinn. Wenn man sich anguckt, wer Verwertungsrechte im eigenen Namen unter der Flagge des Künstlers geltend macht, merkt man recht schnell, daß das mit Urheberschutz nichts zu tun hat. Ich kenne keinen einzigen Fall, wo jemand ein heruntergeladenes Werk als sein eigenes ausgegeben hat und damit versucht hat sich Gelder zu ergaunern. Also eine klassische Urheberrechtsverletzung begangen hat. Da das Urheberrecht nicht veräußerlich ist, kann kein Verwerter sich darauf berufen, ich denke das ist etwas was der Öffentlichkeit jedoch anders verkauft wird. Nennen wir die Dinge beim Namen: Es sind nie Urheberrechtsverletzungen gewesen, über die die Audiolobby schimpfte – es ging immer und ausschließlich um Verwertungslizenzen, bzw einen Verwertungskonflikt!

Und wo wir gerade dabei sind, werfen wir doch mal auf der Lobby liebstes Kind – das Three-Strikes-Modell, welches in Frankreich bereits die ersten rechtlich fragwürdigen Konsequenzen über teils noch nicht einmal an irgendwelchen Verstößen beteiligten Bürger hat hereinbrechen lassen. Ich lehne mich mal ein wenig rechstsphilosophisch aus dem Fenster mit folgender These: „Das Abschalten des Internets für Einzelpersonen, Haushalte und Gemeinschaften ist Zensur!“ Warum das so ist, dürfte offensichtlich sein, wird aber oft noch nicht mal so gesehen: Jeder Mensch, der vom Internet getrennt ist, ist ein Verlust im Publikum welches ein jeder Webjournalist, ein jeder Blogger, ein jeder Autor, Künstler, Forenbetreiber, etc. hat. Wenn ich meinen Inhalt als Verkünder beliebiger Art einem größtmöglichen Publikum zur Verfügung stellen will und jemand oder etwas greift in meine Möglichkeiten dazu an beliebiger Stelle ein, um es zu unterbinden ist der Effekt der selbe. Vielleicht mit einer anderen Absicht, aber im Ergebnis und Einzelfall gleich der Zensur.

Ich finde langsam aber sicher ist es Zeit, daß die Realität mit ihrem Bullshit aufhört und die Dinge beim Namen nennt. Bittedanke.

Now playing: Heavy Metal Army - Yes or No | Stimmung: Slightly pissed

From Tripolis to Sirt..

..or how yelling eccentric dictators keep their word. Das Ende einer Ära – Teil XYZ. Während in Syrien seit Monaten blutige Massaker an Zivilisten verübt werden und noch immer nicht ganz klar ist was daraus wird, sich die UNO wieder mal UNinvolved zeigt und vor der Küste Nordafrikas ein paar ziemlich verspätete aber wenigstens irgendwie nützliche NATO-Truppen ihre Schiffe polieren, hat es Libyen mittlerweile hinter sich. Wie zuvor Tunesien und danach Ägypten es geschafft hat, seinen Tyrannen abzusetzen, endete Gaddafis Leben dort wo es begonnen hatte: In Sirt. In einem Abwasserkanal. Wenn man sieht, wie weit alles gegangen ist, hätte er vielleicht nach einem deutlich kürzeren Aufenthalt auf diesem Planeten dort enden sollen – heißt es zumindest von einigen. Mal Freund des Westens, mal Terroristenfürst – unbestritten ist, daß Muammar Al-Gee wohl die Diva unter den Halbmondherrschern war, eine Art südliche Kopie von Mooshammers Stil, nur bewaffnet und fanatisch von seiner eigenen Machtstellung und -legitimation überzeugt. Und damit war er einer der festgebissensten Hardliner, die Jahrzehntelang das Land im Würgegriff hielten – tja, so löst man im Süden und nahen Osten den „good lads club“ auf.

Ägypten hat derweil vor den Wahlen mit starken Problemen und mangelnder Einheit zu kämpfen, in Tunesien scheint es etwas bergauf zu gehen und in Syrien sitzt der aktuelle Machthaber unter seinem gepanzerten Schreibtisch und fragt sich ob er der nächste sein wird. Überraschung: Yes Bashir, you’re next!

meanwhile

Doch was bleibt nach einem Sturm aufs System? Womit muss man rechnen, wenn das Blut aufgehört hat durch die Straßen zu fließen? Was ist der nächste Schritt, wenn man erstmal die Freiheit hat? „Freiheit für“ oder „Freiheit von“? Ich denke es wird lange dauern, bis Libyen die tiefen Wunden des Bruderkrieges wieder geschlossen hat, ich denke auch, daß in Ägypten es eine Weile dauern wird, bis sich eine Besserung für die Bevölkerung einstellt (wie die Leute vor Ort das sehen werde ich mir im Dezember mal genauer ansehen und mal mit ihnen sprechen, über ihre Sicht der Dinge, was sie wussten, wo sie waren und was sie wollten, wenn sich so ein Gespräch ergibt). Jetzt muss erstmal eine Basis geschaffen werden, eine Basis die mit Repression und der Ordnung die bestanden hat nichts gemein hat – doch genau das ist eigentlich der schwierigste Schritt, der an welchem alles zu scheitern droht, wenn man sich die Revolutionen dieser Welt ansieht.

Die Guideline für das was kommen muss, sollte eine gemeinsame Ethik sein und leider sind die meisten ethischen Grundsätze religiös geprägt an Orten, wo die Aufklärung noch keinen großflächigen Einzug erhalten hat. Vor einiger Zeit erschien in Ägypten ein interessantes Buch über eine anstehende und sehr wohl notwendige Reformation des Islam, weg von Dogmen, näher an die Flexibilität des modernen Lebens und persönlicher Ausübung anstelle angestrebter Gottesordnung in Staatenform. Es wäre interessant zu erfahren ob dieses Zeitalter der Veränderung auch die Religio mit erfasst und sich nicht nur durch die Hierarchiegefüge zieht.

Aber das sind alles Dinge die wir sehen werden, die Welt ist im Wandel, mehr als die Jahrzehnte zuvor und ich denke mit dem endgültigen Untergang des libyschen Machthabers ist sie kein schlechterer Ort geworden, so alles in allem. Freiheit ist ein schwer zu knetender Ton, oft bekommt er Risse oder splittert – aber es ist besser einen Krug daraus formen zu können als mit einem Haufen davon Leben zu müssen an den man nicht dran kommt. Ein bitterer Preis, der bezahlt werden musste. Ein teuerer Sieg und eine schwere Zeit. Aber alles in allem..

Congrats, Libya!

Und so schließe ich mit den selben Worten wie letztes Mal: Ich hoffe eines Tages werden die Menschen erkennen, daß wenn sie weise und entschlossen handeln sie wesentlich weniger Führung bedürfen als man es uns heutzutage glauben machen will. Genau da ist Potenzial. Und die Herrschaften die heute ihre Zeit und unser Geld damit verschwenden, können sich einen echten Job suchen.

Hail to the Kingdom of Steel!
Brother Arnoc

Now playing: Alice Cooper - Pick up the Bones | Stimmung: Nachdenklich

Obama bin nachgeladen

Heute ist ein Tag zum Feiern, sagen die Amerikaner. Der berüchtigte Top-Terrorist Baracus Osama Bin Fladen, Graf Mladen von Irgendwastan ist so tot wie noch nie zuvor! Das ist schon sehr lachhaft, wie die Medien sich drauf stürzen – und mindestens drei oder vier große Verhaspler habens in die Annalen geschaft. Obama. Osama. Und Nachrichtensprecher, die es nicht auseinanderhalten konnten.

Und natürlich Politiker, die jetzt nach 10 Jahren der Unfähigkeit einen einzigen Mann zu fangen nicht in der Lage waren, sie stöhnen im ewig gleichen Bürgerrechtsporno „Oh.. ja.. die Racheakte.. Gefährdungssituation..“ Gut, mag sein, daß sich an der kompletten Lage nichts geändert hat – aber mal ganz im ernst, jetzt mal von der Sauerlandgruppe abgesehen, auch von den gemutmaßten Anschlägen gegen die Verkehrsinfrastruktur deutscher Großstädte, die vor wenigen Jahren gezielt nicht an die Öffentlichkeit gingen: Wie viele Leute kennt Ihr, die im vergangenen Jahrzehnt Opfer eines Terroranschlags geworden sind? Also ich kenne nicht einen.

Dafür gab es mindestens zwei Fälle von versuchten oder durchgeführten Anschlägen, die außer dem evtl Tod der Attentäter zu nichts außer Sachbeschädigung, Umweltverschmutzung und Verhaftungen geführt haben. Man denke da an Schweden letztes Jahr – der Kerl dort hat sich in die Luft gejagt mit einer von Sechs Rohrbomben die er umgeschnallt hatte, vermutlich auch noch in Serie geschaltet. Sie zerfetzte ihm den Bauch und er verstarb jämmerlich auf dem Marktplatz, nachdem die Explosion sein Auto in Mitleidenschaft gezogen und ein paar Passanten erschreckt hatte. Ganz großes Kino.

Oder die Typen, die Anno 2006 den Londoner Flughafen sprengen wollten (ich hab immernoch die Vermutung, daß „Four Lions“ davon inspiriert ist) – die haben ein Auto vollgepackt mit Gasflaschen, Benzinkanistern und haben im innern auch noch Spritt verteilt. Und fuhren los. Ihre Fahrt endete an einem Betonpfeiler, der im Zweifelsfall auch als Panzersperre hätte herhalten können – der Flughafen ist voll damit. Wurde irgendwie vergessen. Naja, wie dem auch sei, das Auto qualmte, wie es ein Auto eben tut, wenn man es volle Kanne irgendwo dransetzt und die drei Typen darin kokelten ein wenig mit dem Benzin rum, was sie vergossen hatten, aber das wollte auch nicht so richtig. Einer von ihnen kam raus und schrie herum bis ein vorbeilaufender Fußgänger ihm ein paar gezimmert hat. Dann kam die Polizei und buchtete alle ein. Hollywood-Erwartungen bei Autos mit brennbarem Scheiß, hm? Echt klasse.

Ich bin mittlerweile fast dafür, daß wir den ganzen Sicherheitsmüll wieder abschaffen und einfach warten und gucken was passiert – vermutlich werden die Typen sich noch vor Ende der laufenden Dekade aus purer Blödheit selbst ausgerottet haben und weil sie so viel damit zu tun hatten, gibts auch keine Nachfolger die nicht wie die vier Löwen enden werden. Krähenragout.

Es bleibt nur den Kopf zu schütteln und sich seinen Teil dazu zu denken und währende die sensationsgeilen Medienjunkies JAAA schreien und die Freunde von langen Gerichtsprozessen NEINNN entgegnen und wiederrum andere Halbmondbetende AAAARGH schreien weil die Beerdigungsriten nicht richtig abgehalten wurden, denke ich mir meinen Teil, daß Harry S. Morgan dem ollen Osama einen Tag zuvorgekommen ist mit dem draufgehen – das heißt wohl bis jener im Paradies ankommt, sind die versprochenen Jungfrauen keine mehr (frei nach Helly). Bad timing, hm?

Volker Pispers hat mal den sehr treffenden Satz gebracht: „Wer sich unserer westlichen Geschichte bewusst wird und all den historischen Fakten die zu dieser Gegenwart führten, wird sich nicht fragen warum wir Bomben untern Arsch gelegt bekommen – der wird sich fragen warum es so wenige sind.“

Naja, offenbar ist auf den menschlichen Selbstbeseitigungstrip noch verlass. Doch eigentlich ändert nichts nichts, solange Du und ich nicht alles ändern. In uns und um uns herum. Aber genug Idealismus, Fremdpatriotismus und Blutwurstsolidarisierung für heute – ich guck jetzt noch Platoon fertig und gehe pennen.

Hail to the Kingdom of Steel!
Brother Arnoc

Now playing: Alice Cooper - It's much too late | Stimmung: Nachdenklich

Söldner, Narren und Zapfsäulen..

..oder was nicht alles so passiert. Wir leben schon in interessanten Zeiten, muss man sagen. Und während sich unsere Regierung bei jedem Thema aufs neue in Ohnmacht stürzt und Unfähigkeit durch Zurückhaltung demonstriert, gehts in einigen Schmelztigeln der Welt heiß her. Ein paar Random-News und Statements zum aktuellen Zeitgeschehen meinerseits.

Als erstes den Trubel um Karl-Theodor zu Googleberg, auch bekannt als „the Plagiator“ oder Selbstverteidigungsminister – ich musste schon sehr grinsen als der Strahlemann mit seinem Doktortitel á la Copypasta aufflog. In der Partei, mit den Werten die er repräsentierte und repräsentieren sollte, in dem politischen Flügel und mit der bisherigen Haltung – Bäm! Und wenn die CDSU jetzt nochmal mit Urheberrechtsverletzungen hausieren geht, werden sie die Kommentare kriegen, daß sie doch mal zuerst in den eigenen Reihen einknasten sollten, bevor sie auf fremde Teller schauen. Hand auf halten, Klappe halten, irgendwas deichseln, viel mehr können die wohl nicht. Und tun nicht. Ich finde, man sollte bei allen öffentlichen Personen mal auf solcherlei prüfen, täte sicher ganz gut, sich einen Überblick darüber zu verschaffen wer noch alles beschissen hat, dann würden die Akademiker sich auch nochmal gründlich überlegen ob sie solche Hochstapler wählen oder nicht. Auch wenn der Fußnotenminister über Charisma und Stil verfügt hat, zeigt das ein mal mehr, daß Integrität zu den Eigenschaften zählt, die ein Mann seines Postens haben sollte. Sollte. Wo findet man sowas denn schon noch, heutzutage?

Und während beim großen Zapfenstreich Smoke on the Water vor sich hin dudelt, ist aus Gaddafis Gegenoffensive, die er Gerüchten zuvolge mit Berlusconis Hilfe von serbischen Söldnern, die auf Demonstranten schießen hat beginnen lassen, ein waschechter Bürgerkrieg geworden. Oder auch nicht. Wenn die „hired Guns“ aus dem Tschad und anderen umliegenden Ländern einen großen Teil der Truppen stellen, die die arabische Version von Diva á la Mooshammer, dann ist das kein Bürgerkrieg mehr, sondern ein verbitterter Untergangskampf eines schwächer werdenden Diktators. Wenn man die Stimmen in den Medien beobachtet hat, fällt einem die Terministik auf, die schon bei Mubarak verwendung fand:

Erst nannte man ihn Präsident. Dann nannte man ihn Despot. Dann nannte man ihn Diktator. Dann nannte man ihn verzweifelt und schlussendlich nannte man ihn wahnsinnig. Da sieht man mal wieder, wie ausgezeichnet die Freund-Feind-Erkennung hierzulande funktioniert. Je unwahrscheinlicher es ist, daß das Staatsoberhaupt auf lange Sicht das Öl liefern wird, auf das wir ach so angewiesen sind, desto verunglimpfter wird es, desto eher „sympatisiert“ man vorsichtig mit den Demonstranten, äh.. Aufständischen, äh.. Rebellen, äh.. Regimegegnern, äh.. Opositionellen. Aber hauptsache zurückhaltend, sinnlose Meetings für teuer Geld und null Beschlussgewalt. Und Angst. Vor Radikalisierung, vor Energieproblemen, vor Wirtschaftscrashes auf Weltniveau, vor allem was die Sachlage so hergibt. Beschämend. Hach, was wären wir gerne neutral. Das was unsere Regierung, unsere europäischen Vertreter und die USA sich geleistet haben im Arabischen Frühling ist peinlich. Fast genauso peinlich wie die „Befreiung“ des Irak und Afghans, die jetzt seit 10 Jahren die Gegend in ein Kriegsgebiet verwandelt hat – das Volk selbst hat es geschafft, in nur wenigen Monaten mehr Regimes zu stürzen ohne das Land dabei zurück in die Steinzeit zu befördern. Hätten die Amis den Irak in Ruhe gelassen, wer weiß, vielleicht hätten die Leute sich jetzt dort auch zusammengerauft und müssten sich nicht in Clans gesplittert gegenseitig abmurksen, weil sie den Zusammenhalt erlebt hätten. Ich hoffe Lybien kriegt es hin, den richtigen Weg (wie auch immer der aussehen mag) zu gehen und Gaddafi das zu verpassen was er verdient hat – ich hatte schon vermutet, daß das ein zäher Hund sein würde, wenn sie den drankriegen, bekommen sie auch alle anderen zu Fall die sie nicht mehr wollen.

Und wo wir gerade bei Öl sind, kommen wir zum dritten Streich. Diese E-10 Thematik ist ein schlechter Scherz. Glauben die wirklich, daß es an der Werbung liegt? Oder daran, daß die Leute sich nicht informieren können oder wollen? Ich weiß nicht wie andere Autofahrer das halten, aber ich für meinen Teil habe mich bereits vor Monaten informiert ob meine Karre damit klarkommt, daß man mein schönes Benzin verpanscht oder nicht. Sie tut es. Und ich scheiße trotzdem drauf. Und warum? Weil ich Bock hab mehr pro Liter zu blechen. Ist natürlich Quatsch – nö, ich find es einfach nur restlos bescheuert, daß wir endlose Ackerbauflächen dazu verdonnern mit einer miesen Klimabilanz für unsere Ölunabhängigkeit pseudomäßig was zu tun, während wir uns gleichzeitig weigern die Nahrungsmittel die global benötigt werden auf eben selbigen Flächen anzubauen. Daß es auf diesem Planeten schon genug Menschen gibt, mag zwar meine Meinung sein, aber in Zeiten wo Hybridfahrzeuge nur etwas über die Hälfte dessen verbrauchen, was normale Autos verheizen finde ich diesen ganzen Ansatz Biospritt sehr fragwürdig. Und daß sowas ohne Beschluss des Volkes per Handschlag zwischen Politik und Wirtschaft geklärt wird, macht es nicht besser. Das ist doch die selbe Scheiße wie mit S21 oder den ganzen anderen politischen Desastern die wir immer wieder erleben. Und ich hab allmählich keinen Bock mehr drauf. Aber was will man für umgerechnet 7ct pro Bürger im Monat erwarten, wenn man sich unseren Bundestag anguckt, etwa das sie gescheite Arbeit machen? Eher gescheiterte, darin haben sie wenigstens Erfahrung.

So, aber genug des Newsflashs – mehr folgt sicher noch.

Hail to the Kingdom of Steel!
Brother Arnoc

Now playing: Die Streuner - Totentanz | Stimmung: Leicht Genervt