Chicago ctOS blues(creen)

Nach meinem ersten Eindruck von Watch Dogs hab ich das Spiel nun (von der Hauptstory) durch. Alles in allem ist der riesige offene und technische Spielplatz durchaus unterhaltsam, vielseitig und die Stadtviertel abwechslungsreich – da kann man sich nicht beklagen. Spannend sind auch die kleinen Multiplayer-Einlagen, ob freiwillig oder weniger, die Rennen, die Shootouts und der fließende Übergang zwischen Single- und Multiplayer. Alles in allem sehr sympatisch. Was mir immer noch ein wenig quer im Magen liegt ist aber der ruchlose Protagonist. Der fährt eine Attitüde, die irgendwo zwischen familienorientierter Selbstjustiz und selbstgerechter Rücksichtslosigkeit liegt, die nur begrenzt nachvollziehbar ist. Bei einem Auftragsmörder oder Kopfgeldjäger, Söldner oder Mafiaschläger kann ich mir die Abgebrühtheit vorstellen, die der Charakter an den Tag legt, aber nicht bei einem Hacker, der seinen Unterhalt mit unbefugten Zugriffen verdient.

Der ziemlich entspannte Umgang mit Verletzung von Privatsphäre oder kritischen Systemexploits der ganzen Stadt mag durchaus bewusst als Stilmittel gewählt worden sein, um aufzuzeigen wie einfach ein Missbrauch von Daten bei allgegenwärtiger Vernetzung sein wird, jedoch ist die Ruchlosigkeit die man selbst an den Tag legt und in einigen Missionen sogar legen muss etwas zu „casual“ für mein persönliches Wohlempfinden. Das geht damit los, daß man einem Arbeitslosen armen Schlucker ein paar hundert Dollar abzwacken kann und hört nicht erst da auf, wo man mehrere Dutzend Menschen umbringt, um jemanden aus einem Gebäude rauszuholen. Einfach so. Man hätte sie ja nicht irgendwie in die Irre führen können oder die Polizei auf sie aufmerksam machen können, um für genug Ablenkung zu sorgen.

Ja, klar, das sind „bad guys“, selbst Söldner und bis an die Zähne bewaffnet – sie würden kurzen Prozess machen, aber eigentlich müsste man gerade als technisch versierter Spezialist auch andere Wege haben können als sich auf ihr Niveau zu begeben und ihre Eingeweide mit einem Granatwerfer auf diversen Autodächern zu verteilen. Oder auch sowas typisch GTA mäßiges: Man hijackt ein Auto, wirft den Fahrer raus und hört von ihm nur noch ein „Bitte nicht. Ich bin nicht versichert!“ – man kann den Vorgang dann nicht mehr abbrechen und dem jenigen sein Auto zurückgeben, er rennt im Kreis sobald er das Fahrzeug verlassen hat. Vielleicht hab ich mir das Spiel mit meinem Mitgefühl NPCs und Realismusansprüchen etwas vergällt, vielleicht bin ich aber auch einfach mittlerweile nicht mehr so abgewichst, daß ich meine persönlichen Interessen über alles und jeden um mich herum stellen will ohne sie zu hinterfragen. Der Protagonist hat zwar schon ein bis zwei Momente, wo er ob seines Tuns in Zweifel gerät, aber das kommt flach und nicht besonders helle rüber, wie ein ‚huch, war ich das etwa?‘ nach einem Gebäudeeinsturz. Naja, ich denke ihr habt die Idee verstanden, was ich mit diesem Game für einen Zwist hab, insofern verschone ich Euch für den Rest des Artikels damit. 😉

Ein weiterer Kritikpunkt: An einigen Ecken wirkt das Spiel nicht zu ende gedacht – Man hat mehrere Dutzend Fahrzeuge zur Auswahl, aber von den 5-6 verschiedenen Waffentypen gibt es nur jeweils fünf verschiedene, von einem bis zu fünf Sternen. Hat man in einem reichen Viertel mal eine halbe Stunde jeden digital abgezogen, der da rumläuft und sich vorher von den Skillpunkten das Geldradar gekauft, kann man direkt am Anfang die Fünf-Sterne-Waffen ins Arsenal packen und das wars für den Rest des Spiels – der Unterschied zwischen ihnen ist ohnehin kaum merklich, aber man hat bis zum Ende nichts anderes – langweilig. Das Waffenhändler denken ich will sie ausrauben wenn ich die frisch gekaufte Wumme aus der Tasche ziehe, ist auch so ein Ding. Ähnlich wie die Reaktion der Bürger auf einen Bewaffneten, vor allem wenn geschossen wird – würde ich zwei Pixel weiter im rot umrandeten Kampfgebiet sitzen, würde niemand die Bullen rufen – schieße ich von draußen rein, gibts sofort einen Notruf.

Genauso sinnfrei ist das „erkennen“ wo man steckt, ohne echte Versteckmöglichkeiten (wie man sie zB bei Assassins Creed gehabt hätte) – man kann nicht in der Masse untertauchen, auch wenn man sich so verhält als wäre man unbeteiligt. Ich ziehe irgendwo eine Waffe, schieße, renne los, wechsele zwei Mal das Auto außerhalb der Sicht, versteck mich hinter einem Container und trotzdem weiß die Chicago Police wo genau sie wen genau suchen soll. Bescheuert. Ähnlich bekloppt sind die Mechanismen bei einer Verfolgung im Auto – mein Auto wird beschossen, ich fahre nahe an ein Polizeifahrzeug ran, sie steigen erst aus, wenn ich es tue – bin ich nun schnell genug, kann ich in ihr Fahrzeug einsteigen und davonbrausen bevor sie irgendwas dagegen tun können.

Ein paar Positive und vielleicht sogar überraschende Features hat das Spiel aber natürlich auch. Ich mochte es, daß man keine anonyme Masse an Stadtbewohnern hat, das grundsätzliche Gefühl, daß jeder zumindest mal einen Namen und eine Beschäftigung, sei es Hobby oder Beruf, hat. Wenn man die falschen Leute ausnimmt, merken die, daß sie gehackt wurden und setzen ein Kopfgeld auf einen aus, was sich darin niederschlägt, daß andere versuchen Dich zu hacken und auf Dich im Multiplayer ein Preis ausgesetzt ist. Die kleinen Gadgets mit denen man mal mehr mal weniger Tumult anrichten kann, kann man basteln und sie sind ausreichend unterschiedlich, daß es Spaß macht damit ein wenig herumzuexperimentieren.

Von dem Storyverlauf muss ich sagen, hat mir das Ganze gefallen – es war zwar durchaus vorhersehbar und bekam keine großen Twists, war aber dennoch unterhaltsam genug um mich bei Laune zu halten, was natürlich nicht zuletzt dem Setting geschuldet ist. Die ganzen kleinen Nebenaufträge wie Gangs ausräumen, in Sicherheitsbereiche eindringen und das Netzwerk infiltrieren, Konvois abfangen und so weiter, das ist alles zwar auch kurzweilig aber eben eher ein Intermezzo als wirklich was besonderes. Ich hoffe die machen noch einen weiteren Teil und gehen ein paar Schritte weg von GTA und ein paar schritte hin zu DeusEx und Assassin’s Creed, wobei die Sammelwut von letzterem von Watchdogs ja bereits erreicht ist.


Now playing: Alkaline Trio - Private Eye | Stimmung: Unterhalten

Wenn in Harran die Sonne untergeht..

..sollte man seinen Arsch bereits besser in Sicherheit gebracht haben. Es ist wieder Zeit für eine ordentliche Portion Zombie-Apokalypse im Stile von Dead Island & Riptide, auch aus dem Hause Techland. Dem Publikum wurde ein Open-World-Parkour versprochen voller lebender Toter, modifizierbarer Waffen, menschlicher Abgründe und dem beklemmenden Gefühl permanenter Bedrohung bei Nacht. Und meine Fresse, es war nicht zu dick aufgetragen! Dieses Spiel hat mit wenigen Abstrichen alles richtig gemacht, was man davon hätte erwarten können.

Die Welt: Harran liegt in nicht näher definiert irgendwo im Süden an einer Küste, vermutlich eher im östlichen Teil der Welt. Es ist eine Stadt wie es so viele gibt, Slums, wohlhabendere viertel, verwaiste Industrieanlagen – teils unfertige, teils baufällige Gebäude, aber auch schicke Villen. Es erinnert von der Einrichtung und vom Stil an eine Mischung aus Marokko und den Inseln vor Ostafrika – also vermutlich ehemaliges „Kolonialgebiet“.

Die Waffen: Gebrauchsgegenstände gehen kaputt. Mal mehr, mal weniger langsam, aber sie tun es. Und es ist in Ordnung. Ich fand das Mod-System angenehm, wenn auch nicht übermäßig innovativ seit Dead Island – was mir aber gefehlt hat, wäre ein Upgrade der einzelnen Mods – man findet auch im Endgame-Bereich zeug, daß völlig unnütz ist oder nicht weit davon entfernt. Aber schön, daß man so viel Zeug selbst basteln kann und so schöne Sachen wie Böller oder Schilde sind in der richtigen Situation echte Lebensretter.

Die Zombies: Es gibt verschiedene Ausprägungen, die genretypischen Mengenproportionen von „Walkern“ zu etwas ausgefalleneren Mutationen sind eingehalten. Selbst unter den Walkern gibt es genug unterschiedliche, daß es einem nicht wie eine Klonarmee vorkommt. Die besonders happigen haben natürlich ihre Stärken und Schwächen, in der Regel ist Flucht aber eine gesündere Alternative zu Munitions- oder Medikitverschwendung.

Die Nachtjäger: Das Grauen kommt bei Einbruch der Dunkelheit. Die Viecher die sich nur nachts herumtreiben oder an Ecken der Stadt die im Dunkel liegen sind mit Abstand die gefährlichsten Gegner, die man im Spiel haben kann – selbst am Ende des Spiels können sie einem noch ans Leder und da sie selten ohne Begleitung durch schnelle Infizierte unterwegs sind (die in der Dämmerung auch gern aktiver werden), wird eine Wanderung im Dunkeln oft zu einem Wettrennen.

Die Anlagen: Der Turm, die Bastion und andere Orte, die provisorisch abgesichert sind wirken als könnten sie ihren Zweck erfüllen. Es wurde an Fallen am Eingang gedacht, man hat verschiedene Leute mit denen man interagieren kann und zahlreiche Nebengeschichten die man erforschen kann. Das meiste davon ist natürlich Beschaffung oder Personensuche, Dicht gefolgt von Wettbewerben beim Ausprobieren neuer Waffen oder Parkour-Wettläufen.

Die Fortbewegung: Die Möglichkeit fast überall entlangzuklettern lässt eine tiefe Inspiration bei Mirror’s Edge, Assassin’s Creed und Far Cry 3 durchschimmern. Manchmal sieht man nicht auf den ersten Blick wo es weitergeht und manche Kanten sind nicht bis ins letzte Detail abgeschliffen, aber für das was man an Movement in der Welt braucht ist es echt spaßig und spannend.

Die NPCs: Viele Klischees und Stereotypen, es gibt den schmierigen Pfandleiher der über Leichen gehen würde, den kalkuliert lächelnden Politiker der andere benutzt, den Anführer wider Willen der schwierige Entscheidungen treffen muss, den Konzerntypen der versucht mit Geld seine Interessen durchzusetzen, den ambitionierten Jungspund der sich beweisen will, die abgebrühte und ehrliche Kämpferin die zwischen skeptisch und aufopfernd schwankt. Einige sind auch etwas ungewöhnlicher, aber alle nicht so weit ab vom Schuss als das sie so nicht da draußen existieren würden. Das macht vieles zwar wenig überraschend, macht aber die etwas aus der Reihe fallenden Charaktere noch etwas eigenartiger. Alles in allem, für so ein Spiel definitiv zufriedenstellend gelungen.

Der Protagonist: Schade, daß man im Gegensatz zu der Dead Island Reihe nicht aus verschiedenen wählen kann. Zunächst wirkt er nichtssagend, aber einigermaßen anständig, bleibt auch ohne nennenswerte Tiefe (das Prinzip, daß man einen möglichst kantenlosen Char hat, auf den man sich projizieren kann), nimmt aber zumindest im Kontext der Story einigermaßen Form an. Je länger das Ganze geht, desto mehr erinnert mich es auch an Far Cry 3 nur mit einem Tick weniger Entgleisung und einer gewissen grundlegenden Menschenfreundlichkeit seitens des Spielerchars. Aber er wirkt ähnlich fremd in der Umgebung. Eben jemand von außerhalb.

Der Bösewicht: Zunächst unklar, was er für Interessen verfolgt, am Ende ein Soziopath, der die Welt ins Chaos stürzen will. Und auch könnte. Ein wenig überzeichnet, aber keineswegs unrealistisch, schaut man sich die Charakterprofile von Warlords und Mafiabossen mal genauer an. Im Laufe des Spiels bekommt man einen kleinen Einblick in seine Geschichte, mich persönlich hat es aber etwas irritiert, daß er bereits am Anfang eine Art Ziel war. Aber vielleicht ist das einfach nur der rote Faden gewesen, der sich durch das Programm aus Blut und Eingeweiden zieht.

Alles in allem ein schönes und sehr spielenswertes Zombiespektakel mit vielen Verbesserungen der in Dead Island eingebrachten Ideen. Die Atmosphäre ist größtenteils bedrückend, bedrohlich und unerfreulich, also genau die richtige. Der Umgang mit gefährlichen Kranken, die Haltung zu Biowaffen, ethische Fragen – wenn man genauer hinsieht, findet man all das. Und eine Menge nerdige Anspielungen auf verschiedene Filme, Serien, Geschichten und andere Spiele. Ich hoffe es wird eine Fortsetzung geben – und ich hoffe Dead Island 2 wird ähnlich gut sein (auch wenn es in Ermangelung der Parkours-Option und der Nachtjäger bestimmt ganz anders wirkt), denn Techland hat mit Dying Light die Messlatte ein gutes Stück nach oben verschoben.

Und immer wieder die Worte von Ayo aus dem Funkgerät einem einen Schauer über den Rücken jagen:

Good night. Good luck.


Now playing: Woodkid - Run boy run | Stimmung: Angegruselt

Religiöse Gefühle gibt es nicht

Man liest es immer wieder, ob wegen Mohammed-Karikaturen, Vatikankritik oder irgendwas anderem – immer wieder behaupten Menschen, ihre religiösen Gefühle verletzt zu sehen. Doch was soll das sein, ein religiöses Gefühl? Erstmal zum Terminus per se – Religionen haben keine Gefühle. Gefühle sind nicht religiös. Menschen sind Religiös. Und diese Menschen haben Gefühle, wie alle anderen Menschen auch. Und ja, es ist richtig, beißender Spott, Sarkasmus der Religion gegenüber und Karikaturen können ihre Gefühle verletzen. Aber wir leben in einer Welt mit vielen verschiedenen Ideen, die lang und ausgiebig diskutiert und debattiert werden, da muss man sich wenn man eine Position fest vertreten will eben einiges gefallen lassen oder man zieht sich zurück.

Was die Menschen mit „verletzung religiöser Gefühle“ aber eigentlich sagen wollen ist, daß sie sich betroffen/verletzt fühlen weil man sich über die von ihnen gelebte Religion lustig macht. So weit, so offensichtlich. Und hier beginnt die Ignoranz und Arroganz von religiösen Gruppen sich vollends zu entfalten:

Weil in ihrer Welt die Religion absolut ist, etwas heiliges und erstrebenswertes und zu großen Teilen ihr Dasein und Leben diktiert, hat sie einen Anspruch auf Respekt in ihren Augen. Diesen Anspruch aber auf andere Menschen auszuweiten und zu fordern, daß sie ihm gerecht werden ist vermessen und selbstgerecht. Ein Berufen auf „religiöse Gefühle“ ist ein Schlag ins Gesicht eines jeden, der nicht der Religion angehört, weil es mit der Forderung einhergeht, den heiligen und ehrwürdigen Teil der Religion anzuerkennen die für einen anderen Menschen möglicherweise primitiv, manipulativ, sexistisch, homophob, verlogen oder einfach nur spirituell Irrtumsbehaftet ist.

Die Menschen, die sich auf religiöse Gefühle berufen stellen sich über andere ohne dabei die gesellschaftliche Ächtung zu bekommen, die ein solcher Akt der Selbstherrlichkeit und Wichtigtuerei nach sich ziehen müsste. Durch das stets gepredigte „Respektiert die Gefühle Eurer Mitmenschen“ entsteht eine gesellschaftlich oft stillschweigend angenommene ethische „Gesetzeslücke“, die durch diese Formulierung ausgenutzt wird. Indirekt fordern diese Menschen die Anerkennung ihres Lebensduktus von unbeteiligten Dritten. Ein Komplexbehaftetes Denken und ein gefährliches noch dazu, zumal sie – ihr Anliegen zugelassen – unter dem Deckmäntelchen alles mögliche rechtfertigen könnten. Schnell verstecken orthodoxe Gläubige auch ihre gelebten menschenverachtenden Ansichten des Alltags auch hinter solcherlei Fassaden.

Und wenn man ihnen irgendwas entgegnet, beginnt das Gemecker um Religionsfreiheit – ähnlich kennen wir es aus dem rechten Sektor mit der Meinungsfreiheit. Die Religions- und Meinungsfreiheit wird hier aber falsch verstanden – xkcd erklärt es mal wieder ganz ausgezeichnet. Die Ironie mal ganz außen vor gelassen, daß wenn religiöse Fanatiker in einem Staat am Drücker wären die Religionsfreiheit auf die sie sich jetzt gerade berufen abgeschafft werden würde (deswegen muss ich auch immer schmunzeln, wenn ich die Salafisten eine Kundgebung abhalten höre). Die gleiche Ironie findet sich übrigens auch bei den Rechten, die Meinungsfreiheit wäre im Nu dahin, wenn die das sagen hätten. Es wäre zum schreien komisch, wenn es nicht so deprimierend wäre, daß es noch Leute mit so primitiven und menschenverachtenden Ansichten gibt.

Hinzu kommt die Ignoranz, mit der die meisten Anhänger einer Religion gesegnet sind, die das Ganze ad absurdum führt. Die meisten selbsternannten gläubigen Menschen (das nannte man doch Bekenntnis, oder?) beschränken sich in der Auseinandersetzung mit ihrer Religion auf das ihnen vorgekaute, ausgelegte und vorverdaute Zeug, was man ihnen vorsetzt. Nur wenige, erst recht von den in den Theologie-Hierarchien verfangenen, dieser „Gläubigen“ befassen sich mit der Religion, ihrer spirituellen Komponente, den „Seelenwissenschaften“ (aka entsprechender Mystizismus) und anderen sie potenziell zu einem tieferen Verständnis führenden Dingen. So ist den meisten Christen überhaupt nicht klar, was sich aus ihren rituellen Handlungen auf der seelischen Ebene tut, was es mit ihnen im Geist macht und wie die nichtweltlichen Dinge verdrahtet sind, das interessiert sie aber auch nicht. Selbst den eingefleischtesten katholischen Priestern, die allerhand Heilige runterbeten können und die Sakramente aus dem FF hinbekommen bleibt ein essenzieller Ursprung, eine elementare Mechanik ihres religiösen Daseins verborgen. Ich will hier nicht behaupten, ich hätte die Weisheit und Wahrheit mit Löffeln gefressen, jedoch ist mir einiges aufgegangen beim Lesen entsprechender (innerhalb dieser Religionen umstrittener, wenn nicht gar verbotener) Werke über die Zusammenhänge und Handlungen der drei großen monotheistischen Glaubensrichtungen. Aber das führt hier etwas zu weit, also zurück zum Wesentlichen.

Wäre ein Mensch wahrhaft gläubig und nicht nur gerade eben mal oder automatisch „auf den Zug aufgesprungen“, wäre es ihm egal was andere über seine Religion und seinen Propheten sagen, er würde für sich „wissen“, daß er richtig liegt und könnte – von dieser gesetzten Position aus auch suverän sich in andere Versetzen, verstehen warum sie irgendwas lustig finden und sogar mitlachen, ohne daß es ihm seiner eigenen Religion gegenüber respektlos vorkäme. Aber diese ganzen Anhänger von Religionen und Ideologien, die am lautesten schreien, weil sie meinen es machen zu müssen um zu einer Gemeinschaft gezählt zu werden, die machen das nur weil sie das in ihnen sitzende Gefühl der Unzulänglichkeit ihrer selbst überdecken wollen. Und vor allem im Islam scheint es eine generelle Tendenz unter den Durchschnittsgläubigen zu geben, daß sie jeden Tag mit dem Gefühl leben, für ihre Gottheit nicht gegnug getan zu haben [Quelle]. Würde mich nicht wundern, wenn es in den anderen „Wir sind alle Sünder“ Religionen ähnlich bestellt ist.

If religion were true, their followers would not try to bludgeon their young into an artificial conformity; but would merely insist of their unbending quest for truth, irrespective of artificial backgrounds or practical consequences.

— H. P. Lovecraft

Fazit: Menschen, die Eure Anerkennung ihrer religiöser Gefühle verlangen sollte man nicht anders behandeln als jemanden, der versucht einen durch die Hintertür zu missionieren.
Fun Fact: Im Gegensatz zu einer Nationalität (und der damit verbundenen Rechte als Bürger eines Staates) hat ein Mensch gemäß der UN Menschenrechtscharta auch keinen Anspruch darauf eine Religion zu haben – Religionszugehörigkeit entsteht nämlich durch Bekenntnis und somit ist so ein künstliches Konstrukt wie „religiöse Gefühle“ eigentlich völlig widersinnig.

Now playing: Alice Cooper - Much too late | Stimmung: angefressen

Die Flugzeugentführung der Germanwings 4U9525

Es ist bereits viel gesagt und geschrieben worden über das abgestürzte Flugzeug mit den 150 Menschen an Bord, einiges davon sogar sinnvoll. Viel zu viele private Details über den Co-Piloten wurden ausgegraben und ans Tageslicht gebracht, viele geheuchelte Tränen vergossen und pathetische Sätze gesagt. Tragödie, Todespilot, Massenmörder. Suizidgefährdet, depressiv, krankgeschrieben. Unter Druck gesetzt, Fluggesellschaft versagt, Gesellschaft versagt. Ich könnte jetzt ewig die Fetzen aneinanderreihen, die selbst die etwas besseren Medien zu Geiermanieren und Ausschlachtung von sich gegeben haben.

Drama, Baby! That’s what makes the press world go round!

Irgendwie erinnert mich die Reaktion ein wenig an das was durch die Presse ging beim Amoklauf in Winnenden. Krampfartig sucht die Gesellschaft nach einem Schuldigen – und ist er schon tot, müssen eben die für ihn verantwortlichen herhalten. Wie die Fluggesellschaften mit Piloten, Kapitäne mit ihren Co-Piloten umgehen – in Angesicht der Billigflieger-Konkurrenz und dem steigenden Druck nicht überraschend – ist eine Schweinerei, ja – mag sein. Aber das ist nicht der Grund dafür, daß diese 150 Menschen sterben mussten. Der Grund dafür ist die unüberwindbare Sicherheitstür. Der Co-Pilot hätte auch einfach einen Schlaganfall oder Herzinfarkt haben können. Haluzinationen wegen einer Lebensmittelvergiftung oder gestolpert, den Kopf gestoßen, bewusstlos. Die Tür war das Hindernis – Kind eines paranoiden Geistes, der seit dem 11. September 2001 die Welt nicht mehr aus seinem Griff lässt. Allen Studien, Widerlegungen, Praxistests, etc. zum Trotz.

Das zum tatsächlichen Versagen von Fluggesellschaften, Entwicklern von Sicherheitskonzepten und unseren paranoiden Politikern.

Was mich aber grenzenlos angewidert hat, war nicht, daß 150 Menschen sterben mussten weil jemand bei der Sicherheitstür die Szenarien nicht zuendegedacht hat. Was mich angewidert hat, war die Reaktion von weiten Teilen der Presse und Gesellschaft auf Menschen mit Depressionen. Was hat man da nicht alles lesen müssen, Forderungen nach Gefahreinstufungen für diese Menschen, offene Anfeindungen, Fassungslosigkeit wie man denn „unglücklich“ sein könnte bei einem „erfolgreichen“ Leben. Und noch immer versteht die Gesellschaft das Konzept der geistigen Erkrankung der Depression nicht. Dieser Mensch, der sich (und 149 andere) umgebracht hat, war nicht bloß unglücklich. Er hatte nicht nur eine Reihe mieser Tage/Monate/Jahre. Er sah sein Leben nicht als erfolgreich an, zumindest offensichtlich nicht in einem Maße, daß ein Weiterleben ihm irgendwas bieten könnte an dem er glauben würde Freude haben zu können. Das ganze ist um LÄNGEN komplexer, als es abgefrühstückt wird und es ist scheinheilig, daß sich eine Nation aus 80+ Mio Autoexperten, alle paar Jahre auch Fußballexperten, vor 15 Jahren für ein paar Monate Terrorismusexperten sich aufschwingt allesamt Psychologieexperten zu sein.

Das lächerlichste daran war noch die Darstellung von Depressiven als potenzielle gewaltbereite Amokläufer. Leute, wenn jemand depressiv ist, richtet sich seine Agression in der Regel gegen ihn selbst. Komorbiditäten sind dann groß im Programm, Suchtgefahr, selbstverletzendes Verhalten, alles mögliche – aber EBEN NICHT die Kanalisierung von Wut gegen jemand anderen. Oft sind depressive Menschen von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt, von Ängsten, von Perspektivlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Lethargie. Eine alles fressende Ohnmacht hat sich in ihrem Leben breitgemacht und frisst sich wie ein Krebsgeschwür durch alle Facetten ihres Daseins bis sie die Gedanken beherrscht. Der Gedanke an den eigenen Tod kommt bei den Meisten depressiven Menschen übrigens eher früher als später, aus einem Gedanken werden leicht mehrere – oder eben auch nicht, das kann über Jahre wieder in den Hintergrund treten, jedoch plötzlich durch irgendwas befeuert wieder auftauchen. Das Töten anderer steht dann aber nach wie vor nicht auf dem Programm.

Bei einer Depression spielen so endlos viele Faktoren eine Rolle, daß es bis heute schwierig ist zu sagen, was da läuft. Von der Hirnchemie, die dem Körper bestimmte Botenstoffe versagt bis zu Traumata aus einer Kindheit an die sich nur noch der Körper erinnert, weil der Geist noch nicht in seiner jetzigen Form existiert hat und zwischen sich und der Außenwelt nicht unterscheiden konnte (siehe kognitive Entwicklung von Kindern). Da sind Prozesse im Spiel, die so individuell sind wie die persönliche Geschichte. Bei dem einen Menschen verursacht ein Klaps auf den Hinterkopf ein Trauma, bei dem anderen nichts. Bei dem einen Menschen wird aus einem gestörten Verhältnis mit einem Elternteil ein von einer Neurose überdeckter und getarnter psychotischer Prozess, ein anderer streift das ab als wäre nichts gewesen. Hinzu kommt noch eventuelle Hochsensibilität (ca 20% der Lebewesen auf unserem Planeten sind „übertaktet“ was ihre Nervenbahnen angeht), alltägliche Faktoren, Erschöpfung (Lebensmüdigkeit?) und alle möglichen anderen Facetten. Man kann Depressionen in der Regel nicht „heilen“, man kann nur dafür sorgen, daß der Patient sie bestmöglich „überlebt“ und sich ihnen nicht hingibt, sich nicht aufgibt und immer einen Weg findet sich nicht zu sehr von ihnen am Leben hindern zu lassen.

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Depressive Menschen – und von ihnen gibt es erstaunlich viele, vermutlich ist die Dunkelziffer unvorstellbar hoch – sind krank. Eine schöne Umschreibung, die ich mal gehört habe war, daß sich alles was die Seele schlucken muss an ihrem Boden sammelt und wenn es zu viel wird, wird sie schwer und fällt ins Bodenlose. Und das ist in unserer Welt nicht besonders überraschend, lernen wir von klein auf doch unsere Gefühle zu verstecken. Wenn jemand stirbt, sagen uns die Eltern „du musst jetzt ganz stark sein“ und vergleichbaren Mist, anstatt daß sie einem beibringen wie man richtig trauert. Naja, sie haben es wohl selbst nie gelernt.

Gefühle zu zeigen macht angreifbar und schwach, nein liebe Mitmenschen – Fresst Euch um den Verstand, setzt Kinder in die Welt, seid fleißig und zufrieden mit dem was für Euch abfällt und haltet ansonsten Eure Schnauze. Das ist doch der Bullshit, der als Subroutine jedem in seine Programmierung graviert wird. Alice Miller hat in „Am Anfang war Erziehung“ und „Du sollst nicht merken“ ein paar echt gute Punkte auf den Tisch gebracht, die einem zu denken geben sollten. Und in einer kranken Gesellschaft, die wir zweifelsohne haben, als „gesund“ zu gelten ist in meinen Augen kein besonders gutes Zeichen.

Hinzu kommt – und das ist eher eine persönliche Einschätzung meinerseits – das immer noch vorhandene Tabu um den Tod. Man verbannt ihn immer weiter aus der Welt in der wir sind. Kinderkult ist ein Symptom der möchtegern-Unsterblichen, genauso wie diese selbstdarstellende Spuren-im-Netz Hinterlasserei, wir klammern uns so heftig an Lebensimitat, daß wir ganz sorglos den Tod ignorieren können, weil es eh keinen Unterschied macht ob wir heute oder morgen draufgehen, so belanglos ist diese Farce, die wir anderen und uns selbst als unser Leben präsentieren.

Und da schließt sich der Kreis zur Presse-Reaktion vom Anfang dieses Posts – Es gab 150 Tote bei dem Flugzeugabsturz – darunter auch Kinder einer Schule mit ihrem Lehrer. Muss mich das interessieren? Was ist mit den alten Menschen an Bord – bloß weil die es ohnehin nicht mehr lange gemacht hätten, sind die jetzt nicht so wichtig? Wären meine Großeltern an Bord gewesen und ich müsste mir Tagelang in der Presse Schulkameradeninterviews und Elterntränen angucken, was würde das wohl mit mir machen? Wenn meine Freundin Flugbegleiterin gewesen wäre und ich höre ständig nur über tote Passagiere, wie angemessen fühlt man seinen eigenen Verlust von außen wahrgenommen? Die Medien könnten ruhig mal weniger geiern und mal ein wenig menschlicher werden, das würde ihnen gut zu Gesicht stehen.

Kinder werden sowieso wieder besonders von der Presse hervorgehoben, um betroffen zu machen – potenziell viele Jahre vor sich, größtenteils schutzlos und unbekümmert – werden sie zu kleinen Heiligen hochstilisiert, im Namen des Optimismus um die menschliche Zukunft. Wie viele von ihnen später als Erwachsene rassistische und sexistische Hohlbratzen werden und wie viele im selben Flug draufgegangen Erwachsenen möglicherweise Dinge für unsere Gesellschaft geleistet haben für die ihnen noch künftige Generationen dankbar sein werden – das alles interessiert die Schlagzeile im Schockmoment kein Stück. Hauptsache: Drama, Baby!

Aber gut, daß es noch jemanden gibt, den das alles nicht interessiert. Sie bekommt ihren Anteil immer. Wenn ihre Zeit gekommen ist, macht sie alle Menschen gleich.

Now playing: Sentenced - We are but falling leaves | Stimmung: Enttäuscht

Bruderkriege vor der Tür

Es gab nur wenige geopolitische Ereignisse die mich so traurig gemacht haben wie der ukrainische Bürgerkrieg. Als Russe bin ich damit aufgewachsen, daß es zwischen Russen und Ukrainern nur den Unterschied gibt, daß letztere auch noch ukrainisch sprechen. Sie waren „wie wir“ nur halt „von da“. Auch immer vor Augen, daß Russland staatsgeschichtlich von der Kiew-Rus abstammt und somit beide einander auch entsprechend eng und freundschaftlich miteinander verbunden sind. Und dann lese ich in den Medien, wie sich Menschen in den Heimatorten von Freunden und Bekannten gegenseitig umbringen. Artillerie auf Eltern, Schüsse auf Geschwister, Kampfhubschrauber bei Großneffen und brennende Häuser bei Tanten. Ich glaube das ist der erste Krieg, dessen Wahnsinn ich nicht von mir schütteln kann, von dem ich nicht gut geschützt wie ich hier bin kühl Abstand nehmen und ihn der Gesellschaft zynisch gegenüber kommentieren kann, ihr ihr eigenes Versagen vorhaltend, wie ich das gerne mache.

Ja, mittlerweile ist genug Blut geflossen um das Ganze in den Medien surreal und mit einer gewissen Derealisierung zu betrachten, vielleicht sogar mit einer gewissen auf die Globalpolitik reduzierten Sicht. Aber jedes Mal wenn ich wieder Schlagzeilen aus der Region lese, kann ich nur stumm den Kopf schütteln während mir die Kehle zugeschnürt ist. Und immer wieder hallt es in meinem Kopf: „Ihr seid doch vollkommen irre! Was zum Henker tut ihr da eigentlich?! Seid ihr noch bei Trost?“

Politisch ist für mich der Fall einfach, es handelt sich um den ersten richtigen Stellvertreterkrieg in Europa zwischen USA und Russland, die einen mit Söldnern und Finanzierung (wie immer) und die anderen mit false flag Operationen/hybrider Kriegsführung. So weit, so bescheuert (weil sowas IMMER bescheuert ist). Das Instrumentarium ist Stoff für Thriller und Strategiespiele, geheime Propaganda, gegenseitige Anschuldigungen schwerster Art und Volksteile die meinen zu wissen wo es langgeht und die Revoluzzer-Tabletten geschluckt haben. Dann große Gelder. Waffen. Jeder gegen jeden. Nationalisten, Marodeure die rumreisen und mit vorgehaltener Waffe Geld und Wertsachen zusammenrauben – wer sich weigert die Postsendung am Schalter adressiert in die Westukraine zu verschicken, dem wird gesagt „Wenn Du das nicht machst, schießen wir Dir eine Kugel in den Kopf und der nächste macht es.“ So mir angetragen von einer Schwester besagter Postperson in der Ostukraine.

Und jetzt auch noch die Kulturzensur mit reißerischer Rhetorik. Ich muss als nicht-Völkerrechtler mir keine Gedanken darüber machen, ob die Annexion der Krim (die ja vor einigen Jahrzehnten noch „russisch“ war) richtig ist oder falsch, ob sie geopolisitsch Strategisch nachvollzieh- und vorhersehbar war – alles was geschieht, bei dem Menschen für die Einflussgier anderer Menschen leiden ist i.d.R. gefährlicher Unfug – Tatsache ist, daß die Eskalation der Ukraine-Krise von den USA befeuert wurde wie nur irgendwas. Der „Fuck the EU“ Vorfall war dafür genauso exemplarisch wie das Rumzetern diverser US-Senatoren. Mal wieder sieht man, daß Krieg für die USA immer irgendwo anders stattfindet und es ihnen deshalb auch egal sein kann. Die müssen ja weder als Nachbarn noch als Betroffene mit den Folgen leben, es ist abstrakt genug um daraus ein kleines globales Spielchen zu machen. Und währenddessen sterben Menschen, die mit irgendwem verwandt oder befreundet sind, den ich kenne. Widerlich.

Now playing: Alice Cooper - Pick up the Bones | Stimmung: traurig

Da fallen einem die Würmer aus der Wand

Ich habs mit Altbauwohnungen ja ohnehin nicht so, ihr einziger Vorteil in meinen Augen ist die Kühle im Sommer. Da ich nicht allzu groß bin und von Prunk nicht viel halte, sind mir Decken, Stuck und die Optik von außen relativ egal. Hinzu kommt, daß alte Häuser konstruktionsbedingte Marotten haben, die von unerfreulich bis gesundheitsgefährdend reichen können. Zum einen ist die Isolationsbeschaffenheit – und das gilt für Schall, Temperatur, Zugluft und dergleichen – oft sehr dürftig, zum anderen ist selbst bei sanierten Bauten durch Einsparungen die Bausubstanz schimmelanfällig oder einfach instabil.

Letzteres ist bei uns auch der Fall, die SAGA hat der Verarbeitung nach zu urteilen vor ein paar Jahren die billigsten Pfuscher mit dem miesesten Material auf die Wohnung losgelassen und das dann Sarnierung genannt. Ende vom Lied ist, daß wir feuchtigkeitsaffine Wände haben, die einfach hingezimmert wurden ohne die Nutzbarkeit zu bedenken. Das Material scheint Porenbeton zu sein, aufgeschäumte Fertigwand aus mehlfein gemahlenem Kalk, Sand und Wasser. Das Zeug ist so hochporös, daß man einen Nagel mit bloßen Händen in die Wand drücken könnte und sie einem entgegenkommt, wenn man ein Stück Tesafilm von ihr abmachen will. Wenn man versucht ein Loch zu bohren, wird es allein durch die Vibration des Bohrers etwa drei Mal so breit und oft genug ist nur wenige Zentimeter nach Beginn der Operation ein unverhoffter Stahlträger plötzlich im Weg, und das immer nur an einer Seite.

Regelmäßig passiert es uns mit den Wänden, daß irgendwas einfach runterkracht. Sei es ein Bild in Postkartengröße an einem Nagel oder auch einfach mal ein Stück Wand, nachdem dort ein textilüberzogener Stuhlrücken ein Mal zu oft beim Aufstehen dagegengeschoben wurde. Das Loch übrigens mit Moltofill oder anderen Reparaturmitteln wieder zuzukitten hat nicht funktioniert: das Reparaturzeug hat sich beim trocknen um wenige Millimeter zusammengezogen und die es umgebenden Wandkörner einfach mit sich genommen. Es passte, ließ sich aber rausnehmen und saß fortan nur locker. Der Flächendeckende Einsatz von Zwei-Komponenten-Flüssigdübel wurde zur Pflicht, manchmal war aber sogar der Druck aus der Tube schon zu viel für die Wand, oder aber die anschließende Verschraubung, die mit einer Dehnung einherging, brach gleich ein faustgroßes Loch in die Verankerung.

Nur den Decken trau ich noch über den Weg, die haben aber auch eine Probe von 9 kg pro Haken bestehen müssen, bis ich die 12 kg Leinwand dort anbringen wollte. Vermutlich liegt es an einer Verkleidungsschicht aus Holz und dem Umstand, daß der Flüssigdübel dahinter besonders gut griff. Ich habe für die Konstruktion auch wirklich epische Dübel und Haken genommen, alles andere wär mir zu riskant. Aber warum eigentlich gerade dieser Rant?

Ich saß gestern gegen 18 Uhr in der Küche und programmierte mir den Wolf, da tat es einen gewaltigen Schlag und am anderen Ende des Raumes krachte das Gewürzregal mitsamt allem was da drin war nach zwei ruhigen Jahren auf den Kommodentisch darunter und begrub in einem Meer aus staub alles unter sich, was dort gestanden hatte. Die Wand hatte nachgegeben und unter entsprechenden Verlusten ihren Ballast abgeworfen, die Risse in der Farbschicht wurden deutlicher als je zuvor und in den Löchern schienen sie sich noch im innern der Wand fortzusetzen. Wenn das jetzt hinter jedem Riss in der Farbe steckt, ist es nur eine Frage der Zeit bis..

..ach Du Scheiße, die Hängeregale müssen runter. Sofort! Ich hab seit ich sie angebracht habe jedes Mal ein mulmiges Gefühl wenn ich den Geschirrspüler ausräume. Selbe Wand, etwas höher, kurze Zeit später: das letzte Glas und die letzte Tasse verschwand unter dem bedrohlichen Knacken von hinter dem Regal auf den Tisch. Schrauben wurden leicht gedreht und schon konnte ich die Dinger runternehmen. Dann alles wieder reinräumen und erstmal stehen lassen. Alterfalter!

Nachdem wir letztens den endgültigen Wunsch zum Umzug artikuliert haben, ja sogar fast eine Wohnung bekommen hätten die uns zusagte, steht die Entscheidung – wir müssen raus. Ich hab schon seit längerem den Verdacht, daß diese Bude, ihre guten Seiten in Ehren, uns übel zusetzt: Opas Elefantenohrgewächs, daß sonst sprießt wie Zunder ist bei uns kleiner geworden. Wenn man die Pflanzen nur ein Mal zu oft gießt, beginnt die Erde direkt zu schimmeln. Der Zimmerbrunnen verlor seine Pumpe an nicht näher identifizierbaren Schleim. Fünf Haustierchen fanden bereits ihr Ende, die meisten waren an ihrem Lebenslimit nicht angekommen, es geschah einfach, als wäre das Leben anstrengender hier. Die Lebensmittel die nicht im Kühlschrank lagern verfaulen so schnell, daß man fast zugucken könnte. Kopfschmerzen, Müdigkeit, Gereiztheit. Möglicherweise versucht uns diese Wohnung tatsächlich abzumurksen, wer weiß.

Ich bin jedenfalls froh, daß wir bald umziehen und der Prozess jetzt beginnt. Vielleicht haben wir dann auch endlich den Raum, wir selbst zu sein. Eng ist es hier. Wobei wir bei der letzten Umstellung schon einiges gewonnen haben, nur eine Dauerlösung ist das nicht. Aber dazu mehr zu einem anderen Zeitpunkt..

Now playing: Alice Cooper - House of Fire | Stimmung: genervt

Wir sind der europäische Kredithai

Machen wir uns nichts vor: Wir – sofern man von einem „wir“ hier überhaupt reden kann – haben die Griechen nicht gerettet, wir haben sie in den Ruin getrieben. Wir haben sie vergiftet mit unserem Geld. Kleines Beispiel? Wir haben ihnen vor der großen Kriese regelmäßig Geld geliehen, damit sie sich bei uns Waffen kaufen können, so als tolle NATO-Partner die wir sind. Ist sowas nicht eigentlich Umverteilung von Geldern an die Rüstungsindustrie, gewaschen durch eine andere Regierung?

Als die griechischen Banken alarmiert waren, da sich ihre Kredite im Zuge der Finanzkrise als immer unbedienbarer erweisen würden, haben wir da nicht der Regierung in Athen das Geld geliehen ihre Bankenrettung durchzuführen? Ja, das haben wir. Und wir waren mehr als froh, daß sie darauf reingefallen sind, denn durch die Jahre voller typischer Misswirtschaft von OTCs bis CDSs sind die griechischen Banken zu einem Großteil von unseren „deutschen“ Banken über Besitzpapiere gehalten worden. Und damit wir nicht auf den Schulden sitzen bleiben, die auch auf die schlechten Ideen unserer Geldinstitute zurückzuführen sind, haben wir die griechische Regierung und andere Mechanismen genutzt, um unseren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Viel mehr ist nicht passiert. Damit haben wir den Griechen übrigens die Gelegenheit genommen, ihre Banken in eine ordentliche Insolvenz zu schicken, so wie die Isländer das dankenswerterweise getan haben.

Und jetzt stellen wir uns hin und behaupten, wir hätten die Griechen „gerettet“ und sie wären zu „luxussüchtig“ um zu sparen? Geht’s noch?! Ohne diese für uns überaus lukrative Kapitalrettungsaktion zuvor hätten sie überhaupt nicht das Problem, daß sie jetzt horrende Zinsen bedienen müssen und daß gleichzeitig ihre Infrastruktur sich selbst kannibalisiert. Ohne unser Eingreifen, gäbe es vielleicht ein paar Banken weniger, aber eben auch ein paar Schulden weniger und die Banken sind jetzt nichts, was einen Staat derartig erodieren lassen darf. Aber das ist wieder typisch Deutschland – Bankenlobby voraus, jeder schnappt sich was vom Kuchen und wenn wir alle was haben, giften wir gegen den Gastgeber, was der sich erdreistet zur Party einzuladen ohne genug für alle aufzutischen. Und dann leihen wir ihm was, damit er Kuchen für uns kaufen kann. Daß er selbst dabei schon lange kein Brot gesehen hat, erübrigt sich zu erwähnen.

Liebe Leute, „die Griechen“, die „wir gerettet“ haben gibt es nicht. Gab es nie. Wir haben unser Geld abgezogen und die Schulden jemand anderem aufgehalst. Und da Schulden und Schuld in Deutschland eine lange verflochtene giftige Tradition haben, zeigen unsere Massenmedien für Hirnreduzierte und Schnappatmer jetzt mit dem Finger auf „die Griechen“, die „wir gerettet“ haben und sagen, sie seien Schuld. Und wenn schon nicht Schuld, dann uns was schuldig. Gib Deutschland Geld, dann machst Du alles richtig, immerhin sind wir der selbsternannte moralische Zeigefinger Europas. Der homophobe, kleinbürgerliche, rückständige, waffenexportierende Zeigefinger – aber immerhin der moralische.

Und unser peinlicher Haufen von Politikern setzt sich hin und übt sich belehrend einem Finanzminister gegenüber, der an den besten Wirtschaftsuniversitäten der Welt doziert hat und im Gegensatz zu unseren selbsternannten Wirtschaftsexperten (von denen keiner ein so solides Resumé vorweisen kann) seit Jahren mit Experten aus anderen Ländern verschiedene Lösungsansätze für die Eurokrise erarbeitet hat. Und die Medien berichten über sein Hemd aus der Hose und sein Motorrad, anstatt sich mal eins seiner Bücher genauer anzugucken – kein Wunder, daß wir im Ausland so gesehen werden, wie wir es verdient haben. Neue deutsche Selbstgerechtigkeit. Passt ja gut zum Zeitgeist, am deutschen Wesen soll die Welt verwesen genesen.

Am Ende opfert diese wirre Tante, die die letzten Jahre erfolgreich den Deutschen Stillstand als Stabilität verkauft hat noch die EU für das „recht haben“. Und die Menschen hier kaufen und lesen hier weiter die Bild, vergiften ihren Geist mit zweitklassiger Information aus dritter Hand, alles nur um glauben zu können ihr Fleiß und Schweiß ist der Motor Europas und was sie jeden Tag auf der Arbeit tun habe irgend eine Bedeutung. Da will man spontan vor lauter Übermut in anderen Ländern als bundesdeutscher Bürger mitregieren. Oder sie zumindest so sehr in die Pleite treiben, daß sie auf Knien rutschen vor Dankbarkeit, wenn man bei ihnen Urlaub macht. Während Menschen dort aus Not, Armut und Verzweiflung Selbstmord begehen. Und ihre Jobs verlieren, keinen Strom und kein Essen haben. Schäbig nenn ich sowas.

Bevor hier übrigens jemand wieder ankommt mit „Aber die Griechen..“ – ja, ich weiß, die haben Steuer- und Transparenz- und Korruptionsprobleme. Die haben wir auch. Mit dem Unterschied, daß wir sie institutionalisiert haben und sie aus unseren Bilanzen gemogelt bekamen. Mit einem Wirtschaftsminister, der wegen Schwarzgeld damals fast seine politische Karriere hätte beenden müssen, sollten wir aber tunlichst nicht mit dem Finger auf andere Zeigen. Leute, lest doch mal lieber ein paar Bücher zu dem Thema als Zeitungen. Beschäftigt Euch doch mal lieber mit ein paar – wenn auch nicht schönen – Fakten anstatt zu spekulieren. Schaut Euch die Vorträge mal an, die im Netz geboten werden von den Unis und Think Tanks, lest mal was Piketty oder meinetwegen Yanis Varoufakis geschrieben hat und bildet Euch eine Meinung zu den Themen anstatt nachzulullen was die Medien Euch jetzt wieder für eine Wurst verkaufen.

Das kanns doch echt nicht sein. Manchmal hab ich das Gefühl, die Deutschen sammeln „den Euro“ und wenn sie alle haben, machen sie den Laden dicht, die anderen müssen dann zurück zu ihrer Drachme, ihrem Franc und ihrem Gulden und wir sind dann ganz allein Europa und keiner darf mitspielen. Wie ein fettes, gieriges enfant terrible. L’État, c’est moi! – Der Etat gehört mir! 😛

Now playing: Sentenced - We are but falling leaves | Stimmung: Enttäuscht

The next move

Da meine Meinung und Position zur internationalen NSA- und GCHQ-Affäre und ihrer gesellschaftlichen Folgen hinreichend bekannt sein dürfte und sich sowohl Sascha Lobo als auch Jakob Augstein so dazu geäußert haben, daß dem nur wenig hinzuzufügen ist, gehe ich das jetzt mal anders an. Welche Konsequenzen hat die Geschichte für mich persönlich? Wie verfahre ich nun mit der Gewissheit der Überwachungsmaschine im Gegensatz zu den vorherigen Vermutungen und Verschwörungstheorien? Was sind meine Konsequenzen aus der flächendeckenden Bürgerbespitzelung?

Der erste und nächste Schritt beginnt genau hier, genau heute. Hier auf diesem Blog und seinen (in meinem Kopf und Webaccount) verwandten Seiten. Ich hostete ihn vor kurzem noch bei Dreamhost (Serverstandort Silicon Valley), mittlerweile bin ich mit dem ganzen Netzkrempel nach Deutschland umgezogen, zu Domainfactory. Abgesehen davon, daß Dreamhost sich in letzter Zeit leistungshalber nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat, ist mir sowohl das Signal an die US-IT-Wirtschaft wichtig als auch die Sicherheit meiner Daten, Dateien und Nutzer. Denn was nützt es, wenn ich auf meiner Seite nicht speichere und beobachte wer hinkommt und was er vorher und danach besucht (könnten mir Cookies ja verraten), wenn theoretisch der ganze Server auf dem meine Parzelle geparkt ist jederzeit vollüberwacht sein könnte? Was kann ich meinen Usern und mir selbst für eine Diskretion bieten, wenn der gesicherte Bereich und die Passwörter von der Datenkrake direkt aus der Datenbank ausgelesen werden könnten? Nichts.

Im selben Atemzug wie der Umzug kommt eine komplette Neustrukturierung meiner eMail-Postfächer auf den Plan. Mittlerweile laufen die vier Kategorien Shops, Games, Networking, Services auf unterschiedliche eMailadressen hinaus, nicht mehr nur eine oder zwei zur Spamreduktion und Abrechnung meiner digitalen Käufe. Jetzt sind auch endlich die verschiedenen Bereiche voneinander getrennt, die nichts in einer Kiste verloren haben: Die Dinge die meine weltliche Identität betreffen und zum Abschluss von Käufen, Buchungen und offizieller Post abgehandelt werden und die der digitalen Sphäre mit den entsprechenden Personas. Und ich muss mir nicht für jeden Scheiß alles anschwemmen lassen, am besten noch aus 2-3 anderen Postfächern, nur um irgendwelche Bestätigungslinks oder Passwörter zu suchen – wenn ich sie brauche, weiß ich wo ich suchen muss. Meine alten Adressen bleiben für eine gewisse Übergangszeit noch in Kraft und irgendwann ziehe ich die Reißleine, so wie bei den meisten Services, die ich ausschleichen lasse.

Mittel und langfristig ist der Plan ja offensichtlich: Raus aus dem fremdgehosteten Scheiß, erst USA und dann hier – alles selbst hosten. Und da das Cloud-Zeitalter gerade erst anbricht, sind die ersten paar Eigenlösungen auch schon am Horizont – als Alternative zu Google Drive, Amazon Cloud oder der in selbigere eingelagerten Dropbox. Was Dropbox angeht, gibts übrigens einen netten kleinen Verschlüsselungstrick: Dropbox speichert jeweils die Delta des Uploads beim aufspielen einer Datei. Wenn man also ein Truecrypt-Volume hochlädt ist das Ding bis zu dreifach verschlüsselt und man muss nach der Änderung dann nur noch die selbe Datei nochmal hochjagen – Datenminimalismus bei maximaler Verschlüsselungssicherheit. Wenn man sich dann auch noch dazu überwinden kann nur die AES-Krypto zu benutzen, kann man ein Image hochjagen, daß mit dem Android-App EDS auf dem Tab oder Phone benutzbar ist. Wenig aufwand, viel Effekt.

Aber zurück zu meiner Cloudlösung: OwnCloud bietet eine bereits gut gediehene Umgebung die sich problemlos auf dem eigenen Webspace installieren und in Betrieb nehmen lässt. Noch hab ich es nicht ganz raus wie, aber man kann den Amarok (den es mittlerweile sogar für Windows gibt) da direkt andocken, um Musik zu streamen. Aus der eigenen Cloud. Genau das worauf ich mit meinen zahllosen Endgeräten schon ewig gewartet habe! Kalender, Adressbuch (mit .vcs Import) und andere Apps gibts für OwnCloud mittlerweile auch, bleibt also spannend was noch alles möglich sein wird in Zukunft. Jetzt fehlt mir eigentlich nur noch die Möglichkeit Ubuntu for Smartphones bei mir aufzuspielen und ich kann aus der Google-Geschichte in dem Maß aussteigen wie ich es für erforderlich halte – nämlich nahezu vollständig.

Now playing: Alice Cooper - Give the Radio back | Stimmung: Angestrengt

Sarif Industries lädt ein zum Rundgang..

..und BOOM! Deus Ex: Human Revolution hat jetzt den Director’s Cut – und während es bei manchen Spielen kaum einen Unterschied gemacht hat, steigert es bei diesem die Wiederspielbarkeit um einiges. Nicht nur das Balancing ist um Längen besser geworden, die Gegner-AI wurde aufgebohrt, die Bosskämpfe für Schleicher mit Optionen angereichert und und und. Zudem sind die Add-Ons in den Spielfluss integriert worden, das Equip hat ein kleines Touch-up bekommen und alles wirkt jetzt runder, wie aus einem Guss. Das Hochleveln wurde ebenfalls ein wenig gepusht, was nun dazu führt, daß man von seiner Maximalentwicklung nicht mehr „nur noch die letzten 10 Minuten“ des Spiels etwas hat – aber es ist auch nicht mehr so wichtig wie zuvor.

Die Frage nach der Humanoptimierung ist immernoch der Kern des Spiels und mit jedem Schritt weiter auf dem Weg entwirrt sich die Frage nach dem eigenen Selbst der Person und was von ihr als „Maschine“ noch an Menschlichkeit übrig geblieben ist. Die eigenen Handlungen sind der Maßstab und natürlich die Antwort auf die Frage wie weit man gehen würde um seine Ziele zu erreichen. War das Game zuvor ein zurecht gelobter und würdiger Nachfolger von Deus Ex 1 (den zweiten Teil ignoriere ich mal gekonnt), setzt es hier im neuen Gewand noch einen drauf.

Storytechnisch ändert sich natürlich nicht viel, aber darum ging es beim Auffrischen auch nicht, es ist noch immer der gute alte Krieg der Illuminaten gegen die freie Weltordnung, Humanistenfront, Tai Yong Medical und Belltower versus Sarif Industries. Medienmanipulation, Konzernherrschaft, Biotechnologie und Unruhen. Detroit, Hengsha und Vancouver sind wohl immer wieder einen Ausflug wert. Als ob das übrigens nicht genug wäre, Sarif Industries haben auf ihrer Website die Möglichkeiten digital die Cyberware anzuprobieren. Der Code für das Militärequipment ist überraschenderweise: 0451.

Now playing: Michael McCann - Icarus | Stimmung: Optimiert

Like Death in the Sunshine..

..we’re melting away. Zwei Spieltitel sind mir jüngst über den Weg gelaufen, die bei schönem Wetter einem unschöne Dinge abverlangten. Beides sind die dritten Teile der vorangegangenen Reihe und zumindest bei Max Payne war die Messlatte in Sachen Atmosphäre recht hoch. Und ich muss sagen, ich wurde nicht enttäuscht. Zugegebenermaßen waren mir in der Presse bereits vor dem Release Berichte zu Ohren und Augen gekommen, das Spiel sei stumpfsinnig brutal und nicht viel mehr als das. Gut – jeder, der die ersten beiden Teile des Shootout-Noir gespielt hat, wird wissen daß es in einer Welt in der Drogen, korrupte Beamte, Verräter auf der einen und private Rachefeldzüge, Schmerz, Verlust und Wut auf der anderen Seite keinen Platz für Fluffy-Bunny Geplänkel gibt.

Die Beschreibungen trotzten der Tiefe des Spiels dennoch und betrachteten es als das was es auf den ersten Blick zu sein schien – ein brasilianischer Alptraum aus Rum, Blei und Blut. Kennt man aber den Background von Max und lässt sich ein wenig auf die Welt ein, behandelt das Spiel durchaus die aktuellen Themen unserer Zeit – die Armut in der 2. und 3. Welt, die Exzesse der 1., Organhandel und Ausbeutung der Unterschichten, Drogen und Menschenhandel. Verständlich, daß jemand, der in der Unterhaltungsindustrie als Schreiberling tätig ist sich lieber nicht damit auseinandersetzt. Verständlich aber sehr sehr schade.

Aber zum Game selbst: Die Grafik ist auf der Höhe der Zeit, das Setting wirkt mit Sao Paolo recht frisch und die narrative Art des Spiels gepaart mit der rastlosen Verkettung der Adrenalinmomente, sowie die Rückblenden in Max‘ Vergangenheit passen zu einer aktuellen Interpretation des damaligen Comic-Hero-Noir-wider-Willen. Betrunken, abgefuckt und unerbittlich schlägt sich Max durch eine Welt aus Diamanten in Champagnergläsern und gülleüberzogenen Wellblech-Bordells, ein treffendes Portrait der zwei Seiten von Brasiliens Hauptstadt, wobei man sich natürlich nicht der Illusion hingeben sollte, sie seien die einzigen. Alles in allem, schönes Konzept, gut umgesetzt und fesselnd.

Was mich gegen Ende ein wenig gestört hat war, daß es zu schnell vorbei schien. Mit 16+ Stunden zum durchspielen war es zwar keineswegs „viel zu kurz“ geraten, aber es fühlte sich nicht nach der Zeit an. Durch das ständige schonungslose von-einer-Scheiße-in-die-nächste System, legte es ein – im Nachhinein betrachtet – halsbrecherisches Tempo vor, wie passend und gerechtfertigt das auch ingame gewirkt haben mag. Der Showdown war jedenfalls sehr episch und die kernigen Sprüche des in seinem Kopf immer mit sich selbst sprechenden Mr. Payne waren so typisch wie nur irgendwas hätte sein können.

Der andere Titel war Far Cry 3. Ich habe die ersten beiden Teile nicht gespielt (die Story hing nicht zusammen), aber ganz brauchbares Zeug von ihnen gehört. Neulich hab ich den ersten mal aus Jux angefangen, konnte aber wegen dem besseren dritten Teil und ähnlichem Setting (wieder eine Insel mit Palmen und bösen Buben) mich nicht dazu überwinden da groß einzusteigen. Vielleicht ändert sich das beim zweiten Teil ja noch, der hat ein anderes Setting und die Grafik ist natürlich weniger hölzern als bei FC1. Aber zurück in die Zukunft, also zu dem Dritten:

Man beginnt als Jason Brody, einem jungen Amerikaner aus gutem Hause, der – typisch für die Schicht – nicht so wirklich was auf dem Kasten hat, punkto Survival Skills oder ähnliches. Weder körperlich noch mental, wobei er als Luxussportler zumindest ansatzweise trainiert zu sein scheint. Nun, er und seine milchgesichtigen Freunde werden bei einem Fallschirmsprung bei Seite getrieben und landen auf einer Insel, wo sie Piraten als Geisel gefangennehmen, um von ihren Eltern Geld zu erpressen. Der Anführer dieser sinistren Typen ist ein abgefuckter Irrer namens Vaas, der mit seinen Piraten gegen seine nicht minder irre Schwester und ihre Ureinwohner-Anhänger einen Vorherrschaftskrieg führt.

Man türmt irgendwie und wird von einem Typen namens Dennis aufgelesen, der einem ein Tattoo sticht, etwas vom Pferd Pfad des Kriegers erzählt und mit der Kultur der Einheimischen vertraut macht, die von Vaas, seinen Piraten und seinem Boss die Schnauze gestrichen voll haben und mit Citra zusammen eine Rebellion anzetteln wollen. Und um sie zu unterstützen und seine Freunde zu befreien, muss sich der mental völlig überforderte Jason erstmal seine Sporen verdienen, Techniken lernen, Gebiete befreien und Herausforderungen meistern. Open world, sehr nett gemacht und mit einem Brecher von Umweltgrafik. Ein wenig erinnerte es mich an Dead Island Riptide, nur ohne Zombies und mit einem eher luschigen Typen als abgewichsten Charakter der schon vor dem Anfang vom Ende mit allen Wassern gewaschen war.

Die Story ist recht zielführend, Nebenquests eher primitiv, aber es gibt viel zu entdecken und auszuprobieren. Alles in allem ist die Palette der möglichen Interaktionen mit der Umgebung sehr schick umgesetzt, die Story ist ein Stück weit bewegend und der kleine Junge Jason vom Anfang hat mit dem abgebrühten und kalten Monster, was er im Laufe des Fortschrittes wird immer weniger gemein. Am Ende steht natürlich die Frage, ob sich dieser Wandel endgültig vollzieht oder man wieder zur Besinnung kommt. Vermutlich wird man aber eher irre im Schädel, wenn man gezwungen wird die Dinge zu tun oder mitanzusehen, die im Verlauf der Handlung von einem erwartet oder einem serviert werden, ist also nur Menschlich. Abgründe, aber menschliche eben.

Abgesehen von recht repitativen Nebenquests und der nicht besonders weiten Optionen die man im Laufe des Spiels im Sinne von Entscheidungen treffen kann, ist das Spiel eine echte Spaßgranate mit Wahnsinnsgarantie, ein Horrortrip in einem Paradies mit jeder Menge heruntergekommener, zumindest zerrütteter oder erschütterter Gestalten, charismatischen Antagonisten (mich beschleicht manchmal das Gefühl, daß die sich bei ihnen mehr Mühe gemacht haben als bei den „good guys“). Es soll noch einen recht beinharten Ko-op Kampagnenmodus geben mit selbem Setting aber vollkommen anderer Geschichte und Teilnehmern, angesetzt ein halbes Jahr vor der Handlung des Hauptspiels – aber den Auszuprobieren, dazu bin ich noch nicht gekommen.

Now playing: Damian Marley feat. Skrillex - Make It Bun Dem | Stimmung: Beurlaubt