Archive for Juni, 2013

Pushing Hands Chen Style

Vor einigen Tagen war ich das erste Mal bei unserem monatlichen Push-Hands Workshop im Taiji. Drei Stunden lang üben wir dort die Partnerroutinen ein. Während in der Form, den Seidenübungen und der Stehenden Säule es um die eigene Energiezirkulation geht, das hören auf den eigenen Dan Tjen, kommt dort noch der Kreislauf des Übungspartners hinzu. Das schult die Wahrnehmung und Interaktion mit anderen und ist elementarer Bestandteil des Chen Taiji als Kampfkunst in der Praxis.

So weit so gut – die erste Übung mit den klebenden Händen war vom Ablauf her einfach, was die Schwierigkeit war, war die Ablenkung. Wenn ich mit meinem Arm hantiere, liegt meine Aufmerksamkeit zu großen Teilen in ihm. Mir das abzugewöhnen und sich fast ausschließlich auf den Dan Tjen zu fokussieren war ein hartes Stück für das ich fast die Hälfte der gesamten Zeit gebraucht habe. Es stand meiner normalen Bewegungsphilosophie entgegen und war alles andere als körperlich gefühlt naheliegend. Aber irgendwann bewegte ich nur noch mein Zentrum und der Rest folgte wie von selbst. Das war mir bei der Form bereits schon einmal begegnet und fühlte sich richtig an.

Die Lektionen punkto Gespür für Distanz und Timing konnte ich nur theoretisch mitnehmen, das war dann eher was für die Fortgeschrittenen im Kurs. Aber was nach der ersten Übung eingesetzt hat, war wie das öffnen eines Tores: Andreas ist aufgefallen, daß ich bei den Drehungen die Knie weiter mitnehme als es für die Struktur gut ist. Was ich dann versucht habe zu korrigieren und was dann passierte flashte mich stärker Weg als die Kniekorrektur von Michael, meinem Zweittrainer, die mich die Stehende Säule hat deutlich verbessern lassen: mit einem Mal war ich geistig im Dan Tjen, ich fühlte und lenkte die Bewegung aus ihm heraus und sank noch intensiver in die Position. Ich ließ den Arm mal für eine Weile komplett außen vor und ging die Übung nochmal durch, von Anfang. Und plötzlich stand ich bombenfest, meine Beine bebten vor Anstrengung durch den Fluss und die Lenkung der Energie, aber irgend ein Schalter legte sich um und auf abstrakte, kaum greifbare Art erschloss sich mir ein Stück des Gesamtprinzips, körperlich wie geistig.

Keine halbe Stunde später war ich am Ende meiner Kräfte und machte kurz Pause mit etwas Wasser und Lockerungsübungen, während der Rest die dritte und vierte Routine übte. Meine Oberschenkel schmerzten mittlerweile und das Einsinken in die Position war für den Moment gegessen. Irgendwann zum Ende hin kamen wir zum Strukturpushen – das ist eine Art Kräftemessen, wer den anderen aus seinem Stand schieben kann, nur mit dem Dan Tjen. Wer an der Stelle versucht mit Muskelkraft gegenanzugehen, drückt sich selbst ins Abseits, denn mit Kraft hat das Ganze nichts zu tun – hier ist übrigens ein Video von unserem Großmeister, wie er das gegen einen Haufen Leute auf einmal macht, vielleicht veranschaulicht es das ein wenig. Der Trick dabei ist, den natürlichen Impuls zu ignorieren, dagegenzudrücken. Gewohnterweise hält man ja dagegen, wenn man geschoben wird – aber genau das bringt es mit sich, daß man anfällig bzw. greifbar wird und dann ist man raus. Wenn man aber durchlässig bleibt, dann passiert etwas kurioses: dadurch, daß man „nicht da“ ist, wirkt die Kraft des Muskelschiebers auf ihn selbst und die dadurch erzeugte Gegenkraft schiebt ihn selbst weg, als würde er sich von einer Mauer abstoßen. Ein sehr spannendes Prinzip, was einem in verschiedener Form auch anderswo im Leben begegnet, wenn man darauf achtet.

Eine weitere Erkenntnis oder vielleicht eher Vermutung kam irgendwann später hinzu, die betraf aber Taiji und Entspannung im Allgemeinen: der menschliche Körper ist unter einer alltäglichen Grundspannung, jeder der schon mal einen Bewusstlosen oder eine Leiche versucht hat zu schleppen, weiß wie „anders“ das verglichen mit jemandem bei Bewusstsein ist . Nun lösen wir aber Anspannungen im Rahmen des Trainings und versuchen diesen gesunkenen, durchlässigen und entspannten Zustand zu halten. Und das insgesamt in uns zu verankern. Unsere schlechten Angewohnheiten, falsch zu stehen, zu sitzen und zu liegen abzulegen. Was ist, wenn genau diese Anspannung uns so anfällig macht für alles um uns, was ist wenn das den Verschleiß verursacht und uns unsere Kräfte beraubt, immerhin kostet Anspannung ja Kraft und macht verkrampft. Ich werde das mal weiter beobachten, vielleicht ist aus dieser Einsicht interdisziplinär etwas abzuleiten, was das Leben bereichert und entwickelt.

Now playing: Sojiro - Forest | Stimmung: Vollkommen fertig aber stärker als je zuvor

Agrimm Doomhammer & Manilla Road

Ich kam punktgenau zum Konzertbeginn im Atzehoe an, hab meine Karre in frankfurter Guerilla-Parking-Manier draußen vor der Grünfläche abgestellt und stapfte voller Vorfreude in die schon mit ordentlich Druck gefüllte Halle. Dem Bass mischten sich Gitarrenklänge und Daniels Screams hinzu und ich suchte mir einen guten Platz rechts vor der Bühne, wo ich auch gleich ein paar bekannte Gesichter entdeckte. Agrimm Doomhammer griffen in die Vollen und lieferten ein abwechslungsreiches Set ab, was nicht zuletzt ihren vielzähligen Einflüssen zu verdanken ist – King Diamond, Reverend Bizzare, Helstar, Ritual Steel (surprise surprise) und Blitzkrieg, um nur einige zu nennen an die ich mich erinnert fühlte. Musikalisch und von der Stimmung her waren sie in ausgezeichneter Form und es dauerte nicht lange, bis der Funken aufs Publikum übergriff. Zwischen den Songs fand der junge Mann hinter dem Tellerregal auch Gelegenheit, auf der Bühne seine Freundin mit einer Heiratsabsicht zu beglücken und so war das vermutlich für das Bandumfeld selbst gleich doppelt feierlich, immerhin waren sie nicht umsonst im Vorprogramm von den alten Göttern gelandet, sondern aus inniger Verbundenheit, wovon nicht zuletzt auch das rote Manilla Road Shirt welches Daniel trug zeugte.

Als die ersten Herrschaften ihre Instrumente niedergelegt haben, war die Stimmung bereits so gut, daß man hätte den Hauptact direkt auftreten lassen können – gibt nicht viele Bands, die gerade emporkommen und das auf mehr oder weniger Anhieb hinbekommen. Aber es gab ja noch Die Void, die uns die Wartezeit verkürzen sollten während wir uns über einige handwarme Biere hermachten. Ich fand die eher weniger spektakulär, was aber vermutlich eher am Kontext lag. Sie passten meiner Meinung nach nicht so recht ins Billing, war ihre Musik irgendwo zwischen Soul Doctor, Astral Doors, Cheap Turtle und Cornerstone vorzufinden. Nette Ecke aber andere Ecke, sag ich zu sowas gern. Zwischenzeitig wurde ich noch in den Tourwagen verschleppt, wo zu meiner großen Freude und Überraschung Manilla Road in tiefster Entspannung auf den Gig wartete, während sie zufrieden einige Biere ihrem Schicksal überführten.

Einige Momente später kamen die Herren aus Kansas auf die Bühne und legten los. Hauptsächlich bestand das Set aus schönen alten Songs, größtenteils aus der Mystification, Open the Gates und Crystal Logic Ära, sehr zu meiner Freude. Zwar fanden auch Stücke vom neuen Album ihren Weg in das Programm, reihten sich aber aufgrund von Art und Stil nahtlos in den Rest der mitreißenden Klassiker ein. Dazu bleibt eigentlich vor lauter Begeisterung meinerseits nicht viel zu sagen, Manilla Road sind einfach großartig, wie auf Platte so auf der Bühne und da vor allem Mark glänzend in Form war, gabs seinerseits auch mehr Stimmeinlagen als ich es von den letzten Gigs in Erinnerung hatte. Ein wunderbarer Abend mit toller Musik, in einer leicht überhitzten Location mit mäßig temperiertem Bier – schöner Beitrag zu einem gelungenen Wochenende!

Now playing: Manilla Road - Astronomica | Stimmung: Davondriftend

From Banoi to Palanai..

..oder von Praslin nach LaDigue. Die Seychellen sind auf der Karte östlich von Tansania, direkt oberhalb von Madagaskar – ziemlich genau am Äquator. Sie sind berühmt für traumhafte Strände, die größte Kokosnuss der Welt, wild lebende Flughunde, Piratenübergriffe und riesige Schildkröten. Bis auf die Piraten haben wir auch alles zu Gesicht bekommen, aber ich fange wohl am besten chronologisch an. Als wir gelandet sind, habe ich eigentlich eine ähnlich feucht-drückende Luft erwartet wie auf Mauritius, aber die blieb irgendwie aus. Vielleicht war ich an die klimatischen Verhältnisse bereits gewöhnt, vielleicht aber waren die Inselgrößen ausschlaggebend und der Meereswind sorgte für alles Übrige. Wir warteten an dem süßen kleinen Flughafen auf den Bus zu unserer Fähre und nahmen zahlreiche bunte Vogel- und Pflanzenarten näher in Augenschein. Da wir einen frühen Morgenflug genommen hatten und ich im Flugzeug noch einige Momente schlafen konnte, war ich noch entsprechend Deliriös und kam noch nicht auf die Idee zu viel berichtenswerten Unfug anzustellen. An dem Fährhafen angekommen, schnappten wir uns die dicken Plastiktickets und gingen an Bord – unser Zielhafen Praslin war etwa eine Dreiviertelstd von Mahé, der Hauptinsel, entfernt.

Dort angekommen schnappten wir uns ein Taxi und ließen uns an Grande Anse (einer der zwei Siedlungen auf der Insel) vorbei zu unserem kleinen gemieteten Häuschen bringen, wo man uns schon erwartete. Mit Kokosnüssen aus denen Strohhalme ragten nahm man uns in Empfang und führte uns hinauf zum höchsten Haus des Seaview-Lodge-Hügels, vorbei an dem Schildkrötengehege (offensichtlich Haustiere) und einigen Eidechsen. Wir machten es uns erstmal gemütlich und genossen ein wenig den Ausblick vom Balkon, während uns unser Hauswirt in die Details der Räumlichkeiten einwies und uns Hinweise gab, wo wir Nahrung, Getränke und Souvenirs kaufen konnten. Wir fackelten nicht lange und packten ein paar Strandsachen zusammen, ab ins Auto und ab in den Sand. Es gab diese eine wunderschöne Stelle, an der leider vor ein paar Jahren ein Hai eine frischvermählte Braut in eine Witwe verwandelt hat, dort hat man dann ein Unterseenetz aufgespannt (von dem wir hinterher erfahren haben, daß es nicht mehr intakt ist weil für Wartungsarbeiten schon bald die Mittel gefehlt haben) – malerisch und sehr einladend, also ab ins Wasser allen Gefahren zum Trotz.

Müde von der Reise und dem Strandtrip kehrten wir aber auch bald schon heim, immerhin wurde es auf den Seychellen jeden Tag um ziemlich genau 18 Uhr dunkel und die Welt schaltete in den Nachtmodus. Die kurze Dämmerung machte den Effekt noch dramatischer, innerhalb von nicht einmal zwanzig Minuten konnte sie von „fast taghell“ auf „stockfinster“ schalten, während die heimischen Flughunde den Abendhimmel bekreisten. Einen leckeren Fisch zu Abend, noch ein paar Kokosnüsse von unserem sehr herzlichen und stets lächelndem nepalesischen Haushelfer und wir warfen die Klimaanlage an, damit wir in der Nacht wenigstens eine angenehme Schlaftemperatur hatten.

Am nächsten Tag zog es uns in ein Naturschutzgebiet, dem Vallée de Mai (UNESCO) – von hier stammte die größte Nuss der Welt, die Coco de Mer – eine Frucht von einer Palmenart, die männliche und weibliche Bäume hat und so wie die Auswüchse aussehen, geben die Pflanzen ein grandioses Fruchtbarkeitssymbol ab. Die Ausfuhr einer Coco de Mer ist übrigens nur mit Zertifikat legal, sagte man uns, es stehen hohe Strafzölle für diejenigen an, die kein solches vorweisen können. Wir ließen uns viel über die einheimischen Pflanzen und Tiere erzählen, während wir durch die Dschungelanlage staksten, lasen viele Schilder und bewunderten die Ähnlichkeit mit Banoi und Palanai. Den seltenen grauen Papagai haben wir auch ein paar Mal gesehen, genauso wie einige Süßwasserkrebse und Pilze. Ein erstaunliches Areal, dieses Valley!

Wir nutzten die Gelegenheit schon halb um die Insel rumgefahren zu sein, um die andere Seite von Praslin zu erkunden – mit der anderen Siedlung. Seltsamerweise führt um die Insel eine Straße, die an einem Punkt in ihrer Durchgängigkeit unterbrochen ist, hinter dem kleinen Flugplatz kommt man nicht mehr rum und muss den ganzen Weg zurück um wieder zu uns zurück zu kommen. Im Dunkeln im Dschungel übrigens nur sehr bedingt empfehlenswert, diese Straßen. Mangels Beleuchtung und wegen rasenden Einheimischen ist es, sagen wir, etwas tricky. Wir hätten auch eine Abkürzung nehmen können gemäß Karte, aber irgendwie hat der Wagen von der anderen Seite schon den Anstieg nicht verkraftet gehabt, also sparten wir uns den zweiten Versuch und fuhren nochmal von außen an Grande Anse vorbei. Olga hatte am Abend Kartoffeln mit Knoblauch gemikrowellt und ich hab den Käse und die Nudeln zu irgendwas ansatzweise essbarem verarbeitet und wir verkrochen uns in Zimmern und Büchern. Ich hatte das im Deus Ex Universum spielende „Icarus Effect“ zu meiner Reiselektüre erwählt und war damit auch schon gut unterwegs. Das Buch bringt einen zu bekannten Gesichtern und Schauplätzen, skizziert die abgebildete Welt noch etwas feiner und macht Spaß, so wie es ein guter Cyberpunkroman sollte. Abends leisteten uns übrigens anstatt befürchteten Mosquitos kleine grüne und braune Geckos Gesellschaft: im Haus, an den Lampen, im Dachgebälk der Terasse, einfach überall. Putzige Viechers, wenn auch sehr scheu.

Am nächsten Morgen ging es für uns bereits weiter auf die Nachbarinsel – LaDigue. Eine der schönsten Inseln der ganzen Gruppe, hieß es. Wir nahmen die guten-Morgen-Fähre und machten es uns auf dem Oberdeck mittig bequem. Nah genug an der Plastikplane an der sich einige spanische Yuppietouristen vorbeigeschmuggelt hatten, um auf den noch komplett unbesetzten Plätzen mit gutem Ausblick und ordentlich Wind im Haar Platz zu nehmen. Das Boot nahm Fahrt auf und es dauerte nicht lange, bis wir miterleben durften warum die Plätze dort abgesperrt waren: Der Seegang spuckte bei fast jeder Welle einen ordentlichen Eimer Wasser frontal auf diese Sitzgelegenheiten und nach wenigen dieser Ergüsse waren die Spanier völlig durchnässt, hatten ihre Kopfbedeckungen verloren und versuchten verzweifelt ihre iPhones zu retten, während das gesamte obere Deck sich vor Lachen um diese Show hinter dem durchsichtigen Plastikvorhang kaum halten konnte. Durchgefroren vom Fahrtwind und klatschnass kamen sie nach der kurzen Fahrt leise fluchend wieder heraus, sehr zum Amusement des Personals, was die beiseitegezogene Absperrung jetzt erst entdeckte. Reinster Slapstik. Versüßt einem den Tag.

Und tatsächlich, die Insel auf der wir ankamen war unbeschreiblich hübsch – überall kleine Häuschen, die mich an kubanische Touristenviertel erinnerten – abgeranzt aber herzlich, ebensolche Schilder, Fahrräder und entspannt wirkende Leute. Wir brauchten keine zwei Minuten zu unseren Kämmerlein, die Blick auf den Hafen hatten. Die Fahrräder hier werden übrigens nicht abgeschlossen, man lässt sie einfach stehen und fertig. Naja, wohin sollen sie auch schon verschwinden – hier kennt jeder jeden seit Jahren, weiß wer was hat und woher, insofern ist das entwenden selbiger sinnlos. Da Alla und Olga sich ausruhen wollten bevor sie loszogen die Insel zu erkunden, machten wir uns alleine auf den Weg. Im Visier war der meistfotografierte Strand der Welt und die Anlage drumherum. Zugegeben, diese Insel war weit mehr auf Touristen ausgelegt als die vorherige, aber das tat weder der Natur noch dem Erlebnis einen Abbruch. Wir spazierten südwärts und betraten nach einigem Suchen und Finden das Strandareal, wo es vor Felsen, Buchten, Kokosdrinkhändlern und Krabben nur so wimmelte. Die Algen in denen die Sandmücken brüteten waren erfreulicherweise dieses Halbjahr auf der anderen Seite der Insel, wo es raus zum indischen Ozean ging und das Schwimmen wegen dem Sog ohnehin gefährlich war.

Wir streiften ein wenig umher, sahen uns die schönen Strände und Klippen an, suchten nach einem nicht von Touristen übervölkerten Teil und wurden schließlich fündig. Dort hockten wir uns in den Schatten und genossen die Szenerie, den Wind und das Geräusch der Wellen. Auf dem Rückweg begegneten wir Olga und Alla, die wohl gerade ihre Fahrräder geparkt hatten und hielten auf einen Drink in irgendeiner kleinen Strandbar, bevor wir mit müden Füßen wieder nach Hause gehen wollten. Die Abkürzung für die wir uns aber entschieden hatten war jedoch keine. Irgendwo sind wir zu früh westwärts abgebogen und weil man auf den Seychellen die Straßen nicht zuende baut standen wir schlussendlich irgendwo im Nirgendwo und gingen einen ähnlichen Weg zurück wie den auf dem wir gekommen waren. In der Zwischenzeit hatten wir jedoch das Vergnügen wild lebende Flughunde an so manchem Baum klettern und hängen zu sehen. Fluffig-orange mit schwarzen Schnauzen baumelten sie leicht im Wind und schauten uns an oder kletterten zu komischen Früchten, die oben im Geäst verborgen waren.

Als wir die uns bekannte Weggabelung erreicht hatten, passierten wir ein paar nahezu ausgehungerte Pferde (ein trauriger Anblick) und kamen dann an ein recht großes Schildkrötengehege, wo ein einheimischer Wärter gerade selbige fütterte und daraus eine ziemliche Show machte. Einige Fußschmerzen später waren wir aber bereits zuhause und konnten duschen und uns etwas ausruhen. Ich hatte mir unterwegs ein paar übertrieben teuere Urlauberhemden zugelegt und so zog ich mich um und wirkte nun endgültig wie der letzte Tourist. Am Abend wollten wir die Empfehlung von unserem Hauswirt Ben annehmen und in einem kleinen Restaurant in der Nähe speisen, welches von seinen Verwandten betrieben wird. Dort sollte es das beste Chicken Creole der Insel geben. Leider befand es sich direkt gegenüber eines frisch gedüngten Feldes und bot dem Besucher eine Geruchspalette, die mit frischem Essen nicht viel gemein hatte. Also sind wir von diesem Vorhaben wieder abgerückt und haben uns entlang der Hauptstraße eine Speisegelegenheit gesucht. Was sich seltsamerweise durch unseren ganzen Besuch zog war das seltsame Verhalten der Einheimischen. In dem Moment, wo sie uns Essen verkauften (egal ob fertige Gerichte oder nur Zutaten) wirkten sie unfreundlich, kalt und irgendwie unwillig. Es gab nur zwei Ausnahmen – die eine sollten wir am folgenden Tag erleben, die andere waren eingewanderte Inder, die eher indisch als einheimisch wirkten.

Die kreolische Küche war faszinierend aber recht schnell erkundet. Natürlich gab es Fisch und Schalentiere in allerhand Variationen, aber vor allem Geflügel oder auch Rind fand man auf der Karte. Schweinefleisch war eher eine Seltenheit – ich vermute das hängt mit den beschränkten Kühlmöglichkeiten und der leichten Verderblichkeit zusammen. Seit ich den Jackfruit-Tree in dem Reservoir gesehen habe, habe ich es mir aber in den Kopf gesetzt unbedingt die Jackfrucht zu probieren, diese Gelegenheit sollte ich aber erst auf Mahé bekommen. Reis und Kartoffeln, sowie importierte Pasta stellten hier einen Großteil der Beilagen, vieles war scharf oder das was wir Touris dafür halten. Wir zogen uns nach dem Essen wieder auf unsere Zimmer zurück und planten für den nächsten Tag eine kleine Radtour in die andere Richtung als heute.

Nach dem Frühstück packten wir unsere Strandsachen aufs Fahrrad und bewegten uns nordwärts, vorbei am schicken Friedhof in weiß und auf zum nahezu verlassenen Strand, wo wir Muscheln sammelten und ein wenig im Wasser umherschwammen. Der Boden war Korallen- und Steinhaltig, so mussten die Wasserschuhe herhalten, aber es war schön anzusehen und gefunden haben wir auch viel Kleinod. Wir ließen die betagteren und weniger sportlichen Damen zurück und radelten nach einiger Zeit alleine weiter, immer die Straße entlang, Hügel um Hügel. Am Wegesrand begrüßten uns einheimische Tiere (zB eine riesige aber gemütliche Schildkröte, ein Hahn und eine Kuh), links ging es steil die Klippen runter – dorthin, wo die Wellen einschlugen und der weiße Schaum in die Luft sprudelte. In Europa hätte es vermutlich Absperrungen gehagelt, hier war am Ende der Straße eine Handbreit Platz bis zum Abgrund.

Aber auch auf dieser Insel baute man die Straßen nicht zuende ringsherum und so kamen wir nach einiger Zeit an das Ende. Sie hörte einfach auf. Dahinter sah man nur noch Felsen emporragen und den Ozean auf selbige einpeitschen. Wir machten kehrt und genossen die Strecke ein zweites Mal, hielten hier und da kurz an, badeten unsere Füße und sammelten Gaben des Meeres ein. Als wir wieder zuhause angekommen waren, war es nicht lange hin bis wir zu unserem Abendmahl in ein ansässiges Lokal mit einem (seltsamerweise) russischen Namen aufbrechen mussten. In Ermangelung einer Straßenbeleuchtung improvisierten wir mit Taschenlampen und Rufen eine Menschenkette auf Fahrrädern und trafen so relativ bald dort ein wo wir hin wollten. Die Gaststätte war charmant angelegt, mit kleinem Garten in dessen Mitte einige Stühle und Tische Platz boten. Ein Stück dahinter befand sich die Terasse unweit der Bar. Wir suchten uns ein schönes Eckchen und schauten durch die Karte. In der Zwischenzeit brachte man uns Getränke und Eiswürfel – wir haben eine große Freude am einheimisch produzierten Ginger Ale gehabt. Da wir nicht sicher sein konnten ob die Würfel aus abgekochtem Wasser gemacht waren, ließen wir der Höflichkeit halber einige verschwinden und den Rest zurückgehen. Kiki hatte mit ihrer spontanen Eis-hinfort-Technik Olga in der Zwischenzeit so zum Gackern gebracht, daß die arme fast die ganze Zubereitungszeit gebraucht hat, sich wieder zu beruhigen.

Das Essen war köstlich, scharf, knoblauchig und reichhaltig. Zum Nachtisch gab es noch einige Portionen Speiseeis. Oder das was die Bewohner dieser Inselgruppe dafür halten. Es schien offensichtlich aus einer Instant-Pulver-Variante gewonnen zu sein, man schmeckte den mehligen Geschmack – zusätzlich zu dem synthetischer Aromen. Aber auch mal interessant, was Einheimische so aus ihren logistischen Möglichkeiten machen.

Wir hätten gerne noch einen oder zwei Tage mehr auf der Insel gehabt, um sie bis in ihre bergig wirkende Mitte zu erkunden, aber am nächsten Morgen gings für uns schon wieder weiter zurück auf Mahé. Dort haben wir dann ein paar Sachen geplant zu denen wir bisher noch nicht gekommen sind – Schnorcheln gehen am Korallenriff und die Schildkröteninsel besuchen. Und natürlich wollten wir noch in Victoria, der kleinsten Hauptstadt der Welt, ein wenig Sightseeing betreiben. Damit begannen wir auch ziemlich direkt, nachdem wir uns in unser wunderschönen Villa im Süden der Insel niedergelassen hatten und die Koffer ein letztes Mal auseinandernahmen.

Victoria erinnerte mich stark an eine Mischung aus Henderson (Palanai Island) und Port Louis (Mauritius) – abgeranzt und doch lebendig, vielseitig und doch nicht ungefährlich. Wir versorgten uns im Supermarkt mit den Sachen, die wir später brauchen würden und suchten uns zu Fuß den Weg zum städtischen Marktplatz, der erschreckende Ähnlichkeit mit dem Sea Market auf Palanai hatte. Allerdings gab es da keine Zombies und die Souvenirs waren ganz nett anzusehen. Dort hab ich auch ein Päckchen bereits geschälte und geschnittene Jackfruit ergattert, die ich später zuhause auch probiert habe. Eine sehr faszinierende Frucht war das – von der Konsistenz und dem ersten Geschmack erinnerte sie ein wenig an eine faserig-weiche Art Ananas, doch dann kamen Aromen auf, die eher nach Honigmelone und Apfel und zum Schluss zitrusartig schmeckten. Ich habe noch nie etwas derartig kurioses gegessen, muss ich sagen. Wir wuschen und trockneten die Kerne, nahmen sie mit nach Deutschland und mittlerweile sind vier von sechs kleinen Jackfruchtbäumen gekeimt und stehen bei uns auf dem Fensterbrett.

Aber zurück zum Markt – Olga schaute sich noch ein paar Kleider an, Kiki machte einen Ausflug in die Welt der Gewürze und ich stahl mich davon um ein paar Blumen zu kaufen. Alla hatte Geburtstag und obwohl es überall wo wir gefragt haben hieß „Keine Blumenläden auf den Tropeninseln“, wurde ich am Markt fündig in einem kleinen eher nach Metzgerei aussehenden Geschäft in dem es so kalt war wie in einem Kühlschrank. Bei den Außentemperaturen, verständlich – das würden die Blumen nicht mitmachen. Da Kiki die Alla lang genug ablenken konnte, daß mein Verschwinden zunächst unbemerkt blieb, war die Überraschung später um so größer. 😀 Well played.

Mit Speis und Trank gings dann wieder zurück nach Hause, zumindest nachdem wir über Umwege für den nächsten Tag einen kleinen Trip um die Insel gebucht hatten. Man gewöhnt sich irgendwie ein anderes Tempo an, wenn die Tage so kurz sind und die Abende lang, hab ich das Gefühl. Da ist 16 Uhr schon reichlich spät, wenn das Licht gegen 18 Uhr fast komplett verschwunden ist. Seltsames Gefühl das, immer wieder surreal. Wie dem auch sei, am nächsten Tag waren wir morgens an der Pier und ließen uns von unserem leicht bekifft wirkenden Erique in seinem Glasbodenboot zum Schnorcheln an die Korallen bringen. Die Fische waren zum Greifen nah, sprangen fast aus dem Wasser als wir sie unterwegs fütterten. Das Wasser war perfekt, die Korallen und ihre Bewohner ein Augenschmauß und diese Ruhe, weit und breit nichts – einfach herrlich.

Nach einer ganzen Weile des Auf- und Untertauchens, Schnorchelns und Fotografierens waren wir wieder ins Boot geklettert und los in Richtung Schildkröteninsel, wo ein kleiner Rundgang auf uns wartete. Und mehrere Dutzend Schildkröten! :O Die Insel selbst war vom Schmugglernest über Mission über Naturreservat schon so ziemlich alles gewesen und überall fand man kleine Gebäude, ihre Ruinen oder Geschichten und Legenden aus der Region auf netten Schildchen angebracht. An einigen Passagen mussten wir ganz schön klettern, manchmal auch echt vorsichtig runter um uns nicht zu maulen, aber alles in allem hatte das ganze ein Bißchen was vom Monkey Island Feeling für mich. Es hätten echt nur noch ein paar Äffchen gefehlt und einige Zettel in denen „Die Monkey Island Kannibalen“ und „LeChuck und die Geisterpiraten“ einander schreiben. Sehr sehr hübsch.

Bevor es zurück auf die Hauptinsel ging, gab es noch einen Zwischenstop bei einem BBQ am Strand und so kehrten wir wohl gesättigt, nass und noch immer etwas von Eindrücken überwältigt zurück. Kurze Zeit später plünderten wir den Inder unseres Vertrauens (Kumar & Kumar) und krallten uns ein paar dekadente Fertiggerichte aus der Region, sowie Reis, Nachtisch und allerhand anderes Zeug, was man für eine Geburtstagsparty im kleinen Kreis so brauchen kann. Wir genossen die letzten Abende in unserem Domizil sehr, es war ein großräumiges zweistöckiges Gebäude mit Terrasse an einem Hang, mit einem Garten drumherum und Meerblick.

Und so neigte sich die schöne Zeit leider unausweichlich dem Ende zu, wir packten die Koffer ein letztes Mal, fuhren noch einmal zum Strand in der Nähe, doch am Abend ging es bereits in den Flieger und für ein paar Stunden nach Dubai, wo wir uns soweit möglich im Flughafen lang machten. Zwischen Klunkern und plattem Kitsch ein letztes Auftauchen von Ninjas, Schneemännern und pompösen Shops – dieser Airport war wirklich mehr eine Mall als alles andere. Nach so vielen Tagen in unbeschreiblich schöner Natur ist das was einem auf den zweiten Blick in Dubai geboten wird doch eher bedenklich und ein kleines bißchen mitleidserregend als beeindruckend. Trotz allem.

Alles in allem: ein sehr vielschichtiger und abenteuerlicher Urlaub war das! Seltsamerweise weder Sonnenbrand noch Mückenstiche, dafür aber jede Menge bleibende Eindrücke und Erinnerungen.

Now playing: Sam B. - No Room in Hell | Stimmung: Beeindruckt