Archive for April, 2015

Bento Boxen

Nein, es handelt sich nicht um einen Kampfsport. Bentō ist eine traditionelle japanische Form der Nahrungsdarreichung für unterwegs, die sich bis heute einer großen Beliebtheit erfreut. In Japan gibt es an jeder Ecke Bento take aways in Einwegboxen, die Dekoration schwankt zwischen pragmatisch über liebevoll bis zu künstlerisch perfektionistisch. Wie man an den vielen Fächern unschwer erkennen kann, ist Vielseitigkeit wichtig. Ich habe mir für meine Bedürfnisse eine Box von Monbento zugelegt und Kicki hat eine extra robuste von Bentgo.

Jetzt brauchen wir nur noch ein paar dieser lustigen Foodpicks, Soßenfläschchen und Trennblätter. Ich muss sagen, die Zubereitung von eingepackten Snacks macht schon große Freude, vor allem wenn man sich die Bento-Tips im Netz mal genauer anguckt – generelle Inspiration für die Küche. Und damit kommen wir zu meinem Lieblingsnachtisch für die Bentobox:

Mini-Cremeröllchen

Man braucht:
– Sandwitch-Toastbrot
– Nutella / Pistaziencreme / Erdnussbutter
– Schokostreusel

Man tut:
– Toastbrot entkrusten
– Mit Nudelholz walzen
– Mit Creme bestreichen
– Einrollen und Schneiden
– Aufstellen und bestreuen

Ich bin sehr gespannt, was mir alles zu den Bentos noch schönes einfällt. Auf jeden Fall müssen ein paar essbare Augen her und vielleicht Eiförmchen. Natürlich kann man das Bento auch zuhause anrichten, dafür nimmt man Shōkadō Bentō – die Dinger gibts aber leider nicht überall, mal gucken ob ich ein japanisches Restaurant plündern oder irgendwas importieren kann..

Now playing: Carl Douglas - Everybody was Kung Fu fighting | Stimmung: Vorfreudig

Wieder im Wildpark

Die schwarzen Berge sind immer einen Besuch wert. Im Frühjahr sind zahlreiche Jungtiere unterwegs und die einheimischen Viechers genießen die ersten warmen Tage des Jahres. Auch wenn am Samstag verhältnismäßig viele Leute mit ihrem plärrenden Nachwuchs unterwegs sind, gibt es doch die eine oder andere ruhige Ecke, wo man einen Hauch von Natur mitbekommt ohne Störfaktoren, die vermutlich draußen gefressen worden wären.

Badende Bären, sich sonnende Luchse und jede erdenkliche Menge Kröten – vor allem natürlich am Teich. Selbige sind natürlich gefährdet, von Kinderwagen mit rücksichtslosen Fahrern plattgewalzt zu werden, wir mussten des Öfteren einschreiten. Oder von sammelwütigen Kindern, die durch das Gras stapften und mehr von den Viechern sammelten als sie tragen konnten, mit dem Resultat, daß sie ihnen aus den Händen sprangen und um ihr Leben davonhüpften.

Zwischendurch gab es noch eine Runde Platzregen und die Besucher verflüchtigten sich wie Insekten in einer dunklen Grube, wenn man eine Taschenlampe auf sie richtet. Natur? Ja, aber bitte sonnig und trocken und bloß nichts was so riecht wie Tiere oder einem die Frisur oder das Make Up ruiniert. Wie dem auch sei, WIR hatten eine Menge Spaß! Und die Schweinchens auch. 😀


Now playing: Alkaline Trio - Private Eye | Stimmung: Freudig

Pflanzen und Blumen

Ich lebe nun schon seit einigen Jahren in Hamburg und doch ist es mir bisher noch nicht vergönnt gewesen zu einer halbwegs zivilen Jahreszeit im Planten un Blomen aufzuschlagen. Und auch dieses Mal war alles noch nicht so wie es wohl sein könnte, im japanischen Garten war das Wasser noch nicht auf der Höhe, eine tote Ente lag im Bachgraben, Frostzweige lagen auf der Blumenwiese und alles in allem wirkte die Anlage ein wenig verwahrlost.

Dennoch hat sie ihren Charme, ob die verwinkelten Mäuerchen hinter dem Apothekergarten oder das am Wasser gelegene japanische Teehaus, das Potenzial ließ sich definitiv erahnen. Ich werd mir das Mitte Sommer nochmal genau angucken, dann nehm ich auch die richtige Kamera mit, so lange sollen die paar Schnappschüsse hier genügen.



Now playing: Pidgeon John - The Bomb | Stimmung: Erwartungsvoll

Mysteriöse „Illegal Characters“ in Dateien mit Vagrant/Nginx

Ich hatte bis eben ein interessantes Problem:

Beim bearbeiten einer .js Datei in meiner IDE, lade das Zeug in meinem Browser neu und bekomme in Firebug den Fehler „illegal character after ; in file.js in line 20, column 3“ – Zeile 20 existiert aber gar nicht.

Als ich mir die Datei dann RAW im Browser angesehen habe, waren haufenweise Fragezeichen in dunklen Karos hinten angehängt. Wenn ich was geändert habe, konnte es passieren, daß nach der Hälfte der Datei plötzlich Schluss war nach dem Reload. Ätzend. Wenn ich Vagrant neu starte, gehts erstmal wieder. Danach wieder nicht.

Wäre Mathias nicht vor ein paar Jahren bereits in dieses Problem hineingelaufen, würde ich vermutlich noch heute dran sitzen das zu beheben. Die Fehlerbehebung lag letzten Endes darin, in der Nginx-Config das send file auszuknipsen. Im Grunde handelte es sich nämlich um einen Virtual Box Bug unter Windows, der das „on“ gebraucht hat – ich code aber unter Ubuntu, also hat der „Bugfix“ für Windows bei mir überhaupt erst dieses dubiose Problem verursacht. Server neu starten und die Sache war gegessen.

Es ist ziemlich zum Kotzen, wenn man sich auf die Codeintegrität der IDE irgendwie nicht verlassen kann, das kann einem echt den Tag versauen.

Now playing: Hadouken - Turn the lights out | Stimmung: Angepisst

Religiöse Gefühle gibt es nicht

Man liest es immer wieder, ob wegen Mohammed-Karikaturen, Vatikankritik oder irgendwas anderem – immer wieder behaupten Menschen, ihre religiösen Gefühle verletzt zu sehen. Doch was soll das sein, ein religiöses Gefühl? Erstmal zum Terminus per se – Religionen haben keine Gefühle. Gefühle sind nicht religiös. Menschen sind Religiös. Und diese Menschen haben Gefühle, wie alle anderen Menschen auch. Und ja, es ist richtig, beißender Spott, Sarkasmus der Religion gegenüber und Karikaturen können ihre Gefühle verletzen. Aber wir leben in einer Welt mit vielen verschiedenen Ideen, die lang und ausgiebig diskutiert und debattiert werden, da muss man sich wenn man eine Position fest vertreten will eben einiges gefallen lassen oder man zieht sich zurück.

Was die Menschen mit „verletzung religiöser Gefühle“ aber eigentlich sagen wollen ist, daß sie sich betroffen/verletzt fühlen weil man sich über die von ihnen gelebte Religion lustig macht. So weit, so offensichtlich. Und hier beginnt die Ignoranz und Arroganz von religiösen Gruppen sich vollends zu entfalten:

Weil in ihrer Welt die Religion absolut ist, etwas heiliges und erstrebenswertes und zu großen Teilen ihr Dasein und Leben diktiert, hat sie einen Anspruch auf Respekt in ihren Augen. Diesen Anspruch aber auf andere Menschen auszuweiten und zu fordern, daß sie ihm gerecht werden ist vermessen und selbstgerecht. Ein Berufen auf „religiöse Gefühle“ ist ein Schlag ins Gesicht eines jeden, der nicht der Religion angehört, weil es mit der Forderung einhergeht, den heiligen und ehrwürdigen Teil der Religion anzuerkennen die für einen anderen Menschen möglicherweise primitiv, manipulativ, sexistisch, homophob, verlogen oder einfach nur spirituell Irrtumsbehaftet ist.

Die Menschen, die sich auf religiöse Gefühle berufen stellen sich über andere ohne dabei die gesellschaftliche Ächtung zu bekommen, die ein solcher Akt der Selbstherrlichkeit und Wichtigtuerei nach sich ziehen müsste. Durch das stets gepredigte „Respektiert die Gefühle Eurer Mitmenschen“ entsteht eine gesellschaftlich oft stillschweigend angenommene ethische „Gesetzeslücke“, die durch diese Formulierung ausgenutzt wird. Indirekt fordern diese Menschen die Anerkennung ihres Lebensduktus von unbeteiligten Dritten. Ein Komplexbehaftetes Denken und ein gefährliches noch dazu, zumal sie – ihr Anliegen zugelassen – unter dem Deckmäntelchen alles mögliche rechtfertigen könnten. Schnell verstecken orthodoxe Gläubige auch ihre gelebten menschenverachtenden Ansichten des Alltags auch hinter solcherlei Fassaden.

Und wenn man ihnen irgendwas entgegnet, beginnt das Gemecker um Religionsfreiheit – ähnlich kennen wir es aus dem rechten Sektor mit der Meinungsfreiheit. Die Religions- und Meinungsfreiheit wird hier aber falsch verstanden – xkcd erklärt es mal wieder ganz ausgezeichnet. Die Ironie mal ganz außen vor gelassen, daß wenn religiöse Fanatiker in einem Staat am Drücker wären die Religionsfreiheit auf die sie sich jetzt gerade berufen abgeschafft werden würde (deswegen muss ich auch immer schmunzeln, wenn ich die Salafisten eine Kundgebung abhalten höre). Die gleiche Ironie findet sich übrigens auch bei den Rechten, die Meinungsfreiheit wäre im Nu dahin, wenn die das sagen hätten. Es wäre zum schreien komisch, wenn es nicht so deprimierend wäre, daß es noch Leute mit so primitiven und menschenverachtenden Ansichten gibt.

Hinzu kommt die Ignoranz, mit der die meisten Anhänger einer Religion gesegnet sind, die das Ganze ad absurdum führt. Die meisten selbsternannten gläubigen Menschen (das nannte man doch Bekenntnis, oder?) beschränken sich in der Auseinandersetzung mit ihrer Religion auf das ihnen vorgekaute, ausgelegte und vorverdaute Zeug, was man ihnen vorsetzt. Nur wenige, erst recht von den in den Theologie-Hierarchien verfangenen, dieser „Gläubigen“ befassen sich mit der Religion, ihrer spirituellen Komponente, den „Seelenwissenschaften“ (aka entsprechender Mystizismus) und anderen sie potenziell zu einem tieferen Verständnis führenden Dingen. So ist den meisten Christen überhaupt nicht klar, was sich aus ihren rituellen Handlungen auf der seelischen Ebene tut, was es mit ihnen im Geist macht und wie die nichtweltlichen Dinge verdrahtet sind, das interessiert sie aber auch nicht. Selbst den eingefleischtesten katholischen Priestern, die allerhand Heilige runterbeten können und die Sakramente aus dem FF hinbekommen bleibt ein essenzieller Ursprung, eine elementare Mechanik ihres religiösen Daseins verborgen. Ich will hier nicht behaupten, ich hätte die Weisheit und Wahrheit mit Löffeln gefressen, jedoch ist mir einiges aufgegangen beim Lesen entsprechender (innerhalb dieser Religionen umstrittener, wenn nicht gar verbotener) Werke über die Zusammenhänge und Handlungen der drei großen monotheistischen Glaubensrichtungen. Aber das führt hier etwas zu weit, also zurück zum Wesentlichen.

Wäre ein Mensch wahrhaft gläubig und nicht nur gerade eben mal oder automatisch „auf den Zug aufgesprungen“, wäre es ihm egal was andere über seine Religion und seinen Propheten sagen, er würde für sich „wissen“, daß er richtig liegt und könnte – von dieser gesetzten Position aus auch suverän sich in andere Versetzen, verstehen warum sie irgendwas lustig finden und sogar mitlachen, ohne daß es ihm seiner eigenen Religion gegenüber respektlos vorkäme. Aber diese ganzen Anhänger von Religionen und Ideologien, die am lautesten schreien, weil sie meinen es machen zu müssen um zu einer Gemeinschaft gezählt zu werden, die machen das nur weil sie das in ihnen sitzende Gefühl der Unzulänglichkeit ihrer selbst überdecken wollen. Und vor allem im Islam scheint es eine generelle Tendenz unter den Durchschnittsgläubigen zu geben, daß sie jeden Tag mit dem Gefühl leben, für ihre Gottheit nicht gegnug getan zu haben [Quelle]. Würde mich nicht wundern, wenn es in den anderen „Wir sind alle Sünder“ Religionen ähnlich bestellt ist.

If religion were true, their followers would not try to bludgeon their young into an artificial conformity; but would merely insist of their unbending quest for truth, irrespective of artificial backgrounds or practical consequences.

— H. P. Lovecraft

Fazit: Menschen, die Eure Anerkennung ihrer religiöser Gefühle verlangen sollte man nicht anders behandeln als jemanden, der versucht einen durch die Hintertür zu missionieren.
Fun Fact: Im Gegensatz zu einer Nationalität (und der damit verbundenen Rechte als Bürger eines Staates) hat ein Mensch gemäß der UN Menschenrechtscharta auch keinen Anspruch darauf eine Religion zu haben – Religionszugehörigkeit entsteht nämlich durch Bekenntnis und somit ist so ein künstliches Konstrukt wie „religiöse Gefühle“ eigentlich völlig widersinnig.

Now playing: Alice Cooper - Much too late | Stimmung: angefressen

Die Flugzeugentführung der Germanwings 4U9525

Es ist bereits viel gesagt und geschrieben worden über das abgestürzte Flugzeug mit den 150 Menschen an Bord, einiges davon sogar sinnvoll. Viel zu viele private Details über den Co-Piloten wurden ausgegraben und ans Tageslicht gebracht, viele geheuchelte Tränen vergossen und pathetische Sätze gesagt. Tragödie, Todespilot, Massenmörder. Suizidgefährdet, depressiv, krankgeschrieben. Unter Druck gesetzt, Fluggesellschaft versagt, Gesellschaft versagt. Ich könnte jetzt ewig die Fetzen aneinanderreihen, die selbst die etwas besseren Medien zu Geiermanieren und Ausschlachtung von sich gegeben haben.

Drama, Baby! That’s what makes the press world go round!

Irgendwie erinnert mich die Reaktion ein wenig an das was durch die Presse ging beim Amoklauf in Winnenden. Krampfartig sucht die Gesellschaft nach einem Schuldigen – und ist er schon tot, müssen eben die für ihn verantwortlichen herhalten. Wie die Fluggesellschaften mit Piloten, Kapitäne mit ihren Co-Piloten umgehen – in Angesicht der Billigflieger-Konkurrenz und dem steigenden Druck nicht überraschend – ist eine Schweinerei, ja – mag sein. Aber das ist nicht der Grund dafür, daß diese 150 Menschen sterben mussten. Der Grund dafür ist die unüberwindbare Sicherheitstür. Der Co-Pilot hätte auch einfach einen Schlaganfall oder Herzinfarkt haben können. Haluzinationen wegen einer Lebensmittelvergiftung oder gestolpert, den Kopf gestoßen, bewusstlos. Die Tür war das Hindernis – Kind eines paranoiden Geistes, der seit dem 11. September 2001 die Welt nicht mehr aus seinem Griff lässt. Allen Studien, Widerlegungen, Praxistests, etc. zum Trotz.

Das zum tatsächlichen Versagen von Fluggesellschaften, Entwicklern von Sicherheitskonzepten und unseren paranoiden Politikern.

Was mich aber grenzenlos angewidert hat, war nicht, daß 150 Menschen sterben mussten weil jemand bei der Sicherheitstür die Szenarien nicht zuendegedacht hat. Was mich angewidert hat, war die Reaktion von weiten Teilen der Presse und Gesellschaft auf Menschen mit Depressionen. Was hat man da nicht alles lesen müssen, Forderungen nach Gefahreinstufungen für diese Menschen, offene Anfeindungen, Fassungslosigkeit wie man denn „unglücklich“ sein könnte bei einem „erfolgreichen“ Leben. Und noch immer versteht die Gesellschaft das Konzept der geistigen Erkrankung der Depression nicht. Dieser Mensch, der sich (und 149 andere) umgebracht hat, war nicht bloß unglücklich. Er hatte nicht nur eine Reihe mieser Tage/Monate/Jahre. Er sah sein Leben nicht als erfolgreich an, zumindest offensichtlich nicht in einem Maße, daß ein Weiterleben ihm irgendwas bieten könnte an dem er glauben würde Freude haben zu können. Das ganze ist um LÄNGEN komplexer, als es abgefrühstückt wird und es ist scheinheilig, daß sich eine Nation aus 80+ Mio Autoexperten, alle paar Jahre auch Fußballexperten, vor 15 Jahren für ein paar Monate Terrorismusexperten sich aufschwingt allesamt Psychologieexperten zu sein.

Das lächerlichste daran war noch die Darstellung von Depressiven als potenzielle gewaltbereite Amokläufer. Leute, wenn jemand depressiv ist, richtet sich seine Agression in der Regel gegen ihn selbst. Komorbiditäten sind dann groß im Programm, Suchtgefahr, selbstverletzendes Verhalten, alles mögliche – aber EBEN NICHT die Kanalisierung von Wut gegen jemand anderen. Oft sind depressive Menschen von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt, von Ängsten, von Perspektivlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Lethargie. Eine alles fressende Ohnmacht hat sich in ihrem Leben breitgemacht und frisst sich wie ein Krebsgeschwür durch alle Facetten ihres Daseins bis sie die Gedanken beherrscht. Der Gedanke an den eigenen Tod kommt bei den Meisten depressiven Menschen übrigens eher früher als später, aus einem Gedanken werden leicht mehrere – oder eben auch nicht, das kann über Jahre wieder in den Hintergrund treten, jedoch plötzlich durch irgendwas befeuert wieder auftauchen. Das Töten anderer steht dann aber nach wie vor nicht auf dem Programm.

Bei einer Depression spielen so endlos viele Faktoren eine Rolle, daß es bis heute schwierig ist zu sagen, was da läuft. Von der Hirnchemie, die dem Körper bestimmte Botenstoffe versagt bis zu Traumata aus einer Kindheit an die sich nur noch der Körper erinnert, weil der Geist noch nicht in seiner jetzigen Form existiert hat und zwischen sich und der Außenwelt nicht unterscheiden konnte (siehe kognitive Entwicklung von Kindern). Da sind Prozesse im Spiel, die so individuell sind wie die persönliche Geschichte. Bei dem einen Menschen verursacht ein Klaps auf den Hinterkopf ein Trauma, bei dem anderen nichts. Bei dem einen Menschen wird aus einem gestörten Verhältnis mit einem Elternteil ein von einer Neurose überdeckter und getarnter psychotischer Prozess, ein anderer streift das ab als wäre nichts gewesen. Hinzu kommt noch eventuelle Hochsensibilität (ca 20% der Lebewesen auf unserem Planeten sind „übertaktet“ was ihre Nervenbahnen angeht), alltägliche Faktoren, Erschöpfung (Lebensmüdigkeit?) und alle möglichen anderen Facetten. Man kann Depressionen in der Regel nicht „heilen“, man kann nur dafür sorgen, daß der Patient sie bestmöglich „überlebt“ und sich ihnen nicht hingibt, sich nicht aufgibt und immer einen Weg findet sich nicht zu sehr von ihnen am Leben hindern zu lassen.

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Depressive Menschen – und von ihnen gibt es erstaunlich viele, vermutlich ist die Dunkelziffer unvorstellbar hoch – sind krank. Eine schöne Umschreibung, die ich mal gehört habe war, daß sich alles was die Seele schlucken muss an ihrem Boden sammelt und wenn es zu viel wird, wird sie schwer und fällt ins Bodenlose. Und das ist in unserer Welt nicht besonders überraschend, lernen wir von klein auf doch unsere Gefühle zu verstecken. Wenn jemand stirbt, sagen uns die Eltern „du musst jetzt ganz stark sein“ und vergleichbaren Mist, anstatt daß sie einem beibringen wie man richtig trauert. Naja, sie haben es wohl selbst nie gelernt.

Gefühle zu zeigen macht angreifbar und schwach, nein liebe Mitmenschen – Fresst Euch um den Verstand, setzt Kinder in die Welt, seid fleißig und zufrieden mit dem was für Euch abfällt und haltet ansonsten Eure Schnauze. Das ist doch der Bullshit, der als Subroutine jedem in seine Programmierung graviert wird. Alice Miller hat in „Am Anfang war Erziehung“ und „Du sollst nicht merken“ ein paar echt gute Punkte auf den Tisch gebracht, die einem zu denken geben sollten. Und in einer kranken Gesellschaft, die wir zweifelsohne haben, als „gesund“ zu gelten ist in meinen Augen kein besonders gutes Zeichen.

Hinzu kommt – und das ist eher eine persönliche Einschätzung meinerseits – das immer noch vorhandene Tabu um den Tod. Man verbannt ihn immer weiter aus der Welt in der wir sind. Kinderkult ist ein Symptom der möchtegern-Unsterblichen, genauso wie diese selbstdarstellende Spuren-im-Netz Hinterlasserei, wir klammern uns so heftig an Lebensimitat, daß wir ganz sorglos den Tod ignorieren können, weil es eh keinen Unterschied macht ob wir heute oder morgen draufgehen, so belanglos ist diese Farce, die wir anderen und uns selbst als unser Leben präsentieren.

Und da schließt sich der Kreis zur Presse-Reaktion vom Anfang dieses Posts – Es gab 150 Tote bei dem Flugzeugabsturz – darunter auch Kinder einer Schule mit ihrem Lehrer. Muss mich das interessieren? Was ist mit den alten Menschen an Bord – bloß weil die es ohnehin nicht mehr lange gemacht hätten, sind die jetzt nicht so wichtig? Wären meine Großeltern an Bord gewesen und ich müsste mir Tagelang in der Presse Schulkameradeninterviews und Elterntränen angucken, was würde das wohl mit mir machen? Wenn meine Freundin Flugbegleiterin gewesen wäre und ich höre ständig nur über tote Passagiere, wie angemessen fühlt man seinen eigenen Verlust von außen wahrgenommen? Die Medien könnten ruhig mal weniger geiern und mal ein wenig menschlicher werden, das würde ihnen gut zu Gesicht stehen.

Kinder werden sowieso wieder besonders von der Presse hervorgehoben, um betroffen zu machen – potenziell viele Jahre vor sich, größtenteils schutzlos und unbekümmert – werden sie zu kleinen Heiligen hochstilisiert, im Namen des Optimismus um die menschliche Zukunft. Wie viele von ihnen später als Erwachsene rassistische und sexistische Hohlbratzen werden und wie viele im selben Flug draufgegangen Erwachsenen möglicherweise Dinge für unsere Gesellschaft geleistet haben für die ihnen noch künftige Generationen dankbar sein werden – das alles interessiert die Schlagzeile im Schockmoment kein Stück. Hauptsache: Drama, Baby!

Aber gut, daß es noch jemanden gibt, den das alles nicht interessiert. Sie bekommt ihren Anteil immer. Wenn ihre Zeit gekommen ist, macht sie alle Menschen gleich.

Now playing: Sentenced - We are but falling leaves | Stimmung: Enttäuscht

Chicago hat Wifi-Zugang

Jetzt hab ich die ersten paar Stunden den Ubisoft-Titel Watchdogs angespielt und der erste Eindruck bietet mir gemischte Gefühle. Einerseits ist die City riesig, man kann vieles machen und die digitale Omnipräsenz des Hackbaren zieht sich in jede Pore der Stadt, andererseits wirken Namen, Berufe, Profile der Menschen, die man da beobachtet, hackt, belauscht und um ihr digitales Geld erleichtert flach und unrealistisch. Eben wie frisch aus dem Zufallsgenerator. Der Protagonist selbst erweckt auf mich nicht den Eindruck eines tiefgehenden Charakters, andererseits ist das auch nicht in jedem Spiel notwendig, hier fällt das allerdings auf weil die bislang echt bescheiden überraschende Story ihn voll einzunehmen scheint.

Die Steuerung ist (wie bei allen eigentlich für Konsole entwickelten Spielen) ziemlicher Mist und oft genug mussten Passanten, Autos, Stadteigentum und alles mögliche andere darunter leiden, wenn man gerade mit einem Fahrzeug oder einer Waffe hantiert. Das unrealistische Kampfsystem lässt leute nach nem Tütchen Blei im Kopf umkippen – jedoch nur dann wenn sie nicht alarmiert sind – wenn ein Schuss gefallen ist oder sie anderweitig aufgewühlt wurden, muss man ihnen mehr als ein mal selbiges verpassen. Gleiches gilt für flüchtige Typen die auf einen schießen: wenn ich Bonuspunkte bekomme, wenn ich bei der Verbrechensvereitelung den Täter am Leben lasse und er direkt draufgeht, wenn ich ihm in die Wade schieße, kann ich den Gedankengang nicht nachvollziehn.

Vom Ambiente her hat man das Gefühl, die hätten versucht GTA, Assassin’s Creed und Deus Ex: Human Revolution miteinander zu verheiraten. Mit dem Ergebnis, daß die kriminellen Handlungen größtenteils konsequenzfrei und somit irrelevant bleiben, dank der Steuerung die Unauffälligkeit mehr als schwer fällt und die nützlichen Cybergliedmaßen fehlen. Kurzum, eher durchschnittlich. Die NPCs laufen ziellos umher, sollen ganz normale Stadtbewohner mit ganz normalen Geschichten darstellen – das Resultat ist allerdings, daß es einfach hirnfrei rüberkommt – die Modelle und ihre Verhaltens- und Bewegungsweisen erinnern an die zahllosen Klone in Vampire: Bloodlines, nur daß es mehr als fünf Gesichter gibt.

Hinzu kommt das Sammelfieber in das Ubisoft seit einigen Spielen seine Nutzer drängen will – man bekommt das Gefühl, das eigentliche Spiel würde zur Nebensache. Als würden die nur abertausende Minigames zusammenbacken in ein großes Meta-Spiel. Nicht immer ein schlechtes Rezept, aber bei dem Setting unglaublich schade. Sinnfrei finde ich nebenbei diese Ruf-Geschichten, die man hat wenn man Verbrechen vereitelt – klar, ich verfolge einen Typen, der einem anderen eine gezimmert hat und klaue im nächsten Moment fünfzehn ganz normalen Passanten mit miesen Jobs ihr sauer verdientes Geld und das ist in Ordnung. Klar, das eine weiß die Öffentlichkeit, das andere nicht – aber ganz im Ernst, jemandem der als Schildhochhalter arbeitet und damit keine 17K im Jahr verdient MÖCHTE ich vielleicht keine 500$ aus der Tasche ziehen, selbst wenn ich das als fähiger Hacker auf der Straße mit einer Wifi-Attacke könnte. Was ich als so jemand viel eher tun würde, wäre hinter einer Wand aus Proxy-Bausteinen zu sitzen und im großen Stil Gelder umleiten, die eh keiner Vermisst weil dort eh mehr ist, wo das herkommt. Aber mit Logik hat Ubi seine ganz eigenen Probleme. Wenn ich in einem Waffenladen eine neue Wumme kaufe und sie ausrüste und mir angucken will, schreien alle und verziehen sich – und ich kann den Laden ausrauben. Was ist denn das für eine Absichts-Prediction? Neeeeeeeee. Echt nicht.

Von der Aufmache und der Kritik am technischen Überwachungswahn und was für seltsame Blüten das treiben kann – da gefällt mir das Spiel. Aber aufgrund eines belauschten Gespräches dem Juckreiz der Selbstjustiz nachzugeben – das ist mir zu amerikanisch, sorry. Es gehört mehr dazu als den Protagonisten zu „chaotic neutral – might save your life, might steal your car“ zu erklären, das ist mir alles irgendwie zu wischi-waschi. So wie ich mich kenne, werde ich die Haupthandlung durchspielen und dann fliegt das Game wieder von der Platte. Schade eigentlich, aber zum kurzweiligen Zeitvertreib für zwischendurch langt mir das nicht, da zock ich dann lieber wieder Prototype – inklusive der Phantastereien und völlig unrealistischen Gewaltexzesse.

Überhaupt, erinnert mich Watchdogs sehr an Prototype – Eine schön ausgebaute Stadt, jede Menge Menschen die nix wichtiges machen und überall Gelegenheiten sich etwas oder jemanden zu greifen und irgendwas damit anzustellen. Mit dem Unterschied, daß Alex Mercer abgefuckt und overpowered war, Häuser hochlaufen und große Strecken gleiten konnte, was die Stadt geschmeidiger machte – gut, er konnte nicht mit dem Auto fahren, in NY ist das aber ohnehin ein verzichtbares Erlebnis. Prototype war aber alleine wegen der Morph- und Kampfoptionen schon fancy, irgendwie ist mir Watchdogs da zu undurchdacht – klar, auf alltäglicher Ebene alles hacken ist eine realitätsnahe Idee (wartet mal noch 20 Jahre, bis wir dezentrale device-to-device Netze haben) und spannend und alles – aber würde ich wirklich ohne Grund einfach vor mich hin hacken und in anderer Menschen Müll wühlen, nur weil ich was finden und behalten könnte? Ich glaube nicht.

Gut möglich, daß ich mit meiner Sicht auf das Spiel alleine dastehe – gut möglich, daß mein Anspruch auf story driven Gameplay und Charakterentwicklung höher ist als der vom Durchschnittsgamer. Vielleicht erwarte ich nach der Ezio-Reihe von Assassin’s Creed und Splinter Cell: Blacklist einfach zu viel von Ubisoft, weil ich zu wissen glaube, daß sie es eigentlich können. Ich hoffe die haben dieses „Schalte alle Klamotten/Waffen/Achievements frei“, „Spiele zufallsgenerierte Mission mit einem Random aus dem Netz“ und „Hier ist noch die Zigste OOC Mission“ bald mal durch – ich werde das Gefühl nicht los, daß die versuchen eine Art Community-Bindung zu betreiben wo es eigentlich hauptsächlich Spieler sind, die für sich genommen genießen wollen anstatt ständig vernetzt sein zu müssen. So kann man sich auch ins Knie schießen…

Now playing: Rise Against - Help is on the way | Stimmung: Gemischt. Enttäuscht.

PhantomJS und RequireJS wollen nicht ins Angular-Bett

Ich hab jetzt etwa vier Tage investiert, um mich ausgiebig mit dem Softwarepaket um AngularJS und autmatisierten JavaScript-Tests in einer virtuellen Umgebung zu befassen. Ich hab viel gelernt, viel erkundet und am Ende alles weggeworfen. Also fast alles. Es gibt jede Menge wirklich gute Tutorials, die Angular und RequireJS mit Karma verheiraten. Auch vergleichbar viele, bei denen PhantomJS mit Karma und Jasmine oder Mocha/Chai läuft. Alles wunderbar – aber wenn ich nach etwas suche, was sowohl AngularJS mit RequireJS und Karma hat, als auch PhantomJS mit Jasmine in Betrieb nimmt, finde ich plötzlich nichts mehr. Und warum? Weil PhantomJS mit Require das Problem hat, daß es nicht wartet bis alles geladen ist, bevor es die Karma-Anweisungen ausführt. Ein Bug? Ein undokumentierter Konfigurations-Teil? Vielleicht irgendwas offensichtliches für das ich viel zu blöd bin um es zu bemerken? Möglich. Wahrscheinlich: PhantomJS noch nicht ausgereift genug, keine wirklich ernstzunehmenden Alternativen für headless browsing von der Command Line – nichts.

Was also ist die Lösung? Keine Testumgebung für JavaScript benutzen, obwohl es mehr als drei gute gibt? Warten, bis PhantomJS aufgeholt hat und man es dafür nutzen kann? Eine Prerendering-Lösung für eine on-demand-Skriptlademaschine? Sinnfrei. Ich werde jetzt versuchen Mocha oder Jasmine unabhängig von Karma und Phantom zum Laufen zu bekommen, wird möglicherweise nicht so elegant und allumfassend, wie ich es mir gewünscht hätte, aber besser als einen separaten Server aufsetzen und irgendwas darauf faken, um von hinten durch die Brust ins Auge zu schießen.

Manchmal lernen wir, daß keine Lösung existiert. Und wenn wir sie nicht machen können, bleibt uns nur die Suche nach Alternativen.

UPDATE: Als ich Karma und PhantomJS aufgegeben habe, war die Installation von Jasmine und das schreiben des ersten Tests, sowie das Verdrahten mit RequireJS eine Sache von einer Viertelstunde. -.-

Das Ergebnis findet ihr hier.

Now playing: Carl Douglas - Everybody was Kung Fu fighting | Stimmung: dezent gelangweilt

Bruderkriege vor der Tür

Es gab nur wenige geopolitische Ereignisse die mich so traurig gemacht haben wie der ukrainische Bürgerkrieg. Als Russe bin ich damit aufgewachsen, daß es zwischen Russen und Ukrainern nur den Unterschied gibt, daß letztere auch noch ukrainisch sprechen. Sie waren „wie wir“ nur halt „von da“. Auch immer vor Augen, daß Russland staatsgeschichtlich von der Kiew-Rus abstammt und somit beide einander auch entsprechend eng und freundschaftlich miteinander verbunden sind. Und dann lese ich in den Medien, wie sich Menschen in den Heimatorten von Freunden und Bekannten gegenseitig umbringen. Artillerie auf Eltern, Schüsse auf Geschwister, Kampfhubschrauber bei Großneffen und brennende Häuser bei Tanten. Ich glaube das ist der erste Krieg, dessen Wahnsinn ich nicht von mir schütteln kann, von dem ich nicht gut geschützt wie ich hier bin kühl Abstand nehmen und ihn der Gesellschaft zynisch gegenüber kommentieren kann, ihr ihr eigenes Versagen vorhaltend, wie ich das gerne mache.

Ja, mittlerweile ist genug Blut geflossen um das Ganze in den Medien surreal und mit einer gewissen Derealisierung zu betrachten, vielleicht sogar mit einer gewissen auf die Globalpolitik reduzierten Sicht. Aber jedes Mal wenn ich wieder Schlagzeilen aus der Region lese, kann ich nur stumm den Kopf schütteln während mir die Kehle zugeschnürt ist. Und immer wieder hallt es in meinem Kopf: „Ihr seid doch vollkommen irre! Was zum Henker tut ihr da eigentlich?! Seid ihr noch bei Trost?“

Politisch ist für mich der Fall einfach, es handelt sich um den ersten richtigen Stellvertreterkrieg in Europa zwischen USA und Russland, die einen mit Söldnern und Finanzierung (wie immer) und die anderen mit false flag Operationen/hybrider Kriegsführung. So weit, so bescheuert (weil sowas IMMER bescheuert ist). Das Instrumentarium ist Stoff für Thriller und Strategiespiele, geheime Propaganda, gegenseitige Anschuldigungen schwerster Art und Volksteile die meinen zu wissen wo es langgeht und die Revoluzzer-Tabletten geschluckt haben. Dann große Gelder. Waffen. Jeder gegen jeden. Nationalisten, Marodeure die rumreisen und mit vorgehaltener Waffe Geld und Wertsachen zusammenrauben – wer sich weigert die Postsendung am Schalter adressiert in die Westukraine zu verschicken, dem wird gesagt „Wenn Du das nicht machst, schießen wir Dir eine Kugel in den Kopf und der nächste macht es.“ So mir angetragen von einer Schwester besagter Postperson in der Ostukraine.

Und jetzt auch noch die Kulturzensur mit reißerischer Rhetorik. Ich muss als nicht-Völkerrechtler mir keine Gedanken darüber machen, ob die Annexion der Krim (die ja vor einigen Jahrzehnten noch „russisch“ war) richtig ist oder falsch, ob sie geopolisitsch Strategisch nachvollzieh- und vorhersehbar war – alles was geschieht, bei dem Menschen für die Einflussgier anderer Menschen leiden ist i.d.R. gefährlicher Unfug – Tatsache ist, daß die Eskalation der Ukraine-Krise von den USA befeuert wurde wie nur irgendwas. Der „Fuck the EU“ Vorfall war dafür genauso exemplarisch wie das Rumzetern diverser US-Senatoren. Mal wieder sieht man, daß Krieg für die USA immer irgendwo anders stattfindet und es ihnen deshalb auch egal sein kann. Die müssen ja weder als Nachbarn noch als Betroffene mit den Folgen leben, es ist abstrakt genug um daraus ein kleines globales Spielchen zu machen. Und währenddessen sterben Menschen, die mit irgendwem verwandt oder befreundet sind, den ich kenne. Widerlich.

Now playing: Alice Cooper - Pick up the Bones | Stimmung: traurig

Da fallen einem die Würmer aus der Wand

Ich habs mit Altbauwohnungen ja ohnehin nicht so, ihr einziger Vorteil in meinen Augen ist die Kühle im Sommer. Da ich nicht allzu groß bin und von Prunk nicht viel halte, sind mir Decken, Stuck und die Optik von außen relativ egal. Hinzu kommt, daß alte Häuser konstruktionsbedingte Marotten haben, die von unerfreulich bis gesundheitsgefährdend reichen können. Zum einen ist die Isolationsbeschaffenheit – und das gilt für Schall, Temperatur, Zugluft und dergleichen – oft sehr dürftig, zum anderen ist selbst bei sanierten Bauten durch Einsparungen die Bausubstanz schimmelanfällig oder einfach instabil.

Letzteres ist bei uns auch der Fall, die SAGA hat der Verarbeitung nach zu urteilen vor ein paar Jahren die billigsten Pfuscher mit dem miesesten Material auf die Wohnung losgelassen und das dann Sarnierung genannt. Ende vom Lied ist, daß wir feuchtigkeitsaffine Wände haben, die einfach hingezimmert wurden ohne die Nutzbarkeit zu bedenken. Das Material scheint Porenbeton zu sein, aufgeschäumte Fertigwand aus mehlfein gemahlenem Kalk, Sand und Wasser. Das Zeug ist so hochporös, daß man einen Nagel mit bloßen Händen in die Wand drücken könnte und sie einem entgegenkommt, wenn man ein Stück Tesafilm von ihr abmachen will. Wenn man versucht ein Loch zu bohren, wird es allein durch die Vibration des Bohrers etwa drei Mal so breit und oft genug ist nur wenige Zentimeter nach Beginn der Operation ein unverhoffter Stahlträger plötzlich im Weg, und das immer nur an einer Seite.

Regelmäßig passiert es uns mit den Wänden, daß irgendwas einfach runterkracht. Sei es ein Bild in Postkartengröße an einem Nagel oder auch einfach mal ein Stück Wand, nachdem dort ein textilüberzogener Stuhlrücken ein Mal zu oft beim Aufstehen dagegengeschoben wurde. Das Loch übrigens mit Moltofill oder anderen Reparaturmitteln wieder zuzukitten hat nicht funktioniert: das Reparaturzeug hat sich beim trocknen um wenige Millimeter zusammengezogen und die es umgebenden Wandkörner einfach mit sich genommen. Es passte, ließ sich aber rausnehmen und saß fortan nur locker. Der Flächendeckende Einsatz von Zwei-Komponenten-Flüssigdübel wurde zur Pflicht, manchmal war aber sogar der Druck aus der Tube schon zu viel für die Wand, oder aber die anschließende Verschraubung, die mit einer Dehnung einherging, brach gleich ein faustgroßes Loch in die Verankerung.

Nur den Decken trau ich noch über den Weg, die haben aber auch eine Probe von 9 kg pro Haken bestehen müssen, bis ich die 12 kg Leinwand dort anbringen wollte. Vermutlich liegt es an einer Verkleidungsschicht aus Holz und dem Umstand, daß der Flüssigdübel dahinter besonders gut griff. Ich habe für die Konstruktion auch wirklich epische Dübel und Haken genommen, alles andere wär mir zu riskant. Aber warum eigentlich gerade dieser Rant?

Ich saß gestern gegen 18 Uhr in der Küche und programmierte mir den Wolf, da tat es einen gewaltigen Schlag und am anderen Ende des Raumes krachte das Gewürzregal mitsamt allem was da drin war nach zwei ruhigen Jahren auf den Kommodentisch darunter und begrub in einem Meer aus staub alles unter sich, was dort gestanden hatte. Die Wand hatte nachgegeben und unter entsprechenden Verlusten ihren Ballast abgeworfen, die Risse in der Farbschicht wurden deutlicher als je zuvor und in den Löchern schienen sie sich noch im innern der Wand fortzusetzen. Wenn das jetzt hinter jedem Riss in der Farbe steckt, ist es nur eine Frage der Zeit bis..

..ach Du Scheiße, die Hängeregale müssen runter. Sofort! Ich hab seit ich sie angebracht habe jedes Mal ein mulmiges Gefühl wenn ich den Geschirrspüler ausräume. Selbe Wand, etwas höher, kurze Zeit später: das letzte Glas und die letzte Tasse verschwand unter dem bedrohlichen Knacken von hinter dem Regal auf den Tisch. Schrauben wurden leicht gedreht und schon konnte ich die Dinger runternehmen. Dann alles wieder reinräumen und erstmal stehen lassen. Alterfalter!

Nachdem wir letztens den endgültigen Wunsch zum Umzug artikuliert haben, ja sogar fast eine Wohnung bekommen hätten die uns zusagte, steht die Entscheidung – wir müssen raus. Ich hab schon seit längerem den Verdacht, daß diese Bude, ihre guten Seiten in Ehren, uns übel zusetzt: Opas Elefantenohrgewächs, daß sonst sprießt wie Zunder ist bei uns kleiner geworden. Wenn man die Pflanzen nur ein Mal zu oft gießt, beginnt die Erde direkt zu schimmeln. Der Zimmerbrunnen verlor seine Pumpe an nicht näher identifizierbaren Schleim. Fünf Haustierchen fanden bereits ihr Ende, die meisten waren an ihrem Lebenslimit nicht angekommen, es geschah einfach, als wäre das Leben anstrengender hier. Die Lebensmittel die nicht im Kühlschrank lagern verfaulen so schnell, daß man fast zugucken könnte. Kopfschmerzen, Müdigkeit, Gereiztheit. Möglicherweise versucht uns diese Wohnung tatsächlich abzumurksen, wer weiß.

Ich bin jedenfalls froh, daß wir bald umziehen und der Prozess jetzt beginnt. Vielleicht haben wir dann auch endlich den Raum, wir selbst zu sein. Eng ist es hier. Wobei wir bei der letzten Umstellung schon einiges gewonnen haben, nur eine Dauerlösung ist das nicht. Aber dazu mehr zu einem anderen Zeitpunkt..

Now playing: Alice Cooper - House of Fire | Stimmung: genervt