..oder wie sich Hunger gegen einen selbst wendet. Oft stehe ich da, in dieser surrealen Welt, die einem nicht viel mehr als kalten Wind entgegenzuwehen weiß, und lege meine zittrigen Finger über die verkrusteten Wunden. Stundenlang stehe ich da und weiß nicht wohin mit mir. Ich bin mir selbst nutzlos geworden und kann noch nicht einmal sagen warum. Die Radios sind Stumm, die Bildschirme flackern nur noch und fallen aus, die Farbe blättert von der Leinwand ab und während ich auf die Knie sinke, weil meine Beine des Stehens müde geworden sind, ziehe ich mir die Lumpen die ich um habe näher um. Im Hintergrund fliegen einige Molltöne eines verstimmten Klaviers in die Ferne und vermischen sich mit dem monotonen Rauschen der Einöde. Ich bin hier allein. Ganz allein. Es ist dunkel. Es ist kalt.

Ich habe schon lange keine Angst mehr. Ich kenne nur noch Schmerzen. Dieses widerliche Ziehen, was einem den Magen fast nach außen überstülpt, diesen stechenden Druck hinter den Augen, dieses verziehende und verschraubende Gefühl um meinen Kiefer. Diese Schmerzen sind mein. Vielleicht das einzige was jemals wirklich mein war. An allen Triumphen und Qualen vorbei die kamen und gingen, verblassten und nur noch eine vage Erinnerung zu sein scheinen. In mir hat sich wohl in den letzten Jahren eine Leidkultur breit gemacht, die zunächst mit Ignorieren, dann mit Annehmen, dann mit Gleichgültigkeit angegangen wurde. Und doch ist alles so wie vorher. Ein entthronter Gott? Ein Werkzeug, das keiner mehr braucht? Ein eingefallenes Gebäude?

Und doch treibt mich der Hunger. Der Hunger nach dem Leben, nach einer Existenz die diesen Sack voll Schmerzen übersteigt, nach etwas, was wenn es schon nicht weniger wehtut, mir wenigstens irgendwas gibt. Das Gefühl, daß sich das Weitermachen lohnt, daß sich das Sein, Werden und Lernen lohnt. Der Weg war steinig soweit, aber bisher hat er sich ausgezahlt, und dennoch bin ich ausgezehrt, unendlich müde und nicht zufrieden. Ich bin zu einer Ruhe gekommen, die anders als gespenstisch nicht zu bezeichnen ist. Die Ruhe jenseits allen Leidens, stumm und kühl, unerfüllt und aufgegeben. In dieser Ruhe liegt eine gewisse Kraft, aber sie zu nutzen verbrennt meine Essenz, sie zerreißt mich innerlich und doch habe ich mittlerweile nichts anderes mehr.

Hin und wieder taucht im Nebel, hinter dickem Glas ein Licht auf. Ich sehe seine Wärme, aber selbst wenn ich meine Fingerkuppen an der Scheibe blutig drücke, kann ich sie nicht fühlen. Ich weiß, daß sie da ist, doch weiß ich genauso sicher, daß sie nie ein Teil von mir sein können wird. Nicht solange ich nicht durch dieses Glas komme. Und Glas ist manchmal stärker, härter und gnadenloser als man es denken mag. An guten Tagen spüre ich das Licht nach mir greifen. An schlechten habe ich nicht viel mehr als die Erinnerung daran, daß es irgendwo hier mal war. Und so vergehen Momente, Sekunden, Ewigkeiten, man könnte meinen das ganze Leben.

Ich forme mit meinen Lippen Worte und finde keine Luft um sie mit Klang zu füllen. Manchmal wünschte ich, ich könnte mich ausbluten, um die Temperatur der Umgebung auch nur ein Mal anzunehmen, so zu sein wie alles was mich umgibt. Tot? Ich weiß nicht. Aber anders als jetzt. Aber das ist mir weder vergönnt, noch wäre es ein Zeugnis großer Klugheit, mir meine sauer erarbeiteten Stücke Fleisch von den Knochen zu reißen.

Was bleibt, sind Schmerzen.

Was bleibt, ist Kälte.

Was bleibt, ist Einsamkeit.

Wenigstens darauf kann man sich verlassen. Viel ist es nicht.